Mit dem Geländewagen durch Stuttgart Warum fährt jemand die G-Klasse?

, aktualisiert am 21.12.2022 - 10:42 Uhr
Der Unternehmer Christian Hoog am Steuer seines Mercedes AMG G63. Foto: Schmidt

Die G-Klasse, der Geländewagen von Mercedes ist so erfolgreich, dass ein Bestellstopp verhängt wurde. Ein Fahrer erklärt, worin der Reiz des verschwenderischen Kastenwagens liegt. [Plus-Archiv]

Automobilwirtschaft/Maschinenbau: Matthias Schmidt (mas)

Zum Teil liegt es wohl an diesem Klacken. An diesem überraschend lauten, mechanischen, irgendwie 90er-Jahre-haften, weiß-der-Herr-warum-so-altmodischen, aber auf jeden Fall sündhaft teuren Klacken, das man hört, wenn die Türen einer G-Klasse entriegelt werden. Andere Luxusautos von heute machen höchstens noch ein Babypups-leises Plopp und schwenken automatisch die Tür auf, wenn man in die Nähe kommt. Die G-Klasse dagegen macht Klack, als sei gerade erst die Zentralverriegelung erfunden worden.

 

Man muss dann mit dem Daumen auf einen richtigen Druckknopf drücken, wie früher beim 200er Diesel vom Vater, auch das fühlt sich nach Vergangenheit an. Womöglich auch nach guter alter Zeit, so empfinden es anscheinend viele. Und zur gut gepflegten Nostalgie gehören auch die auf den Kotflügeln aufgesetzten Blinklichter. Mercedes musste sich beim Relaunch des Geländewagens 2018 etwas einfallen lassen, damit die kantigen Höckerchen erlaubt bleiben, bei Unfällen könnten sie Fußgänger verletzen. Die Lösung: im aktuellen Modell werden sie bei einem Aufprall im Kotflügel versenkt.

Ein rollender Anachronismus mit Regler für den Auspuffsound

Was macht diesen rollenden Anachronismus so attraktiv? Offenbar muss man auch auf das Blubbern hören. Er liebe das „angenehme Blubbern“ des V8-Zylindermotors, sagt Christian Hoog bei einer kurzen Rundfahrt durch Stuttgart. Man hört es gut, wenn das Seitenfenster unten ist, denn der Auspuff geht nicht nach hinten raus, sondern zur Seite. Mit einer extra Auspuffklappensteuerung lässt sich diesen sogenannten Sidepipes ein dunklerer Klang geben. Hoog meint „viele hören das lieber als Musik aus dem Audiosystem“.


Das Klacken, das Blubbern, die Kastenform, der Türknopf, auch der Haltegriff vor dem Beifahrersitz: „Bei der G-Klasse hat sich nie viel verändert. Das ist wie beim 911er von Porsche, das macht einen besonderen Reiz aus“, erklärt Hoog. Und dann sei da noch, oder vielleicht vor allem, die herausgehobene Sitzposition. „Kein anderer ist so hoch gebaut. Du stehst neben einem normalen VW Touareg oder einem Audi Q5, aber keiner kann bei dir reinschauen.“ Die Federung, dazu Massagesitze – das sei alles sehr komfortabel. Klar, 1,966 Meter an der oberen Dachkante, das hat auch Nachteile. In manchen Tiefgaragen wird es knapp, in manchen Waschstraßen auch. Da wäre ein flacheres Auto vernünftiger. Aber was heißt Vernunft?

Das Auto ist „ein rotes Tuch für Freitagskinder“

Christian Hoog, 36 Jahre alt, weiß, wovon er spricht. Im Besitz des selbstständigen Geschäftsmanns befinden sich gleich vier Exemplare des Mercedes-G-Modells in der Edelvariante AMG G63. Acht Zylinder in V-Stellung, 585 PS, 363 Gramm CO2-Ausstoß pro Kilometer. „Ein rotes Tuch für die Freitagskinder“, wie Hoog selbst sagt. Einen davon fährt er privat, lackiert in Manufaktur Mystic Blue. Die drei anderen (zwei schwarz, einer weiß) vermietet der Stuttgarter Unternehmer: stundenweise à 199 Euro, tageweise (599) oder fürs Wochenende (1299).

Seine Firma Mach2Cars hat auch extrem schnittige Lamborghini, diverse Cabrios und andere exklusive Sportwagen im Angebot. Zu welcher Gelegenheit holen sich die Leute da lieber eine G-Klasse? Hoog muss keine Sekunde überlegen. „Zur Hochzeit“, sagt er. Das einstige Traumauto der Jäger und Wüstenabenteurer hat sich zur aktuell gefragtesten Heiratskutsche entwickelt.

Dass es für den Ehrenparcours des Brautpaars weder Bodenfreiheit noch Differentialsperre bräuchte, liegt auf der Hand. Auch für Rapper wie den Bietigheimer Rin und VfB-Profis wie Borna Sosa, der die Schmiedefelgen für sein G-Modell samt rot eingraviertem Instagram-Kürzel „007“ persönlich abgeholt hat, geht es wohl eher um anderes. Status, Luxus, sich schön etwas leisten können.

