Warum die 20er gar nicht so golden waren Vergoldete Jahre
Die Goldenen Zwanziger gelten als ein einziges rauschendes Fest, die Realität ist weitaus ernüchternder. Ein kritischer Blick auf ein legendäres Jahrzehnt.
Die Goldenen Zwanziger gelten als ein einziges rauschendes Fest, die Realität ist weitaus ernüchternder. Ein kritischer Blick auf ein legendäres Jahrzehnt.
Berlin - Als die 19-Jährige im knappen Bananenröckchen ihren Tanz aufführt, klappen den Herren im Publikum die Kinnladen herunter. So etwas hat man in Berlin noch nicht gesehen. Auch im freizügigeren Paris ist die Begeisterung groß. Josephine Baker sei „kein groteskes schwarzes Tanzgirl mehr, sondern jene Schwarze Venus, die den Dichter Baudelaire in seinen Träumen heimsuchte“, schwärmt der französische Journalist André Levinson 1925 vom Auftritt der Nackttänzerin aus Übersee.
Champagner, Charleston und lose Sitten, verrauchte Etablissements, in den gesoffen, geschnupft und gehurt wird, als ob es kein Morgen gäbe: Die Goldenen Zwanziger gelten heute als eine Zeit, in der das Vergnügen kein Ende und auch keine Hemmungen kannte. Zumindest die zweite Hälfte, denn die Jahre davor sind einfach nur bitter. Putsch folgt auf Putsch, politische Attentate erschüttern Deutschland. Hinzu kommen die unverarbeitete Niederlage im Ersten Weltkrieg und die horrenden Reparationsforderungen. Erst 1924 wird sich die Weimarer Republik halbwegs stabilisieren. Doch golden sind auch die Jahre zwischen 1924 und 1930 keineswegs.
„Die 20er Jahre sind ein im Nachhinein geschaffener Mythos, der eine Facette der Weimarer Republik hervorhebt und inszeniert“, sagte der Leiter des Leibniz-Zentrums für Zeithistorische Forschung in Potsdam, Martin Sabrow, unlängst in einem Interview. Denn kulturell beginnt mit dem Zusammenbruch des Kaiserreichs tatsächlich eine Blütezeit: Klee, Beckmann, Dix und Grosz, Langs „Metropolis“, Manns „Zauberberg“ und der Nihilismus der Dadaisten.
Auch werden in Berlin prächtige Partys gefeiert. Doch die breite Masse hat keine Zeit für Charleston bis zum Morgengrauen, weil sie zu beschäftigt ist, Kohlen zum Heizen und Kartoffeln zum Essen ranzuschaffen. Denn das wenige Geld, das die meisten besaßen, hat die Hyperinflation in Nichts verwandelt. Natürlich ist auch der kleine Mann erleichtert, dem Gemetzel der Jahre 14 bis 18 und den blutigen Wirren der Jahre 19 bis 23 entronnen zu sein. Die Lebenslust speist sich aus den Lehren aus Schützengraben und Geldentwertung: Im nächsten Augenblick kann alles vorbei sein – und wer sein Gehalt nicht ausgibt, hat wenige Stunden später vielleicht schon nichts mehr davon.
Die Bilder von Otto Dix zeigen die Zerrissenheit der damaligen Gesellschaft, zu der auch Millionen Veteranen mit zum Teil entsetzlichen Verstümmelungen gehören oder die Zitterer, denen tagelanges Trommelfeuer die Nerven zerfetzt hatte. Gegenüber stehen sich nicht nur Arm und Reich oder Rechts und Links, sondern auch Stadt und Land.
Während sich Berlin, Paris und New York zu Spielwiesen der Avantgardeentwickeln, betrachtet man das wilde Treiben in den Metropolen auf dem Land leicht befremdet bis entsetzt. Etwa die frechen Frauen, die, statt brav das Heimchen zu geben, plötzlich mit Bubikopf und Zigarettenspitze durch die Nächte ziehen – und natürlich die frivolen Tänze Josephine Bakers, die für Schnappatmung sorgt, wo sie auftritt. „Guck mal, die hat ja gar nichts an!“ Nicht umsonst heißt die TV-Serie, in der Regisseur Tom Tykwer den „Roaring Twenties“ huldigt, „Babylon Berlin“.
Der Börsencrash am „Schwarzen Freitag“ beendet die Party 1929 recht abrupt und löst die Weltwirtschaftskrise aus. Die Blase ist geplatzt, die USA fordern ihre Kredite zurück. Die Blüte auf Pump ist vorbei. Die 20er mögen für einige golden gewesen sein, für die meisten Menschen waren sie finstere Jahre, die in Massenarbeitslosigkeit, Straßenschlachten zwischen Nazis und Kommunisten und schließlich in der Machtübernahme Hitlers münden.
Golden sind die 20er nur im romantisch verklärenden Rückblick und in dem Wissen, dass das Schlimmste erst noch kommen sollte. Dass die fünf Jahre ein „Tanz auf dem Vulkan“ waren, ahnten damals jedoch die wenigsten. „Mein Kampf“ hatte anscheinend keiner wirklich gelesen. Vergleicht man damals mit heute, ist der Gedanke gar nicht so abwegig, dass wir die wirklich goldenen 20er erst noch vor uns haben.
Die Faszination der „Roaring Twenties“ wird dennoch bleiben. Swing, Charleston und Lindy Hop haben wieder Konjunktur. Nostalgiker und Feierwütige strömen schon seit Jahren mit Pailletten-Kleid und Federboa oder Hosenträgern und Fedora zu Motto-Partys, trinken Champagner aus Kristallgläsern und beschwören den Geist der damaligen Zeit. Nicht ahnend, dass die meisten von uns in F. Scott Fitzgeralds „Der große Gatsby“ maximal das Kristall poliert hätten, statt daraus zu trinken.