Warum eint uns Fluchterfahrung nicht? Flucht endet nie

Dieses Bild aus Bayern ging im Jahr 2015 um die Welt: Was wird aus den Menschen geworden sein, die damals eine ungeheure Zäsur in ihrem Leben erlebten? Foto: dpa/Armin Weigel

Fast 80 Millionen Menschen waren letztes Jahr weltweit auf der Flucht. Sie erleben Abschied, Heimatverlust und die Mühen des Ankommens wie Generationen vor ihnen – eine offenbar nie endende Menschheitsgeschichte.

Familie/Bildung/Soziales: Hilke Lorenz (ilo)

Stuttgart - Wenn Sie Ihre Wohnung oder Ihr Haus verlassen, schließen Sie dann die Tür ab? Mit Sicherheit tun Sie das. Und mehr noch: Sie tun es in der Gewissheit, ein paar Stunden später den Schlüssel wieder ins Schloss stecken und aufschließen zu können. Wir reflektieren solche Alltagsrituale nicht. Sie sind uns in Fleisch und Blut übergegangen.

 

Das Erstaunliche am Griff zum Schlüssel: es gibt ihn augenscheinlich zu allen Zeiten, in allen Kulturkreisen – und in allen Situationen. Auch dann oder gerade dann, wenn eine Rückkehr nicht sehr wahrscheinlich ist. Wenn das Haus für seinen Besitzer für immer, mit Sicherheit aber für lange Zeit, unerreichbar bleiben wird. Wenn auf das Abschließen der Abschied von der Heimat in Form von Flucht oder Vertreibung folgt, die Verfolger schon ganz nah sind. Gehen, ohne wiederkommen zu können, das ist für alle Menschen, die es nicht am eigenen Leib erlebt haben, ein nicht vorstellbares und unerhörtes Lebensereignis. Und doch geschieht es tagtäglich.

Der Schlüssel steht für die Hoffnung

Als die sephardischen Juden im Jahr 1492 aus Toledo, Granada, Sevilla und Córdoba vertrieben wurden, schlossen sie, bevor sie gingen, ihre Häuser ab und steckten den Schlüssel ein. Sie kamen nie mehr zurück. Als der vierzehnjährige Friedrich Knechtel mit seiner Mutter im bei Danzig gelegenen Tiegendorf das Haus mit dem Café und der Traditionsbäckerei der Familie vor der vorrückenden Roten Armee zurücklassen musste, schloss seine Mutter im Januar 1945 alle Türen ab und steckte den Schlüsselbund ein. Noch Jahrzehnte später war er in Besitz ihres Sohnes, der zusammen mit seiner Mutter wenig später auch noch den Untergang der „Wilhelm Gustloff“ in der Ostsee überlebte und inzwischen in Hamburg-Altona sesshaft geworden war.

Dem kurdisch-syrischen Student Forman, so sein Pseudonym als Autor, gingen die unzähligen Geschichten der Palästinenser durch den Kopf, als er am 21. Januar 2013 aus seiner Heimatstadt Kobane flüchtete. Zu viel hatte er gelesen über die Menschen, die Jahrzehntelang mit einem Schlüsselbund in der Hosentasche aber ohne Heimat lebten. Ein Schlüssel, das ahnte der belesene junge Mann, ist kein Garant für eine Rückkehr. Im Gegenteil: womöglich ist er sogar Ballast, weil er einen am neuen Ort nicht wirklich ankommen lässt. Forman sollte sich nicht irren. Das Haus seiner Familie steht nicht mehr. Es wurde in den kriegerischen Auseinandersetzungen zerstört.

Aber in Formans Besitz befinden sich heute dennoch ein paar Schlüssel, so überlegt er, die eigentlich nur zu dem Haus in der kurdischen Grenzstadt gehören können. Unbewusst hat er sie wohl doch eingesteckt vor fast acht Jahren. Das Gefühl scheint über den Intellekt gesiegt zu haben. Auch sein Onkel nahm den Schlüssel zu seiner Wohnung und seiner Praxis mit, als er aus Aleppo flüchtete. Ein Schlüssel, so die Vorstellungen aller, steht für die unausgesprochene Hoffnung, vielleicht doch noch irgendwann zurückkommen zu können. Oder zumindest die Flucht zu überleben.

Flucht ist eine Menschheitsgeschichte

Spanien 1492, Ostpreußen 1945, Syrien 2013 – die Reihe ließe sich fortsetzen. Berichte von Flucht und Vertreibung gibt es in der Bibel, von allen Kontinenten und aus allen Zeiten. Jeden Tag werden die Geschichten neu weitererzählt. Knapp 80 Millionen Flüchtlinge waren laut dem Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen UNHCR im letzten Jahr weltweit unterwegs. Wie viele es in der gesamten Menschheitsgeschichte waren, kann man nur ahnen. Aber alle Fluchtepisoden addieren sich zu einer gemeinsamen großen Geschichte, in der es immer um Angst, Hoffnungslosigkeit und Erschöpfung geht.

