Typisch für prominente Skandinavier sind sie, was ihre Bescheidenheit betrifft. Sie sitzen alltäglich gekleidet, in lockerer Haltung und offen wie junge Kunsthochschulstudenten in dem Stockholmer Traditionshaus für Designmöbel und Innenausstattung Svenskt Tenn. Zur Möbelmesse Stockholm Design Week haben sie hier ihr Sofa „Famna“ präsentiert. Wie in Schweden üblich, duzen sie ihren Gesprächspartner – und er sie auch.
Gabriella Gustafson, Mattias Ståhlbom, warum ist skandinavisches Design international so beliebt?
Ståhlbom: Darauf sollten eigentlich Außenstehende antworten (lacht). Das ist gerade für uns als Designer, die so tief drinstecken, schwierig zu beantworten. Es ist wohl auch eine Frage des Timings. Skandinavische Designer verkörpern, wenn man es generalisieren darf, Kernwerte, die derzeit den Rest der Welt faszinieren.
Was für Werte sind das?
Ståhlbom: Design aus Skandinavien orientiert sich sehr an Funktionalität, an der praktischen Nutzbarkeit und der leichten Zugänglichkeit, durch einfach gehaltene Ästhetik aus soliden Naturmaterialien. Auch die jetzt weltweit so wichtige Haltbarkeitsfrage wird schon lange mit bedacht. Regional produzierte Naturmaterialien wie Holz aus den nordischen Wäldern sind schon immer zentral in der Gestaltung gewesen. Man macht einen großen Bogen um Künstliches. Diese Werte kommen derzeit international gut an. Vielleicht ist man der Tatsache müde, dass das Leben immer mehr ins Internet umzieht. Skandinavisches Design wirkt durch die Naturmaterialien sehr haptisch, wirklich, echt.
Warum ist skandinavisches Design so bodenständig, so einfach?
Ståhlbom: Die Menschen in Schweden etwa waren lange recht arm, ihr Alltag war geprägt vom simplen, anstrengenden, ländlichen Bauernleben im kalten nordischen Klima. Fast alles war aus einfachem Holz, auch die Häuser. Deutschland war vor 100 Jahren in der Entwicklung schon viel weiter. Bei uns herrschte lange Pragmatismus angesichts knapper Ressourcen. Das hat sich vielleicht aufs Design übertragen.
Ihr habt zusammen an der Stockholmer Konstfack Innenarchitektur und Möbeldesign studiert und euer TAF Studio im Jahr 2002 gegründet. Von einer im Jahr 2004 zum Studio umgebauten Altbäckerei im heute weitgehend gentrifizierten Arbeiterstadtteil Södermalm aus habt ihr dann sozusagen die Welt erobert. Wie fing das alles an?
Ståhlbom: (Lacht) Wir waren ja verhasst im Viertel. Alle alten Tanten kamen vorbei und wollten ihre Bäckerei und die Brötchen wiederhaben. Wir waren damals viele junge Designer. Zehn Leute, die sich die Bäckerei zum Arbeiten teilten. Die Tanten waren sauer, mochten diese „Designertypen“ nicht. Aber wir mochten die Ecke sehr, auch weil sie so alltäglich war. Wir wollten Design wie das tägliche Brot liefern. Unsere Entwürfe sollten das alltägliche Leben begleiten, aber Gewöhnliches mit unseren Formen weniger gewöhnlich machen.
Wie sieht heute euer Gestaltungsansatz aus?
Gustafson: Er knüpft noch immer dort an. Es geht schlicht um Wiedererkennung des Alltäglichen in der Gegenwart oder Vergangenheit. Wenn der Nutzer etwas wiedererkennt, ist das auch integrativ, es entsteht durch die Erinnerung an frühere Erlebnisse eine Bindung an unser Möbelstück. Wir haben zum Beispiel beim neuen Sofa „Famna 2020“ die Form einer alten Badewanne verwendet. Es sind Anspielungen an den Alltag und manchmal an alte Designentwürfe, aus dem Funktionalismus etwa. So haben wir für Muuto eine Lampenserie gemacht, die an die 30er Jahre erinnert, sie aber mit einer neuen Deutung versehen. Unser Armsessel „Hood“ für Fogia erinnert an alte Zeiten, sieht aber doch anders aus und ist anders gebaut – mit einem komplexen Stahlgerüst. Die Entwicklung hat fünf Jahre gedauert. Auf dem kann man nun auch schaukeln (lacht).
Was inspiriert euch?
Gustafson: Es hängt vom Zufall ab, was wir finden. Wir sammeln alle möglichen kleinen Gegenstände und große Gegenstände und haben unsere Referenzbibliothek im Studio als Inspirationsquelle. Einmal hat ein Praktikant ein paar für uns wertvolle Sachen weggeworfen, als er sauber machen sollte. Er dachte, es sei einfach Müll! Es ist aber viel besser, Inspirationen physisch im Studio zu haben, statt im Internet nach Dingen zu googeln. Wir diskutieren oft lange darüber, bevor wir uns entscheiden, welche Formen wir bauen wollen. Wir versuchen so einfache Sachen wie möglich zu machen. Wir mögen ganz direkte Anspielungen. So haben wir den Knopf einer Stereoanlage in unsere Standlampe „Wood Lamp“ für Muuto integriert. Wir fanden einfach, das schöne Gefühl, am runden, etwas schweren Metall-Lautstärkeknopf an einer alten Stereoanlage zu drehen, ist unschlagbar. Viel besser als nur den gewöhnlichen Plastik-Dimmerknopf einer gewöhnlichen Tischlampe zu bedienen.
