Das New York in Warren Ellis’ zweitem Roman „Gun Machine“ ist nicht das der Touristenführer. Es ist eher die Stadt des Polizeifunks, reiht also Grauen an Knurrigkeit.

Kultur: Thomas Klingenmaier (tkl)

Stuttgart - Eigentlich geht das ja gar nicht mehr: einen Serienkiller mit besonders exzentrischen Wahnvorstellungen, extrem hoher Opferstrecke und ausnehmend bizarren Lebensverhältnissen zu entwerfen und auf jenen kaputten Polizisten anzusetzen, der ihm auf der Spur ist. Bei diesem Krimikonzept kann doch nur noch jener verklemmte Horrorschnickschnack herauskommen, der von manchen Krimileserinnen als Lektürebeilage zu einem Schokoladefressnachmittag im Lesesessel geschätzt wird. Also jene Wir stellen-uns-unseren-Ängsten-Heuchelei, die in Wirklichkeit eine Verbannung aller realen Beunruhigungen ins Reich des Geisterbahnklamauks betreibt. Ist doch alles nur gesponnen, soll der Leser sich nach und während der Lektüre beruhigt versichern dürfen.

Der Brite Warren Ellis hat mit „Gun Machine“ einen überkandidelten, groteskerieverliebten Cop-und-Serienkiller-Krimi geschrieben. Aber das Buch ist überraschenderweise kein ödes Einklebealbum anderswo geklauter Motive, auf das mit dickem Filzer „Noch origineller!“ gekrakelt wurde. „Gun Machine“ erzählt trotz seiner schrillen Motivik sehr treffend vom Unbehagen in der großen Stadt.

Vertraut verrückt in Mannahatta

Um dieses Buch zu beschreiben, muss man ein paar Dinge verraten, die Ellis nicht gleich auf den ersten Seiten ausplaudert. Der Serienkiller, der hier nach einer langen Mordkarriere erstmals der Polizei auffällt, hat kräftige Wahnvorstellungen. Er träumt sich mit offenen Augen zurück in die Zeit der ersten Kontakte von weißen Neuankömmlingen und Indianern. Er geht durch Manhattan, aber er sieht Mannahatta vor sich. Häuser und Laternen werden zu Bäumen und Hügeln, Asphalt wird zu Gras, Autos werden zu Tieren. Am liebsten nächtigt dieser Kerl im Freien in Parks und ernährt sich von selbstgejagten Eichhörnchen.

Das heißt, seine Verrücktheit rückt ihn uns nicht fern, ist keine sichere Schranke zwischen dieser Fantasiefigur und uns. Dieser Jäger, wie er sich selbst tituliert, teilt vielmehr zivilisationskritische Reflexe und ökoromantische Allüren mit vielen von uns, er schafft es, eine Generalabsage ans Jetzt und eine Rückbesinnung auf vermeintlich bessere, ganzheitlichere Lebensmodelle mitten in einem Zentrum der Moderne durchzuziehen. Und dabei ein bösartiges Monster zu sein.

Der Cop, der diesem Killer auf die Spur kommt, ist erwartungsgemäß ein gebrochener Mann. Detective John Tallow hat gerade erst seinen Partner verloren, im Department ist er isoliert. Aber er ist kein edler Melancholiker, mit dem man sich gern identifiziert. Er war seit Jahr und Tag eine faule Sau, einer, der seine früheren Ambitionen und die Stadt längst aufgegeben hatte und vom Partner durch den Job gezogen wurde. Die Suche nach dem Serienkiller wird sein letztes Hurra auch nur deshalb, weil er merkt, dass sein Scheitern ganz zynisch von oben fest eingeplant wurde.

Mehr Polizeifunk als Touristenführer

Warren Ellis ist bekannt geworden als Autor hervorragender Comics, als Teil jener Brit Invasion im Amerika der Superhelden, deren schlauere Köpfe neben mehr oder weniger revisionistischen Varianten der Marvel- und DC-Mythen auch bizarre eigene Geschichten vorlegten, die allenfalls tangential zum Superheldenkosmos stehen, aber auf jeden Fall dessen Bizarrheit teilen.

Als Einstieg in Ellens Comicwelt könnte sich für Krimileser die Serie „Transmetropolitan“ empfehlen, die von einem Gonzo-Journalisten einer miesen Zukunft erzählt. Die wäre schon deshalb erste Wahl, weil ihre innere Verbindung zu Gonzo-Gründer Hunter S. Thompson auch die Brücke zu Ellis‘ erstem, unbedingt lesenswertem Krimi „Gott schütze Amerika“ im Original „Crooked Little Vein“, bildet.

Die richtige Slang-Stimmgabel

„Gott schütze Amerika“ (Heyne) ist eine dreckige kleine Tour de Force in einem Drehzahlbereich jenseits der Garantiebestimmungen. Ellis liefert ein letztlich doch Sinn ergebendes Zerrbild Amerikas, so wie auch Thompson in seinen LSD-reichsten Momenten nie an der Wirklichkeit vorbeischreiben konnte, obwohl die Oberfläche seiner Texte anders aussah als jene handelsüblicher Reportagen.

„Gun Machine“ ist anders als „Gott schütze Amerika“, obwohl sich auch die Szenerien dieses Romans nicht unbedingt zum New-York-Erstbesucher-Leitfaden „Fünf Dinge, die Sie garantiert sehen werden, kaum dass sie aus dem Taxi gestiegen sind“ zusammensetzen. Der Ton ist ernster und ruhiger, das Fantastische der Geschichte wird von der realistischen Brummigkeit und Knurrigkeit der Dialoge geerdet. Im Original erinnern manche Phrasen an die TV-Serie „The Wire“, gewiss keine schlechte Slang-Stimmgabel.Auch die deutsche Übersetzung von Ulrich Thiele bewahrt einiges vom zerknautschten Charakter einer vom ständigen Zusammenprall von Wunsch und Wirklichkeit geformten Sprache der Prätentionsvernichtung.

Das Harmlose wird weggekürzt

So wirkt die Story selbst bald nicht mehr wie ein Versuch satirischer Übersteigerung. Nein, „Gun Machine“ nimmt den gleichen Charakter an wie der Polizeifunk, den der Cop Tallow beim Autofahren in einem eigenartigen Prozess der Schreckensgewöhnung einschaltet: all die Horror- und Irrsinnsmeldungen aus der Stadt sind wahr, lediglich das Harmlose oder Positive ist aus diesem Nachrichtenstrom ausgeblendet.

Der Serienkillerroman „Gun Machine“ ist nahe verwandt mit jener Art New-York- Krimi, die sich Hoffnungen auf einen deutschen Markt machen durfte, bevor eben die Serienkiller- und Pathologenkonfektion und deren schwedische Ikea-Nachbauvarianten diese Hoffnungen beseitigte – mit den Büchern von Jerome Charyn, Larry Beinhart und Jerry Oster.

Man möchte Ellis mehr Glück als diesen Autoren wünschen. Aber aktuell läuft zunächst einmal die Nachricht ein, dass er sich mit seinem US-Verlag Mulholland Books überworfen hat. Das passt dann zu seinem Cop John Tallow, der weiß, dass ihn bei seiner Ermittlung zwei Dinge in große Schwierigkeiten bringen werden, der Erfolg und der Misserfolg.

Warren Ellis: „Gun Machine“. Roman. Deutsch von Ulrich Thiele. Heyne Taschenbuch, München. 384 Seiten, 8,99 Euro. Auch als E-Book, 7,99 Euro.

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