Wartungsarbeiten im AKW Neckarwestheim Polieren für die Restlaufzeit

Ein Monteur putzt die  Turbine, die zusammen mit dem Atomreaktor das Herz der Anlage ausmacht. Bei der Revision wird  auch der „Keller“ des Maschinenhauses geöffnet (unten). Foto: Frank Eppler
Ein Monteur putzt die Turbine, die zusammen mit dem Atomreaktor das Herz der Anlage ausmacht. Bei der Revision wird auch der „Keller“ des Maschinenhauses geöffnet (unten). Foto: Frank Eppler

Das Atomkraftwerk Neckarwestheim II muss spätestens 2022 abgeschaltet werden – wird da vielleicht an der Sicherheit gespart? Ein Blick hinter die Kulissen bei den jährlichen Wartungsarbeiten.

Politik: Christoph Link (chl)
WhatsApp E-Mail LinkedIn Flipboard Pocket Drucken

Neckarwestheim - Schon verständlich, dass die Mitarbeiter im weitläufigen Gelände des Atomkraftwerks Neckarwestheim mit Dienstfahrrädern unterwegs sind. Aber seltsam mutet es an, dass die meisten ihre Räder mit Schlössern verriegeln – wer sollte hier stehlen? Wie sollte man ein geklautes Rad aus dem mit einem hohen Zaun und Sicherheitsschleusen abgeriegelten Gelände herausbugsieren? „Jeder hat sein Lieblingsfahrrad, seine Sattelhöhe individuell eingestellt“, erklärt Angela Brötel, Pressesprecherin des Energieversorgers EnBW, der Neckarwestheim betreibt. Brötel ist mit Christoph Heil, dem Chef der Kernkraft GmbH bei der EnBW und zwei Journalisten auf dem Gelände unterwegs, um einen Blick hinter die Kulissen bei den jährlich anstehenden Wartungsarbeiten zu werfen.

Neckarwestheim, genauer gesagt der seit 1989 laufende Kraftwerksblock II – der alte Block I ist abgeschaltet –, ist ein Powerhouse. Er hat eine Leistung von 1400 Megawatt, was man auch mit rund zwei Millionen PS übersetzen könnte. Er deckt mit seiner erzeugten Elektrizität ein Sechstel des Strombedarfs in Baden-Württemberg. Aber der Countdown läuft. Ende 2022 ist Schluss, dann wird im Rahmen des Atomausstiegs der Reaktorblock abgeschaltet.

Sechs Jahre Betrieb also noch, wird da vielleicht an der Sicherheit gespart? Lohnen sich neue Investitionen etwa in den Strahlenschutz? Wie wirkt sich der Wartungsskandal vom Frühjahr aus, den die EnBW selbst angezeigt hatte, weil zwei Mitarbeiter der US-Firma Westinghouse bei Revisionsarbeiten im Kernkraftwerk Philippsburg offenbar die Prüfungen radiologischer Messeinrichtungen nur vortäuschten?

Schon im Eingangsbereich der Atomanlage Neckarwestheim ist die Atmosphäre der 80er Jahre spürbar, sie klebt an den Räumen. Das wird auch so bleiben, warum sollte hier für sechs Jahre noch etwas erneuert werden? Ocker gekachelte Flure, blaue Waschbecken in den Sanitäranlagen. Durch einen dreieckigen Hochgang – Spitzname Toblerone – geht es zum Doppelherz der Anlage: zum kugelförmigen Reaktorblock und zum Maschinenhaus.

Eine Mischung von Guantánamo und Hallenbad

Links schweift der Blick auf eine Baustelle und damit in die Zukunft: Da wird auf dem Gelände des abgerissenen Kühlturms von Reaktorblock I ein Reststoffbearbeitungszentrum gebaut, wichtig für die Materialverwertung beim geplanten Rückbau der Atommeiler Neckarwestheim. Dass der alte Kühlturm weg sei, sagt der Ingenieur Heil, darüber sei er ganz froh – wegen der gebannten Brandgefahr, denn der Turm habe zum größten Teil aus Holz bestanden.

Der Zugang zum Reaktorblock wird den Besuchern verwehrt. Auch dort findet die Revision statt, und mit Hilfe eines fahrbaren Krans werden dieses Jahr 20 der insgesamt 193 Brennelemente ausgetauscht. Der Betondeckel des Reaktordruckbehälters wird zu diesem Zwecke geöffnet – ein stundenlanger Prozess im gefluteten Reaktor. Sichtbar ist immerhin der Schleusenzugang zum Atomreaktor, Kontrollbereich genannt. Männer in Badelatschen, halbnackt und geschützt nur mit orangefarbenen Umhängen passieren hier die Sicherheitsschranken, sie tragen Dosimeter. Jenseits der Grenze ziehen sie ihre Schutzkleidung an. Die Szenerie erinnert an eine Mischung von Guantánamo und Hallenbad – beklemmend. „Bitte hier nicht fotografieren“, sagt Christoph Heil.

Unsere Empfehlung für Sie