Reutlingen - Als Hans Maier (Name geändert), ein stämmiger Mann von 38 Jahren, am Morgen des 30. Oktober 2020 aufsteht und zur Arbeit fährt, deutet nichts darauf hin, dass er am gleichen Abend in ein Missverständnis gerät, für ein paar Minuten nicht er selbst ist, die Situation eskaliert und er schließlich versuchen wird, vier Polizisten zu töten. Bis dahin hatte er noch nicht ein einziges Mal mit der Polizei zu tun.
Hans Maier ist ausgebildeter Industriemechaniker und arbeitet bei einem mittelständischen Reutlinger Maschinenbauer. An jenem Freitag vor Halloween hat er schon um 13 Uhr frei. Und Feierabend bedeutet für ihn: Feierabendbier. Also fährt er von der Arbeit in die Kneipe und bestellt ein Hefeweizen.
Es ist nicht so, dass Hans Maier alkoholkrank wäre, aber es gibt Tage, da freut er sich schon am Mittag auf das Feierabendbier. Seine Verlobte Jacqueline Müller (Name geändert) weiß das, und es stört sie gewaltig. Deshalb sagt Hans ihr an diesem Tag nicht, dass er früher frei hat. Stattdessen erzählt er, er müsse länger arbeiten: Aber Jacqueline Müller ist misstrauisch. Sie spioniert ihrem Verlobten nach, findet ihn schließlich in der Kneipe und schreit ihn an: Warum er das gemeinsame Geld versaufe? Als sie ihre Wut rausgelassen hat, verschwindet sie wieder.
Hans Maier ist genervt, aber den Feierabend will er sich nicht verderben lassen. Noch bleibt er ruhig. Er trinkt sein zweites Bier aus, setzt sich in sein Auto und fährt nach Hause. Er wohnt mit seiner Verlobten und dem gemeinsamen Sohn in einem Mehrfamilienhaus in einem Reutlinger Vorort. Als er zu Hause ankommt, ist Jacqueline Müller noch immer unterwegs. Und er hat noch immer Durst. Also nimmt er ein paar Hefeweizen aus dem Kühlschrank und geht in den Keller, wo er ungestört trinken kann.
Als sie nach Hause kommt, riecht sie gleich seine Fahne. Sie tobt und packt seine Tasche. Er soll das Wochenende bei seiner Mutter verbringen und mal über sich nachdenken. Aber Hans Maier will nicht gehen. Sie schreien sich an. Er bäumt sich mit seinen 185 Zentimetern Körpergröße vor ihr auf. Der Sohn bekommt Angst.
Eingeschlossen, nicht angeschossen
Jacqueline geht in das Kinderzimmer, als sie plötzlich hört, wie ihr Verlobter die Tür hinter ihr zuknallt und abschließt. Für ein paar Sekunden stellt er in dem Zimmer das Licht ab, will ihr Angst machen. Doch als er hört, wie sein Sohn in dem Zimmer schreit, merkt Hans Maier, dass er zu weit gegangen ist. Er macht kurz darauf das Licht wieder an und öffnet die Tür. Doch nun ist bereits etwas Unheilvolles in Gang geraten.
Um 17.57 Uhr hat ein Mann den Notruf angerufen. In seiner Nachbarschaft sei geschossen worden. Er war gerade mit seinem Hund draußen, um eine Zigarette zu rauchen, da habe er seine Nachbarin um Hilfe rufen hören. Sie sei angeschossen.
Nach nur sechs Minuten kommt der erste Streifenwagen angerast, zwei Minuten später ein Polizeibus. Die Polizisten springen aus ihren Autos, die Situation ist unübersichtlich. Wo wurde hier geschossen? Am Fenster entdecken sie eine aufgebrachte Frau – es ist Jacqueline Müller. Ob sie angeschossen sei? Sie weiß nichts von Schüssen. Nein, nein, ihr Verlobter habe sie nicht angeschossen, sondern eingeschlossen, sagt sie.
Aber da ist es schon zu spät: Hans Maier glaubt, dass er jetzt richtig Ärger hat. Er wirft sich kurzerhand ein paar Betablocker ein, die in großen Mengen tödlich für ihn sein können. Und als er bemerkt, dass seine Verlobte mit den Polizisten vor dem Fenster spricht, zieht er sie an den Haaren vom Fenster weg und lässt die Rollladen runter.
Wäre Hans Maier in diesem Moment einfach zum Fenster gekommen und hätte sich gestellt – vermutlich wäre er mit einem einfachen Platzverweis davongekommen. Aber als er die Polizeiwagen und die aufgebrachten Polizisten vor seinem Fenster sieht, gerät er in Panik.
Der rettende Sprung
Vor Gericht wird sein Verteidiger Hans-Christoph Geprägs später argumentieren, dass Hans Maier nur deshalb durchgedreht sei, weil der Nachbar angeschossen verstanden hat anstatt eingeschlossen. Der Nachbar wird später sagen, Jacqueline Müller habe eben etwas undeutlich gesprochen. Es hilft alles nichts: Hans Maier stürmt in die Tiefgarage, springt in seinen Dacia und fährt los.