Das G steht heute weniger für Gelände wie nach der Einführung 1979, sondern für ein gigantisches Geschäft. Die Nachfrage ist so groß, dass die Lieferzeit zuletzt auf drei Jahre gestiegen ist, im Januar hat Mercedes für das bei Magna-Steyr in Graz gefertigte Gefährt einen Bestellstopp verhängt. Die Produktion ist bis 2024 ausgelastet.

Die G-Klasse ist Paradebeispiel für Källenius’ Luxusstrategie

Es gab Zeiten, in denen der Wagen so unzeitgemäß wirkte, dass die Firma, die damals noch Daimler hieß, darüber nachdachte, die Produktion auslaufen zu lassen. Heute bekommt das G-Modell fast eine Ewigkeitsgarantie. „So wie ich die Dinge jetzt sehe, dürfte der letzte jemals gebaute Mercedes eine G-Klasse sein“, sagte Mercedes-Benz-Chef Ola Källenius wenige Monate, nachdem er 2019 das Ruder übernommen hatte. Neben der Maybach-Linie, der S-Klasse, dem elektrischen EQS und den AMG-Boliden gilt ihm die G-Klasse als Paradebeispiel seiner Luxusstrategie für den schwäbischen Autohersteller. Zu seinen meistzitierten Aussagen gehört der Vergleich der G-Klasse mit der 1984 entworfenen Damenhandtasche Birkin Bag , die von Hermès in immer neuen Varianten aufgelegt wird und in der Himalaya-Version schon einmal für eine halbe Million Dollar versteigert wurde.

Wer sich im Internet den Spaß macht, das AMG-Modell G 63 nach persönlichem Gusto zu konfigurieren, landet inklusive Ledersitzen in Classicrot/Schwarz und Holzladeboden Kirsche schnell bei einem Gesamtpreis von 215 348,35 Euro. Es gibt aber auch Leute, die legen beim Tuningspezialisten Brabus für die aufgepimpte Version „900 Superblack“ locker das Doppelte davon hin. Man ahnt, dass die Käufer auch über Villen am Mittelmeer und korrespondierende Jachten verfügen. Im Vergleich dazu liegt Christian Hoog mit seinem 194 000 Euro teuren Modell noch im schwäbischen Bereich.

Am Gebrauchtmarkt lässt sich ein gutes Geschäft machen

„Bestellstopp – das bedeutet für alle, die schon eine G-Klasse fahren oder noch rechtzeitig geordert haben: Der Wert steigt weiter“, sagt der Stuttgarter, der Internationales Managegement studiert hat. Er eröffnet damit eine weitere Sicht auf die rollenden Zweieinhalbtonner (Leergewicht). Das G steht dann für Geldanlage. Nach drei Jahren mit vielleicht 70 000 gefahrenen Kilometern sei am Gebrauchtmarkt noch ein fünfstelliger Gewinn drin, sagt Hoog. Voraussetzung sei halt, dass man sich die monatlichen Raten für den Finanzierungskauf leisten kann.

Und das Benzin natürlich. Der Tank fasst nicht grundlos 100 Liter. Laut Prospekt schluckt der V-8-Motor im Durchschnitt 16 Liter auf 100 Kilometer. Wer mit der Höchstgeschwindigkeit von 220 km/h über die Autobahn schießt oder viel in der Stadt unterwegs ist, kommt leicht auf mehr als 20 Liter. Wer aber im G-Modell allein und ohne Gepäck, nur so als Beispiel, die paar Kilometer zum Personal Trainer cruist, gehört eher nicht zu denen, die nur mit Tankrabatt über die Runden kommen. Und eventuelle Gedanken an die „Freitagskinder“, also die Klimaschutzbewegung Fridays for Future, verschwimmen im sonoren Blubbern. Ist Klimaschutz nicht wichtiger als Luxus und längst gesellschaftlicher Mainstream? Es bauen doch immer mehr Leute Solaranlagen aufs Dach. „Ja, und immer mehr kaufen SUVs“, sagt Christian Hoog. Er beschreibt den Widerspruch treffend, wirkt aber nicht so, als beschäftige ihn, wie er sich auflösen ließe.

Die elektrische Variante ist in Vorbereitung

Vergangenen Herbst hat Mercedes ein G-Modell mit Elektromotor angekündigt, mit Box fürs Ladekabel statt Reserverad hinten drauf. Produktionsstart und Preis sind noch offen. Christian Hoog sagt nur, er habe wenig Lust, zwei Stunden an einer Ladesäule zu stehen. Ihm und seinen Kunden sei wichtiger, dass auch das V8-Modell noch lange gebaut wird. Aber da ist er zuversichtlich.

Dieser Text erschien erstmals am 11.07.2022. 

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