Doch sind die vielen Geschichten wirklich vergleichbar? Treffen nicht vielleicht doch zu unterschiedliche kulturelle und religiöse Welten aufeinander? Oder hat die inzwischen von vielen als naiv getadelte Willkommenskultur des Spätsommers 2015 die Annahme der Verschiedenheit der Fluchterfahrungen widerlegt? Hatte die spontane Hilfsbereitschaft der Menschen auf den Bahnhöfen und in Asylarbeitskreisen ihren Ursprung sowohl in der Flucht- und Vertreibungserfahrung vieler deutscher Familien als auch in den Erzählungen der aus Deutschland vertriebenen oder deportierten Holocaustüberlebenden? Haben die Bilder von Menschen aus Syrien, dem Irak, aus Afghanistan und aus den Ländern Afrikas, die mit kleinem Gepäck auf dem Rücken und Kindern auf dem Arm in einem für sie fremden Land ankamen, bei den Helfern genau diesen historischen Resonanzraum zum Schwingen gebraucht? Lebten in ihnen Bilder und Erzählungen auf, die sie aus der eigenen Familienüberlieferung kennen?

Rupert Neudeck, Gründer der Hilfsorganisation „Cap Anamur“ zur Rettung vietnamesischer Boatpeople, 1945 geflüchtet aus Danzig, hat das nicht nur im aktiven Einsatz für Flüchtlinge gelebt, er hat es auch formuliert: „Die Bilder von damals blieben in mir gespeichert, prägten mein weiteres Leben- und machten mir etwas sehr wichtiges klar: Eigentlich haben die meisten Menschen einen Hintergrund, der mit Flucht und Migration zu tun hat. Und auch wer zu wissen meint, dass seine Familie schon immer da war, wo er jetzt lebt, sollte sich nicht zu sicher fühlen. Es könnte durchaus sein, dass es ihn oder seine Nachkommen in Zukunft doch noch erwischt. Denn in uns allen steckt ein Flüchtling.“ Aus diesen Sätzen spricht nicht nur ein politischer Aktivist und Menschenretter, sondern auch ein Mensch, der Flucht als körperliche Erfahrung mit sich trägt. Wie so viele andere.

Die Betroffenen erzählen

Für Andreas Kossert, geboren 1970 und selbst Nachfahre einer 1945 geflüchteten Bauernfamilie aus dem ostpreußischen Masuren, ist Neudecks Haltung der Schlüssel zum Verständnis der Willkommenskultur des Jahres 2015. Die Beschäftigung mit dem Thema Flucht, mit zurückgelassenen Landstrichen wie Ostpreußen und das Leben am neuen Ort zieht sich durch viele seiner Werke. In seinem neusten Buch „Flucht. Eine Menschheitsgeschichte“ (432 Seiten, Siedler Verlag) unternimmt der Historiker den Versuch, das Thema Flucht konsequent aus der Perspektive der Betroffenen zu erzählen. Er stellt die Erzählungen der Armenier, der kleinasiatischen Griechen, der arabischen Juden und vieler anderer Vertriebenen der Welt neben die der vietnamesischen Boatpeople, der Syrer und der deutschen Heimatvertriebenen.

Er wertet nicht, er lässt erzählen. „Durch alle Zeiten gab es eine Flüchtlingshierarchie, wurde in gute und schlechte Flüchtlinge sortiert.“ Genau das will er nicht. Im Zentrum seiner Beschäftigung steht die unmittelbare Erfahrung der Flüchtlinge. Sie rührt am Kern des Menschseins.

Denn eines wird dabei klar, auch wenn Fluchtursachen und Fluchtkontext variieren: die Erzählungen von Flucht vor Gewalt und Krieg ähneln sich so sehr, dass sie zu einer einzigen, großen Erzählung zu verschmelzen scheinen. „Flüchtlinge erzählen Menschheitsgeschichte“, sagt Andreas Kossert denn auch. Sie tun es allerdings aus einer wesentlich emotionaleren und damit unmittelbareren Perspektive als es historische Sachbücher tun, in denen abstrakte Statistiken und Zahlen dominieren.

