Warum die 50er nicht die gute, alte Zeit waren Auferstanden aus Ruinen

Interessierte Blicke auf die Auslage der örtlichen Metzgerei: Ende der 40er Jahre geht es in Deutschland wieder bergauf, die Schaufenster werden voller. Foto: picture-alliance / akg-images

Deutschland liegt nach Kriegsende in Trümmern. Doch in wenigen Jahren berappelt sich das Land, zumindest wirtschaftlich. Ein Resultat deutschen Fleißes? Ein Wunder?

Berlin/Bonn - Die „Stunde Null“ ist gerade mal ein paar Jahre her, der Krieg steckt den Menschen noch in den Knochen. Die Sehnsucht nach Ruhe, Sicherheit und Schweinebraten ist groß. Und die Deutschen krempeln die Ärmel hoch und bauen das Land wieder auf. Angesichts der Trümmerlandschaften hatten Experten erwartet, dass dies Jahrzehnte dauern werde, doch bereits Mitte der 50er macht der Begriff des deutschen „Wirtschaftswunders“ die Runde. Und dann wird Deutschland auch noch Weltmeister: „Bozsik, immer wieder Bozsik, der rechte Läufer der Ungarn. Er hat den Ball verloren, diesmal gegen Schäfer . . .“

 

Glaubt man dem Historiker Joachim Fest, ist dies die eigentliche Geburtsstunde der Bundesrepublik. Die „Helden von Bern“ bekommen 2500 Mark, einen Lederkoffer, einen Motorroller sowie einen Fernseher. Deutschland bekommt eine dicke Portion Selbstvertrauen: Wir sind wieder wer!

Was nicht in die heile Welt passt, wird totgeschwiegen

Nierentisch, Jukebox und Petticoat, heute gelten die 50er Jahre als gute alte Zeit. Doch das ist ein Trugschluss. Das wohlige Gefühl der Deutschen speist sich – wie in den Goldenen Zwanzigern – vor allem aus der Erleichterung, davongekommen zu sein. Statt einer kulturellen Revolution bieten die 50er Jahre Heimatfilme, die die Gräuel des Krieges vergessen machen sollen. Besonders die in deutschem Namen begangenen. Ein Schlussstrich müsse her, so die weitverbreitete Überzeugung. Dabei hat die Aufarbeitung der NS-Verbrechen noch gar nicht richtig begonnen.

Es sind Jahre, die heimelig wirken, weil alles verdrängt und totgeschwiegen wird, was nicht in die heile Welt passt. Der Schweinebraten schmeckt ohne schlechtes Gewissen einfach deutlich besser. Erst das Fressen, dann der Italien-Urlaub, für Moral bleibt da kaum Zeit. Wohlstand über alles.

Der Mythos vom Wirtschaftswunder gerät ins Wanken

Als Architekt des Wirtschaftswunders gilt Ludwig Erhard, als entscheidende Faktoren der Fleiß der Deutschen und die Wirtschaftshilfe der USA: Westdeutschland soll als Puffer gegen die Sowjetunion dienen, koste es, was es wolle. Den Nachkriegsboom jedoch allein auf den Marshall-Plan und deutschen Fleiß zurückzuführen, ist nur die halbe Wahrheit. Stattdessen nennt Christoph Weber, der den Dokumentarfilm „Unser Wirtschaftswunder“ gedreht hat, das Londoner Schuldenabkommen als entscheidenden Impuls für den Erfolg. Darin wurden den Deutschen 1953 rund 50 Prozent ihrer Auslandsschulden erlassen. „Es ist erstaunlich, wie wenig dieses Abkommen hierzulande bekannt ist“, sagte Weber dem Deutschlandfunk.

Ganz so erstaunlich ist dies freilich nicht. Gerät nach dem Mythos von der heilen Welt der 50er doch damit auch noch die sorgsam gepflegte Legende vom deutschen Wirtschaftswunder ins Wanken. Die 50er Jahre, das waren noch Zeiten! Von wegen!

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