Ihr gestaltet auch für Großunternehmen Möbel. Wie läuft das ab?
Gustafson: Manchmal werden wir angewiesen, genau das und das zu machen – mit ein wenig Spielraum. Manchmal fällt uns selbst etwas ein, von dem wir denken, das fehlt der Welt noch, das gibt es noch nicht! Dann lassen sie sich überzeugen. Manchmal geht es um stark limitierte Produktionen, die etwas spezieller sind.
Klima und Umweltschutz werden immer wichtiger. Kann man es da noch rechtfertigen, neue Objekte zu schaffen und in großer Stückzahl rund um den Globus zu schicken, wenn es schon so viel Neues und Altes gibt?
Gustafson: Wir arbeiten viel für Ausstellungen und Messen. Auch das ist leider zumindest kurzfristig sehr material- und transportintensiv. Auch weil viel in kurzer Zeit auf die Beine gestellt werden muss. Bei Ausstellungen geht es aber nicht um eine große Menge, sondern um Einzelstücke und vor allem um die Idee dahinter. Da ist die Umweltfrage nicht so gravierend wie bei der Massenproduktion.
Ståhlbom: Aber wir versuchen, auch da so wenig Material wie möglich zu verbrauchen. Das sieht man auch am zurückhaltenden Design. Wir haben eigentlich schon seit Beginn unseres Arbeitens in den 90ern versucht, aus so wenig wie möglich so viel wie möglich zu machen. Die Neunziger waren auch so eine Zeit, es herrschte eine Wirtschaftskrise, Secondhand und Umweltschutz waren angesagt. Man versuchte, aus der Knappheit etwas Schönes zu machen. So denken wir noch immer.
Wie viel Einfluss habt ihr als Designer dabei auf die Hersteller?
Ståhlbom: Wir versuchen auch aktiv unsere Produzenten zu beeinflussen bezüglich der Größe von Paketen, dem Transportaufwand. Unser Sofa „Famna“ für Svenskt Tenn etwa ist gänzlich in Schweden hergestellt worden. Wir wollen, dass unsere Möbel reparierbar sind. Unsere Sachen sind qualitativ sehr hochwertig, was Entwurf und Fertigung betrifft, so dass sie sehr lange halten. Unsere Stücke sollen über Generationen vererbt werden können.
Wie sieht das Design der Zukunft aus?
Gustafson: Schwer zu beantworten. Ich denke, es wird in der Zukunft noch mehr um Nachhaltigkeit gehen. Darum, Produkte zu bauen, die noch länger halten, die reparierbar sind und die vielleicht auch für neue, andere Zwecke umfunktionierbar und umbaubar sind. Etwas nur zu nutzen und dann wegzuwerfen, ist nicht mehr der Weg. Auch wird wohl wieder mehr regional produziert werden. Hochwertige Möbel werden ja auch weiterverkauft im Internet und in Auktionshäusern, und sie haben einen Sammlerwert.
Habt ihr schon über digitales Design nachgedacht, das nie physisch produziert, aber im Internet präsentiert wird und vielleicht für die Internet-Fotowelt von Instagram und Co. verkauft werden kann? Im Modedesign gibt es da ja neuerdings Ansätze dazu.
Ståhlbom: Ja, ich habe auch gehört, dass viele Leute Kleider im Internet kaufen, nur um damit Instagram-Fotos zu machen! Dann schicken sie sie wieder zurück! (Lacht) Ob das umweltfreundlich ist? Die Foto-Instagramwelt ist ein relativ neues Phänomen, eine Welt, die für einige wirklicher ist als die richtige Welt. Aber wir sind sehr physisch. Unsere Sachen sind Gebrauchsgegenstände, die genutzt werden sollen, und zwar im alltäglichen Leben. Das physische Material, die Qualität und das Gefühl, wenn man die Dinge anfasst oder bedient, machen unsere Designs ja aus. Das kann man nicht durch eine rein digitale Version ersetzen. Darüber hinaus habe ich auch keine Lust, Inneneinrichtungsgegenstände zu designen, die nicht genutzt werden.
Info zur Person
Die vielfach ausgezeichneten schwedischen Designer Gabriella Gustafson (45) und Mattias Ståhlbom (49) haben 2002 das TAF Studio gegründet, ein Design- und Architekturbüro in Stockholm. Ihre Entwürfe sind auf internationalen Möbelmessen zu sehen – und in Museen, vom Schwedischen Nationalmuseum bis hin zum New Yorker Museum of Modern Art. Sie gestalten Ausstellungen und haben kommerziell erfolgreiche Produkte für große Einrichtungshäuser kreiert. Sie sind wie nur wenige Produktdesigner heute Ausstellungsdesigner und Inneneinrichter zugleich. So entwarfen sie jüngst auch das Restaurant des Schwedischen Nationalmuseums. Möbeldesigner, die es zu Lebzeiten schon permanent ins Museum der Heimatnation schaffen, sind selten.