Warum dieses Jahr noch mehr gebacken werden sollte Auf die Plätzchen, fertig, los!

Was für ein schöner Anblick: Bezauberndes Weihnachtsgebäck aus Theresa Baumgärtners „Wundervolle Weihnachtsbäckerei“ (Brandstätter Verlag) Foto: Melina Kutelas/Brandstätter Verlag/Melina Kutelas/Brandstätter Verlag

Spitzbuben, Haselnussbrötchen und Zimtsterne – Betrachtungen über traditionelles und neues Weihnachtsgebäck, und warum man dieses Jahr besonders viel davon anfertigen sollte.

Freizeit & Unterhaltung: Anja Wasserbäch (nja)

Stuttgart - Mit den Plätzchen ist es vielleicht noch extremer als mit anderen Traditionen. Es braucht sie unbedingt. Jede Familie hat ihre persönlichen Rezepte und die eigene interne Dramaturgie, wann was gebacken wird, weil manche Plätzchen mit dem Lagern besser werden. Und in diesem außergewöhnlichen Jahr, in dem alle mehr zu Hause sind als sonst, lenkt Backen von vielen anderen Dingen ab. Von schlechten Nachrichten wie neuen Infektionszahlen oder seltsamen Politikern.

 

Es ist nicht mehr lang bis Weihnachten

Und Plätzchen, die je nach Herkunft auch Gutsle, Bredle, Gutsli heißen, verdeutlichen aufs Beste, dass es nicht mehr lange hin ist bis Weihnachten. Verpackt in kleine Tütchen sind es Aufmerksamkeiten für all die Menschen, die man 2020 vielleicht nicht persönlich treffen wird. Und es ist die Gelegenheit, bei Mutter oder Großmutter anzurufen oder sie anzuskypen und nachzufragen, welche Technik sie bei Zimtsternen bevorzugen. Das steht nicht im Internet. Plätzchen backen verbindet – auch in dieser unsäglichen Gegenwart im Remote-Status.

Wie steht’s um die Traditionen?

So ein Paket mit Plätzchen ist mehr als ein ödes Geschenk, es lässt sich daraus viel herauslesen: wie etwa Familientraditionen oder die Geduld und Feinfühligkeit der Bäckerinnen und Bäcker. Da gibt es die dekadenten Angeber, die Blattgold auf Schokolade kleben; die akribischen Pedanten, die ganz fein ziselierte Kunstwerke herausbringen; die fixen Mainstream-Macher, die ein Blech nach dem anderen in den Ofen schieben; die rotbäckigen Kinder, deren Teig – ekelhaft grau gewalkt – mit Glitzerperlen verziert wird und die nach fünf Minuten keinen Bock mehr haben. Überhaupt: Klassische Ausstecherle sind eher überschätzt, Spritzgebäck die zu Unrecht verschmähte Randgruppe.

Plätzchenbacken ist ein Test für das eigene Durchhaltevermögen

Für die Plätzchenbäckerinnen und Bäcker ist der Akt des Backens das, was – Achtung: schlimmes Modewort – als Me-Time bezeichnet wird. Zeit für sich selbst. Das sind genaue jene Stunden, in denen man backt, der Duft von Frischgebackenem durch die Räume zieht. Und – um gnadenlos ehrlich zu sein – oft nach der Hälfte des Teiges keine Lust mehr hat. Plätzchenbacken ist ein Test für das eigene Durchhaltevermögen, eine harte Probe immer auch dann, wenn etwas nicht so klappt, wie man es sich vorgestellt hat.

Moderne Interpretationen der althergebrachten Sorten

Aber wenn die Welt da draußen so lieblos ist, dann lieber über Rezepte und Abfolgen nachdenken; über Pfeffernüsse und Spritzgebäck, Spekulatius und Vanillekipferl, Zimtsterne und Kokosmakronen, Spitzbuben und Haselnussbrötchen. Über die Klassiker – und natürlich die veganen sowie glutenfreien Varianten. Über moderne Interpretationen der althergebrachten Sorten: wie etwa Pistazienkipferl oder Macadamiasplitter. Traditionell starten wir hierzulande am ersten Adventswochenende mit dem Backen. Ganz im allgemeinen Do-it-yourself-Wahn kommt natürlich keine industriell gefertigte Massenware auf den Tisch mit Spitzendeckchen. Historisch begründet ist das Plätzchenbacken vermutlich in den mittelalterlichen Klöstern. Zu Jesu Geburt wollte man Gutes backen. Das Naschen von Weihnachtsgebäck ist etwas, was man erst zu schätzen weiß, wenn man es selbst macht. Wenn man die Mühen kennt, die in Plätzchen stecken, bei denen der Teig erst stundenlang ruhen, dann gerollt, ausgestochen, in Kugeln geformt oder irgendwo durchgedrückt, getunkt, verziert wird. Wie manche Plätzchen nachhärten müssen, nicht lange haltbar sind. Was eigentlich nicht wichtig ist, denn schwuppdiwupp: Wie schnell sind sie verschlungen!

Erinnerungen an die Kindheit

Ein Biss in das kleine Gebäck hat meist etwas Nostalgisches, wenn es in einem die Erinnerungen an die Kindheit hervorruft. Zur Definition eines richtigen Plätzchens gehört neben Größe (mundgerechter Happen), Haltbarkeit und Zubereitungszeit (Dezember) unbedingt auch, dass es bis zum 27. Dezember gegessen sein muss. So schnell ist es wieder vorbei, wie es in den Schlund der Gierigen wandert. Ach, wäre es schön, wir würden uns von den Franzosen inspirieren lassen. Dann könnten wir einfach weiterbacken. Am Dreikönigstag gibt es hier die Galette des Rois, einen Kuchen. In dessen Füllung wird ein kleines Geschenk versteckt. Wer das Stück (eine Bohne oder Porzellanfigur) findet, ist König für einen Tag. Herrlich!

Die schönsten Bücher zur Einstimmung

Theresa Baumgärtner: „Wundervolle Weihnachtsbäckerei“ (Brandstätter Verlag, 20 Euro): Zauberhafte Bilder, Rezepte, die nachvollziehbar und gut nachzubacken sind. Ein echter Schatz!

„Erzähl mir von Weihnachten“ (Hölker Verlag, 32 Euro): Ein so schönes Werk zur Advents- und Weihnachtszeit. Es gibt darin nicht nur Inspiration fürs Festtagsessen (Rotkohlrisotto oder Lachsforelle), sondern auch Geschichten sowie Vordrucke für Wunschzettel und Weihnachtsmenü.

Melissa Fortis Weihnachtsbackbuch (Prestel, 32 Euro): Forti verbindet zeitgenössische, italienische Backtradition mit internationalen Einflüssen. Nicht nur optisch ein Genuss!

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