Heißt es „ein Schere“ oder „eine Schere“? Und wenn ein Mädchen diese in der Hand hält, gehört die Schere dann „ihm“ oder „ihr“? Um grammatikalische Grundlagen geht es an diesem Vormittag im Deutschunterricht mit Thomas Schwarzwälder. Schülerinnen und Schüler aus acht verschiedenen Nationen sitzen im Kreis beisammen, jeder hat ein Ding in der Hand: einen Locher, ein Lineal, einen Taschenrechner – und die besagte Schere. In einem Frage-Antwort-Spiel üben sie den unbestimmten Artikel, das Possessivpronomen und bessern ihren Wortschatz auf.
Alle sind Anfänger in Deutsch und erst vor kurzem in der Vorqualifizierungsklasse (VABO) an der Schule für Farbe und Gestaltung in Stuttgart-Feuerbach gestartet, also in einer Klasse mit Schwerpunkt auf dem Erwerb von Deutschkenntnissen. Sie können froh sein, dass das geklappt hat. Würden sie jetzt die Meldestelle in der Schule aufsuchen und nach einem Schulplatz fragen, kämen sie ans Ende einer langen Warteliste.
„Wir haben da einen gewissen Kontrollverlust“, sagt der Schulleiter
„Es gibt keinen VABO-Platz mehr in Stuttgart“, sagt einer, der es wissen muss: Felix Winkler ist der geschäftsführende Schulleiter der beruflichen Schulen in Stuttgart und damit für die Überwachung der Berufsschulpflicht zuständig, die auch für geflüchtete und zugewanderte Jugendliche gilt. Winkler schätzt, dass mindestens 60 bis 70 Jugendliche noch unversorgt sind, die in eine VABO-Klasse gehörten, hinzu kämen noch rund 30 bis 40 Minderjährige, die nach ihrem Schulabschluss nirgendwo untergekommen sind und deshalb in eine Jungarbeiterklasse müssten.
In Bezug auf die VABO-Schüler seien das Schätzungen. Sicher sagen, wie viele noch in der Luft hängen, könne er nicht. Weiterhin meldeten sich jede Woche Jugendliche, die einen VABO-Platz bräuchten. „Wir müssen dringend das Anmeldesystem digitalisieren“, sagt der Schulleiter. Momentan laufe alles über Zettel. Ändert sich die Adresse eines geflüchteten Jugendlichen, weil er die Unterkunft wechselt, bekommt das die Meldestelle an seiner Schule nicht automatisch mit. „Wir haben da einen gewissen Kontrollverlust“, sagt Winkler.
Digitale Angebote für die Unversorgten?
Aktuell sind in der Landeshauptstadt laut dem Stuttgarter Regierungspräsidium an neun öffentlichen beruflichen Schulen 20 Klassen mit etwa 350 Schülerinnen und Schülern eingerichtet. Weitere 400 würden an privaten Ersatzschulen im Kreis Stuttgart beschult. Werden Plätze frei, etwa wegen eines Wegzugs, würden Plätze nach Warteliste belegt, sagt das Regierungspräsidium. Doch was ist mit denen, die unversorgt sind? Die Verwaltung sei im Gespräch mit privaten Trägern, um weitere Angebote zu schaffen, auch digitale oder hybride Modelle seien angedacht. „Ziel ist nach wie vor, allen Jugendlichen einen raschen Spracherwerb zu ermöglichen, um sie für eine Ausbildung oder weitere Schulbildung fit zu machen“, sagt eine Sprecherin des Regierungspräsidiums.
Das soziale Miteinander muss sich immer wieder neu finden
In der Schule für Farbe und Gestaltung geschieht das, indem man die Schüler in Deutsch und Mathe auf drei unterschiedliche Niveaus aufteilt. „Gemeinsam kann man sie gar nicht beschulen“, erklärt Felix Winkler. Während Thomas Schwarzwälder bei den Anfängern ist, unterrichtet Petra Dais in einem anderen Klassenzimmer die in Deutsch Fortgeschrittenen aus der Klasse.
Die Lehrerin macht das gerne, findet dieses Schuljahr aber „extrem“. Es habe viele Wechsel gegeben, das erschwere das Lernen, das soziale Miteinander müsse sich stets neu finden. An diesem Morgen sitzt Petra Dais mit elf Jugendlichen im Kreis. Gemeinsam lesen sie in einem Buch in leichter Sprache über Anne Franks Leben und sprechen über schwierige Formulierungen: Was sind Manieren? Was ist ein „Streit um nichts“? Was ist überhaupt Streit? Die Jugendlichen machen konzentriert mit. „Wenn ich nicht putzen, meine Mutter kommt, ,warum du nicht putzen’ – das ist eine Streit“, sagt ein Ukrainer. Auch um Parkplätze könne man streiten, ergänzt ein anderer Schüler.
Drei Rentner haben ihre Unterstützung angeboten
Die meisten sind seit eineinhalb Jahren in Deutschland. Nur Bahar, ein 15-jähriger Afghane, ist erst vor sechs Monaten angekommen – und sitzt doch bei den Fortgeschrittenen. Er habe bereits zu Hause Deutsch gelernt auf Youtube, erklärt er. Sein Ziel: nächstes Jahr will er eine Ausbildung anfangen. Für die übrigen ist es das zweite Schuljahr in der VABO-Klasse. Arseni, der neben Bahar sitzt, ist froh über dieses Angebot: „Hier sind alle Menschen, die lernen, aus anderen Ländern – sie haben auch Probleme, kennen Krieg und verstehen einen“, sagt der 16-Jährige, der aus Charkiw geflohen ist. Freunde hätten ihm von Mobbing an normalen Schulen berichtet.
Bahar ist der einzige, der jemanden kennt, der noch in der Luft hängt: ein junger Afghane, mit dem er auf der Flucht war. Ob der sich überhaupt gekümmert habe, wozu er verpflichtet ist, wisse er aber nicht. Die 16-jährige Kamilla findet solche Sprachklassen „für alle“ wichtig. „Wer niemanden versteht, der geht nicht raus, der bleibt im Haus“, sagt die Ukrainerin.
An den öffentlichen Schulen können aktuell keine weiteren Klassen eingerichtet werden. Das hat Felix Winkler gegenüber unserer Zeitung zum Schuljahresbeginn berichtet. Es fehlten Räume und Lehrkräfte. Immerhin hätten sich zuletzt drei Rentner gemeldet, die bereit wären, die Sprachförderung zu unterstützen. Ob die Eignung besteht, werde man prüfen. „Ich erlebe nach wie vor eine große Hilfsbereitschaft“, sagt Winkler. Ein paar Monate könne ein Jugendlicher wohl überbrücken, aber ein ganzes Jahr wäre problematisch.