Warum ARD und ZDF mit dem ORF zusammenarbeiten Tirol hat einfach die höheren Berge

Von Tilmann Gangloff 

Alpenlandschaften und österreichischer Humor wie in den „Vorstadtweibern“ sind beliebt beim deutschen TV-Publikum. Darum arbeiten ARD und ZDF gern mit dem ORF zusammen. Aber das hat auch noch andere Gründe.

Die Titelheldinnen der neuen  Serie  „Dennstein & Schwarz“ (Martina Ebm, li.,  und Maria Happel) Foto: ARD/ORF/Hubert
Die Titelheldinnen der neuen Serie „Dennstein & Schwarz“ (Martina Ebm, li., und Maria Happel) Foto: ARD/ORF/Hubert

Tirol - Zwei Filme zum Preis von einem: Dieses Argument ist unschlagbar. Reine TV-Produktionen kommen hierzulande nur selten in den Genuss von Fördergeldern. Aber der Fernsehfonds Austria sorgt dafür, dass seit einiger Zeit viele scheinbar deutsche Filme in Wirklichkeit Koproduktionen mit dem ORF sind. Auf diese Weise reduzieren sich die Kosten für ARD und ZDF auf 50 Prozent; den Rest übernehmen jeweils rund zur Hälfte der ORF und der mit 13,5 Millionen Euro ausgestattete Fernsehfonds. Davon profitiert vor allem die ARD-Tochter Degeto, in deren Freitagszeitvertreib das Thema Heimat schon immer eine große Rolle spielt.

Natürlich könnte ein Film wie der im Februar ausgestrahlte Zweiteiler „St. Josef am Berg“ (gedreht im Salzburger Land) auch in den Bayerischen Alpen spielen. Aber für Österreich spricht laut Degeto-Chefin Christine Strobl neben dem Geld ein weiterer Aspekt: „Die Berge dort sind einfach höher und auch prägnanter.“ Da Bergfilme gut ankämen, sei es naheliegend, Heimatfilme in den österreichischen Alpen anzusiedeln.

Die neue Heimatfarbe

Den nicht zu übersehenden Heimat­faktor vieler Freitagsfilme rechtfertigt die Degeto-Chefin mit der Authentizität: Es sei den Zuschauern sehr wichtig, „dass sich die Geschichten, die wir erzählen, um ihr Leben drehen, sie bewegen und berühren. Und da spielt Heimat natürlich eine große Rolle.“ Das Zweite macht es nicht anders: Die 2015 gestartete Alpenfilmreihe „Hanna Hellmann“ ist als „neue Heimatfarbe“ angekündigt worden; die Geschichten spielten in Tirol. Auch bei der im Großraum Lindau/Bregenz entstehenden Krimireihe „Die Toten vom Bodensee“ spielt die Landschaft eine große Rolle; Fernsehmacher sprechen von „Crime in Nature“. Für beide Genres, freut sich Filmproduzent Thomas Hroch, „haben wir in unserem schönen ­Österreich tolle Schauplätze zu bieten.“

Mindestens ebenso wichtig sind die Schauspieler. Harald Krassnitzer, Aglaia Szyszkowitz, Tobias Moretti, Nora Waldstätten, Franziska Weisz, Fritz Karl oder Hans Sigl sind aus dem deutschen Fernsehen nicht wegzudenken. Ein weiterer Aspekt ist die kulturelle Nähe. Strobl geht so weit zu sagen, „dass die deutschen Zuschauer die österreichische Kultur lieben. Gerade beim Humor können wir uns einiges abschauen“, wie die ORF-Serie „Vorstadtweiber“ belege: „Autoren, die solche Drehbücherschreiben können, sind rar gesät.“ Hroch glaubt, die Österreicher seien „in mancherlei Hinsicht mutiger und erzählen Geschichten auch mal anders. Im Krimiland Deutschland werden kaum noch Komödien produziert; uns sagt man nach, dass wir das recht gut können.“

Dialekt ist keine Hürde

Allerdings funktioniert die Zusammenarbeit nicht immer ganz reibungslos. So achte die Degeto laut Strobl zum Beispiel darauf, „dass die Idylle nicht übertrieben schön und der Humor nicht zu skurril wird“, schließlich zeichneten sich die ARD-Freitagsfilme „durch einen gewissen Realismus“ aus. Dialekt sieht die Degeto-Geschäftsführerin dagegen nicht als Hürde: „Wir haben vom ORF den ersten Steirer­krimi gekauft, ‚Steirerblut’. Dabei haben wir in Kauf genommen, dass sicher nicht jeder Deutsche die zum Teil intensiven Dialektpassagen verstanden hat; trotzdem hatte der Film über 7 Millionen Zuschauer. Es ist wichtig, dass der Dialekt authentisch ist, dann schauen die Leute gerne zu.“

Beim ZDF sieht man das vermutlich ähnlich, will sich aber nicht darauf verlassen, dass die Zuschauer nicht alles verstehen und trotzdem dranbleiben. Die Mainzer haben einige Folgen der österreichischen Reihe „Landkrimi“ erworben, für die Ausstrahlung jedoch Passagen synchronisiert.

Problemzone Schweiz

Zum deutschen Sprachraum gehört theoretisch die Schweiz, zumal auch die Eidgenossen höhere Berge als wir haben. Trotzdem sind Koproduktionen mit dem Schweizerischen Fernsehen ausgesprochen selten. Während die gemeinsame Sprache Deutschland und Österreich verbindet, erweise sie sich bei den Schweizern als Barriere, wie Strobl erläutert: „Was deutsche Zuschauer für Schwyzerdütsch halten, sprechen die Schweizer nur mit Deutschen; untereinander reden sie ganz anders, das würde man hierzulande nicht verstehen. Die Filme müssten also genauso synchronisiert werden wie eine Koproduktion mit Frankreich oder Italien. Das wiederum ist diffizil, denn wenn die Synchronisierung nicht den Erwartungen der Zuschauer entspricht, entsteht ein Gefühl von Fremdheit und Distanz.“ Das erklärt womöglich, warum sich das deutsche Publikum nie richtig für den Luzern-„Tatort“ mit seinem „verhochdeutschten“ Schweizerisch erwärmen konnte.

Info: Jüngstes Ergebnis der Kooperation zwischen der ARD-Tochter Degeto und dem ORF ist die Anwältinnenkomödie „Dennstein & Schwarz“ (ARD, Fr., 25. Mai 2018,20.15 Uhr). Die eher schlichte Erbschaftsgeschichte taugt allerdings nur bedingt als leuchtendes Beispiel für die Fruchtbarkeit der Zusammenarbeit. Das ZDF beginnt seine österreichischen Landkrimis mit dem im Salzburger Land entstandenen Film „Drachenjungfrau“ um einen seltsamen Suizid (11.Juni 2018, 20.15 Uhr).