Um diese Zeit, 18:10 Uhr, knapp eine Viertelstunde nach dem Notruf, funken die Polizisten an die Zentrale, dass eine Frau nur eingeschlossen gewesen sei. Niemand habe geschossen.
Da hören sie einen Motor aufheulen. Aus einer Querstraße kommt der Dacia und biegt direkt in die Straße ein, in der die Polizisten stehen. „Das ist er!“, ruft der Nachbar, der den Notruf abgesetzt hat. Die Polizisten laufen auf das Auto zu. Mittlerweile ist es dunkel geworden. Sie leuchten Hans Maier mit einer Taschenlampe an, wollen ihm signalisieren, er solle anhalten. Aber er hält nicht an. Er gibt Vollgas und fährt geradewegs auf einen der vier Polizisten zu. Der kann sich noch auf eine Böschung neben der Straße retten. „Weg, weg!“, warnt er seine Kollegen.
Hans Maier könnte jetzt einfach wegfahren und flüchten. Aber er entscheidet sich, den Rückwärtsgang einzulegen und direkt auf einen weiteren Polizisten zuzusteuern. Der rennt um sein Leben und kann sich hinter ein Mäuerchen flüchten.
Schüsse auf den Vorderreifen
Zwei Polizistinnen stehen mit dem Rücken zu einem Garagentor. Die können nicht so einfach wegrennen. Hans Maier legt den Vorwärtsgang ein, lässt den Motor aufheulen und steuert auf die Polizistinnen zu. Eine überlegt schon, auf die Motorhaube zu springen, sobald er nah genug ist, die andere zieht ihre Dienstwaffe und feuert aus dem Handgelenk heraus auf den linken Vorderreifen des Dacia. Gut einen Meter vor den Beamtinnen kommt das Auto schließlich zum Stehen.
Die umstehenden Polizisten rennen mit gezogenen Waffen auf den Wagen zu, schlagen die Fensterscheiben ein, knocken Maier mit einem Schockschlag ins Gesicht aus und zerren ihn aus dem Auto. Er fällt scheinbar in Ohnmacht, aber die Sanitäter werden später sagen: „Wahrscheinlich hat er nur so getan, als sei er ohnmächtig.“ Die Betablocker, die er sich eingeworfen hat, hatten wohl kaum eine Wirkung. Mediziner rechneten aus, dass er höchstens 1,29 Promille Alkohol im Blut hatte. Für eine verminderte Schuldfähigkeit reicht das nicht.
Knapp ein halbes Jahr später kauert Hans Maier hinter der Anklagebank und behauptet: „Ich wollte einfach nur wegfahren.“ Er habe die vier Polizisten überhaupt nicht überfahren wollen. Er will das ganze eher als eine Art missglücktes Rangiermanöver verstanden wissen.
„Ich wollte niemanden verletzen, und es tut mir sehr leid“, sagt er mechanisch, wenn einer der vier Polizisten vor Gericht als Zeuge aussagt. Keiner der vier nimmt die Entschuldigung an. Hans Maier habe einfach seinen Frust an den Polizisten rauslassen wollen, wirft ihm der Staatsanwalt vor. Dabei ist er noch nie in seinem Leben straffällig geworden, und auch Jacqueline Müller betont vor Gericht, dass er noch nie handgreiflich geworden ist.
„Es hat bei ihm im Kopf ausgesetzt“
„Wenn ich eine plausible Erklärung dafür hätte, was da in ihm los war, würde ich es schildern“, sagt der psychiatrische Gutachter. „Aber die habe ich nicht.“
„Ich glaube, bei ihm hat es einfach im Kopf ausgesetzt“, sagt die Verlobte.
„Das hat Ihre Beziehung ja sehr beschädigt“, sagt der Richter zu ihr. „Glauben Sie denn, das kann man wieder aufbauen?“ – „Eher nicht“, sagt sie, ohne lange nachzudenken. Hinter der Anklagebank schaut Hans Maier stur auf seine Hände, seufzt, dann sackt er in sich zusammen und beginnt zu schluchzen.
Er hat seine Partnerin verloren, sein Arbeitgeber hat ihm gekündigt, und jetzt fordert der Staatsanwalt fünf Jahre und einen Monat Haft für ihn, unter anderem wegen versuchten Totschlags.
Hans Maiers Verteidiger sagt, noch nie in seinen mehr als 40 Jahren als Anwalt habe er einen Fall gehabt, in dem es nur auf ein paar Buchstaben angekommen sei. Eingeschlossen, nicht angeschossen. Erst dieses Missverständnis habe seinen Mandanten in Panik versetzt und die Situation dann so eskalieren lassen.
Die Richter gestehen dem Angeklagten zwar zu, er habe sich in einer psychischen Ausnahmesituation befunden. Trotzdem verurteilt ihn das Tübinger Landgericht zu drei Jahren und zehn Monaten Haft. Hans Maier war zum Zeitpunkt der Tat nicht er selbst. Schuld ist er trotzdem.