Bürgerbüros in Stuttgart Endloses Warten in langen Schlangen – ein Erfahrungsbericht
Wer einen Behördengang in einem Stuttgarter Büro vor sich hat, muss viel Geduld mitbringen – und am besten gleich noch einen Campingstuhl. Ein Erfahrungsbericht.
Wer einen Behördengang in einem Stuttgarter Büro vor sich hat, muss viel Geduld mitbringen – und am besten gleich noch einen Campingstuhl. Ein Erfahrungsbericht.
Von wegen Wurm fangen. Der frühe Vogel steht in der Schlange, eben so wie ganz viele seiner Artgenossen an diesem Donnerstagmorgen.
Die Ankunft um 7.55 Uhr reicht gerade einmal zu Position 53 in der Reihe vor dem Bürgerbüro Stuttgart-Süd, das erst in 35 Minuten öffnet. Ein gestohlener Geldbeutel, in dem sich unter anderem Personalausweis und Führerschein befunden haben, macht diesen Behördengang unausweichlich. Schlecht vorbereitet kann man dieses Unterfangen nicht nennen, wenn noch am Abend zuvor online gecheckt wurde, welche Bürgerbüros gerade überhaupt offen haben und wie die aktuellen Öffnungszeiten sind.
Um 8.05 Uhr läuft ein Mitarbeiter einer Sicherheitsfirma die immer länger werdende Schlange ab. Gerade einmal 20 Einlasszettel verteilt er und verkündet den anderen, dass sie Pech gehabt haben und heute Nachmittag um 14 Uhr wiederkommen könnten. Ob jemand berufstätig ist, scheint in diesen unterbesetzten Amtszeiten keine große Rolle zu spielen. Der Sicherheitsmann gibt den Abgewiesenen noch den Tipp mit auf den Weg, es in Bürgerbüros in anderen Stadtbezirken zu versuchen. Nur vom Amt Stadtmitte in der Eberhardstraße rät er dringend ab: „Da ist prinzipiell die Hölle los.“
Die eindringliche Warnung wird dahingehend interpretiert, dass gerade deshalb die City-Anlaufstelle schlecht besucht ist. Dieser Rat dürfte schließlich momentan an ganz vielen Stuttgarter Meldebehörden gegeben werden. Mut wird belohnt. Auf zum Schwabenzentrum, wo die Schlange um 8.25 Uhr allerdings mehr als 100 Personen zählt.
Immerhin wird hier niemand von den drei am Eingang postierten, durchtrainierten Sicherheitsmännern abgewiesen. Der Kräftigste von ihnen raucht nicht nur Kette, er redet den Wartenden auch gut zu. Die schauen neidisch, wenn wieder jemand ohne anzustehen durchgelassen wird. „Das sind die, die ihre Papiere nur noch abholen müssen“, sagt einer, der sich nicht nur durch diese Information als professioneller Behördenbesucher zu erkennen gibt. Der Mann hat sich einen Campingstuhl mitgebracht, den er jetzt aufklappt. Das beeindruckt die Umstehenden. Anerkennendes Kopfnicken in der Menge. Dieser Zuspruch animiert den Campingstuhlbesitzer dazu, sich nun der Philosophie zuzuwenden. „Ist das ganze Leben nicht ein einziges Warten?“, fragt er, um die Antwort sofort selbst zu geben. „Ja, es ist das Warten auf den eigenen Tod.“ Solange will hier aber definitiv niemand stehen.
Gut eine Stunde beträgt die Wartezeit vor dem Schwabenzentrum, wer vom Marlboro Man reingelotst wird, jubelt. Zu früh. Denn kurz vor dem Ziel gibt es einen Warteraum, der brechend voll ist. Der ausgehändigte Nummernzettel und die Bildschirmanzeige machen einem klar: Noch einmal 30 Personen sind vorher an der Reihe, was Zeit lässt, sich mit den Sitznachbarn zu unterhalten. Die geflüchtete Frau aus der Ukraine sagt, dass man sie jetzt bitte nicht falsch verstehen und für undankbar halten solle, aber bei ihr zu Hause sei es unkomplizierter und ginge schneller, an eine amtliche Bescheinigung zu kommen. Stichwort Digitalisierung. Da ist Deutschland offenbar ein Entwicklungsland und Stuttgart gerade seine Hauptstadt. Das hat die höfliche Ukrainerin natürlich nicht gesagt. Allerhöchstens gedacht.
Die offiziellen Erklärungen für den Besucherstau klingen in den Ohren der Wartenden nicht komplett überzeugend. Die Vorurlaubszeit sei mit dem Blick auf abgelaufene Ausweise immer kritisch, heißt es, dazu aktuell viele Krankheitsfälle. Das Ergebnis: Personalmangel. „Dieses Problem müssen die Verantwortlichen bei der Stadt trotzdem lösen“, sagt ein junger Mann im Warteraum.
Das derzeit aktive Personal ist gewiss nicht Schuld am Engpass, jedenfalls nicht die Frau an Schalter 4 in Raum C, die dem Halter der Nummer 132 hilft, einen neuen Führerschein und einen neuen Personalausweis zu bekommen. Freundlich, kompetent und schnell erledigt sie ihre Arbeit. Zum Abschied sagt sie um Punkt 11 Uhr noch aufmunternd: „Beim Abholen geht’s schneller.“