Warum man in Stuttgart nicht Knöllchen sagt „Dat Knöllchen“ ist kein Knüller

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Der Schwabe an und für sich ist tolerant. Beim Strafzettel hört der Spaß aber auf.

Niemand hat die Absicht, ein Knöllchen zu erhalten. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko
Niemand hat die Absicht, ein Knöllchen zu erhalten. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Stuttgart - Hand aufs Herz, haben Sie schon mal gehört, dass Bürger anderer Bundesländer bei uns mit Spätzle beworfen worden wären? Nein. Denn erstens sind wir ein gastfreundliches Völkchen, zweitens wär’s ja arg schad’ drum. Und drittens finden wir es extrem gemein, wenn Berliner derlei Geschütze gegen Exilschwaben in Kreuzberg auffahren. Wir haben auch noch keinem Fischkopf gesagt, er soll „Ich stolperte über einen spitzen Stein“ sagen, weil „st“ und „sp“ ohne „sch“ ach so drollig klingen. Und werden uns beim nächsten Ausflug an die Waterkant auch weigern, „Schdeinle“ zu sagen, wenn jemand meint, wir sollen das wiederholen, weil es ja ach so drollig klingt mit „Sch“ am Anfang des Wortes.

Auf der Straße und in der Sprache sind Stuttgarter weitgehend tolerant

Sprache ist also der eine Lebensbereich, bei dem sich die Grundherzensgüte und Toleranz der Schwaben zeigen, Straßenverkehr der andere. Spuren wechseln können wir wie die jungen Götter, Einparken im Stuttgarter Westen lässt das Überqueren Tokioer Hauptstraßen im Berufsverkehr wie eine Tour auf dem Verkehrsübungsplatz im Mahdental erscheinen. Ohne Murren oder Hupen machen wir Platz, wenn ein Fahrzeug mit zweistelligem Kennzeichen versucht, den Verkehr durch raumgreifende Fahrmanöver lahmzulegen. Bei uns dürfen auch Rheinländer aus- und Ausländer einparken, wie sie gerade lustig sind.

Ein Knöllchen ist ein Strafprotoköllchen

Bei Strafzetteln aber hört der Spaß auf. Erstens weil’s ebbes koschd und zweitens wegen der rheinländischen Sprachinvasion. Vor ein paar Jahren durfte man Auswärtige noch unverhohlen fragend anstarren, wenn sie von „Knöllchen“ faselten und statt einer Grombire einen Strafzettel in der Hand hielten. Der Klügere schlägt nach: Laut dem Duden ist das ein regional und umgangssprachlicher Ausdruck aus dem Rheinischen für Strafzettel. Und nicht nur das, das Wort leitet sich laut dem schlauen gelben Buch gar nicht vom wütenden Zusammenknüllen des Strafzettels (sic!) ab, sondern von Protoköllchen. Das sei wiederum der verkürzte Diminutiv des Wortes Strafprotokoll. Und Knöllchen ist dann was? Richtig. Die verballhornte Kurzform des Diminutivs und so weiter, und vor allem: rheinisch. Klingt albern, ist aber so. Mit anderen Worten raten wir also dringend vom Gebrauch des Wortes ab – oder hat im Rheinland schon mal ein Parksünder ein „Zäddele“ zerknüllt? Eben.




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