Krimikolumne

Warren Ellis: „Gun Machine“ Unbehagen in Manhattan

Das New York in Warren Ellis’ zweitem Roman „Gun Machine“ ist nicht das der Touristenführer. Es ist eher die Stadt des Polizeifunks, reiht also Grauen an Knurrigkeit.

Von Serienkillern mit ausgeprägtem Spleen kann man kaum noch ernsthaft erzählen. Warren Ellis aber führt uns durch eine dunkle Tür zu einem   Waffenfreak, der noch einmal Angst macht. Foto: Mulholland Books
Von Serienkillern mit ausgeprägtem Spleen kann man kaum noch ernsthaft erzählen. Warren Ellis aber führt uns durch eine dunkle Tür zu einem Waffenfreak, der noch einmal Angst macht. Foto: Mulholland Books

Stuttgart - Eigentlich geht das ja gar nicht mehr: einen Serienkiller mit besonders exzentrischen Wahnvorstellungen, extrem hoher Opferstrecke und ausnehmend bizarren Lebensverhältnissen zu entwerfen und auf jenen kaputten Polizisten anzusetzen, der ihm auf der Spur ist. Bei diesem Krimikonzept kann doch nur noch jener verklemmte Horrorschnickschnack herauskommen, der von manchen Krimileserinnen als Lektürebeilage zu einem Schokoladefressnachmittag im Lesesessel geschätzt wird. Also jene Wir stellen-uns-unseren-Ängsten-Heuchelei, die in Wirklichkeit eine Verbannung aller realen Beunruhigungen ins Reich des Geisterbahnklamauks betreibt. Ist doch alles nur gesponnen, soll der Leser sich nach und während der Lektüre beruhigt versichern dürfen.

Der Brite Warren Ellis hat mit „Gun Machine“ einen überkandidelten, groteskerieverliebten Cop-und-Serienkiller-Krimi geschrieben. Aber das Buch ist überraschenderweise kein ödes Einklebealbum anderswo geklauter Motive, auf das mit dickem Filzer „Noch origineller!“ gekrakelt wurde. „Gun Machine“ erzählt trotz seiner schrillen Motivik sehr treffend vom Unbehagen in der großen Stadt.

Vertraut verrückt in Mannahatta

Um dieses Buch zu beschreiben, muss man ein paar Dinge verraten, die Ellis nicht gleich auf den ersten Seiten ausplaudert. Der Serienkiller, der hier nach einer langen Mordkarriere erstmals der Polizei auffällt, hat kräftige Wahnvorstellungen. Er träumt sich mit offenen Augen zurück in die Zeit der ersten Kontakte von weißen Neuankömmlingen und Indianern. Er geht durch Manhattan, aber er sieht Mannahatta vor sich. Häuser und Laternen werden zu Bäumen und Hügeln, Asphalt wird zu Gras, Autos werden zu Tieren. Am liebsten nächtigt dieser Kerl im Freien in Parks und ernährt sich von selbstgejagten Eichhörnchen.

Das heißt, seine Verrücktheit rückt ihn uns nicht fern, ist keine sichere Schranke zwischen dieser Fantasiefigur und uns. Dieser Jäger, wie er sich selbst tituliert, teilt vielmehr zivilisationskritische Reflexe und ökoromantische Allüren mit vielen von uns, er schafft es, eine Generalabsage ans Jetzt und eine Rückbesinnung auf vermeintlich bessere, ganzheitlichere Lebensmodelle mitten in einem Zentrum der Moderne durchzuziehen. Und dabei ein bösartiges Monster zu sein.

Der Cop, der diesem Killer auf die Spur kommt, ist erwartungsgemäß ein gebrochener Mann. Detective John Tallow hat gerade erst seinen Partner verloren, im Department ist er isoliert. Aber er ist kein edler Melancholiker, mit dem man sich gern identifiziert. Er war seit Jahr und Tag eine faule Sau, einer, der seine früheren Ambitionen und die Stadt längst aufgegeben hatte und vom Partner durch den Job gezogen wurde. Die Suche nach dem Serienkiller wird sein letztes Hurra auch nur deshalb, weil er merkt, dass sein Scheitern ganz zynisch von oben fest eingeplant wurde.