Obgleich auch die schon eine Ahnung vom Ausmaß des Grauens geben. Dreiviertel der Flüchtlinge aus Syrien, dem Irak und Afghanistan sind laut einer Studie des Wissenschaftlichen Instituts der AOK aufgrund ihrer Gewalterfahrung traumatisiert. „Heimweh als Todesursache findet sich in keinem medizinischen Lehrbuch“, sagt Kossert. Dass dieses Gefühl indes zwangsläufig die Folge von Flucht, Vertreibung und Heimatverlust ist, belegen unzählige Berichte und die vielen literarische Zeugnisse, auf die Kossert in seiner Darstellung zurückgreift. Darunter befindet sich auch der Tagebucheintrag eines ostpreußischen Bauern vom 21. Januar 1945. „Befehl zum Verlassen meines Hofes“ steht da nur. Die Worte markieren das Ende aller Gewissheiten. Der Tagebuchschreiber stirbt nach dem ersten kalten Winter in seiner neuen Heimat in Niedersachsen als gebrochener Mann.

Nachgerade modern klingt, dass er in einem der Briefe an seine in ganz Deutschland verstreuten Kinder vom Asyl schreibt, dass er gefunden habe. Asyl ja, Heimat nicht. „Man muss Heimat haben, um sie nicht nötig zu haben“, zitiert Kossert den Schriftsteller Jean Amery.

Fluchterfahrung wirkt ein Leben lang

Es gehört zu den Legenden der Gegenwart, dass es die Aufnahme von 14 Millionen Heimatvertriebener und 4,3 Millionen Spätaussiedler problemlos gewesen sei. Wirklich willkommen waren jedoch nicht einmal die Deutschen den Deutschen. „Flüchten Sie weiter“ war auf einem Schild in Dresden im Jahr 1945 zu lesen. Flüchtlinge sind immer Projektionsfläche und dort, wo sie ankommen, meist nicht willkommen, lautet die bittere Wahrheit. Flucht sei kein Abenteuer, resümiert Kossert. Flucht sei eine Zäsur. Flucht sei die Aufkündigung einer ungeschriebenen und über Generationen gültigen Übereinkunft mit den Vorfahren. Flucht trenne die Welt in ein Davor und Danach. In Sesshafte und Heimatlose. Flucht endet nie – und Ankommen lässt sich nicht verordnen. „Dieser Prozess kann ein Leben lang währen und manchmal sogar darüber hinaus“, sagt Kossert nach jahrelanger Beschäftigung mit dem Thema.

Das kann man durchaus als Weckruf verstehen, als Appell an Herz und Verstand zu einem Perspektivwechsel – zumindest aber für eine Perspektiverweiterung. Dann stehen ganz andere Fragen als die von Aufnahmequoten oder der Sicherung der EU-Außengrenzen im Zentrum. Um das Ewigkeitsphänomen Flucht tiefer und nicht nur als organisatorisches Problem zu begreifen, geht es dann um elementare Fragen, die banal klingen mögen. Die etwa, was es heißt, innerhalb von fünf Minuten Abschied zu nehmen. Was es bedeute für einen Bauern, seine Tiere zurückzulassen? Was packe man ein, wenn man gehen muss? Wie geht man mit der Unsicherheit dieses unfreiwilligen Aufbruchs und dem Verlust der Kontrolle über die eigenen Lebensbedingungen um? Wie damit, am Ort der Ankunft nicht willkommen zu sein? Und wie gelingt irgendwann so etwas wie Wiederdazugehören oder Integration? „In vielen Gesellschaften, die von Flucht geprägt sind, wirkt diese Erfahrung nach“, sagt Kossert. „Denn Flucht ist das Synonym für den erzwungenen Heimatverlust.“

Hornhaut auf den Augen

Ein Satz in der Charta der Heimatvertriebenen, eines nicht immer unumstrittenen politischen Zusammenschlusses von 1950, beschreibt diesen Zustand ganz schlicht. „Heimatlose sind Fremdlinge auf dieser Welt“, steht da. Ein Satz, der für sich in Anspruch nehmen kann, über den Tag hinaus zu gelten. Er formuliert eine universelle Wahrheit. Als die Fernsehjournalistin Isabell Schayani nach dem Brand des Flüchtlingslagers Moria auf der griechischen Insel Lesbos vor einigen Wochen zur Berichterstattung unter den zum zweiten Mal Heimatlosgewordenen unterwegs war, sagte sie den Satz „Was für einen Schockcharakter müsste ein Bild haben, damit es wirkt. Ich glaube, wir haben mittlerweile ein Hornhaut auf den Augen.“ Sie war umringt von Familien, die kaum zu essen hatten. Die Hoffnung, irgendwann irgendwo anzukommen, haben sie schon lange nicht mehr. Sie sind zu Fremdlingen geworden.

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