Stuttgart - Fehler zeigen in unserer Kultur selten ein Gesicht. Lieber leugnet man allenthalben und wenn das nicht mehr geht, schreibt man die Ursachen für das eigene Fehlverhalten eben den Umständen, der Überforderung oder dem System zu. Der Philosoph Odo Marquard (1928-2015) beschrieb „den Ausbruch des Menschen in die Unbelangbarkeit“ in seinem Aufsatz „Die Kunst, es nicht gewesen zu sein“ von 1973: „Die Menschen haben sich von der Vorstellung verabschiedet, dass Gott die Menschen durch Sünde, Schuld und Leid straft und erzieht; sie haben sich selber auf den Platz des obersten Verbesserers der Menschheit gesetzt. Nur: Wer ist dann schuld, wenn es mit der Verbesserung der Menschheit nicht so recht vorangeht? Der Mensch selber? So wird aus der kritischen Frage nach dem gerechten Gott die scharfe Frage nach dem gerechten Menschen – und dessen Antwort lautet, wenn es schiefgeht: ,Dumm gelaufen. Aber ich war das nicht.‘“
Die Freiheit, selbst zu entscheiden, was wir tun, ist uns viel wert. Doch statt der Bereitschaft, Verantwortung für diese Freiheit zu übernehmen, beherrscht eine Art neurotisches Unschuldsbewusstsein das Bild. Wie tief haben manche von uns verinnerlicht, dass nicht sie selbst für ihre Taten verantwortlich sind, sondern dass da die schwere Kindheit war, der sadistische Lehrer, die falschen Freunde, die widrigen Umstände. Wenn Paare sich trennen, ist sowieso immer der andere schuld. Wer Menschen misshandelt, gibt nur die Gewalt weiter, die er selbst erfahren hat. Wer klaut, wurde verführt.
Was ist die Triebfeder der Selbstrechtfertigung? Unser Gehirn neigt dazu, Informationen zu suchen, die unsere bestehende Meinung bestätigen, und neue Informationen, die ihr widersprechen, zu ignorieren. Dieser sogenannte confirmation bias lässt uns in vielen Situationen fehlende Beweise so deuten, als wären sie ein Beleg für unsere Meinungen. Wenn sich zwei Kognitionen, also Ideen, Wahrnehmungen oder Meinungen, widersprechen, geraten wir in den Zustand der Anspannung. Das ruft negative Gefühlszustände hervor, die vom leisen Zwicken des schlechten Gewissens bis zu tiefen Angstzuständen reichen können.
Die meisten Menschen halten sich für moralisch
Diese „kognitive Dissonanz“ ist eine Triebfeder der Selbstrechtfertigung – ein Prozess, der automatisch abläuft und nicht unbedingt die Bewusstseinsschwelle überschreitet, aber immer darauf abzielt, unser positives Selbstbild zu schonen, indem man sich selbst belügt und davon überzeugt, das einzig Richtige getan zu haben. „Dieser Impuls soll uns vor der bitteren Erkenntnis schützen, etwas falsch gemacht zu haben“, erläutern die Sozialpsychologen Carol Tavril und Elliot Aronson in ihrem Buch „Mistakes were made, but not by me – Fehler wurden gemacht, aber nicht von mir“.
Dissonante Informationen führten dazu, dass der logisch denkende Teil des Gehirns weniger aktiv wird, mit der Folge, dass wir Informationen nicht unbedingt logisch verarbeiten. Erst im Nachhinein suchen wir eine logische Rechtfertigung für unsere Handlungen. „Das habe ich getan, sagt das Gedächtnis. Das kann ich nicht getan haben, sagt der Stolz und bleibt unerbittlich. Endlich – gibt das Gedächtnis nach“, so beschrieb der Philosoph Friedrich Nietzsche (1844-1900) den Vorgang.
Dissonanz wird richtig unerfreulich, wenn ein wichtiger Teil des Selbstkonzepts infrage gestellt wird – die meisten Menschen halten sich für kompetent, moralisch und klug. Der Versuch, dissonante Gefühle zu reduzieren, soll das positive Selbstbild erhalten. Je berühmter, selbstsicherer und mächtiger eine Person, umso weniger ist sie geneigt, einen Fehler einzugestehen. Zu viel steht auf dem Spiel.
„Dissonanzminderung funktioniert wie ein Thermostat“, sagen Tavril und Aronson. Sie hält unsere Selbstwahrnehmung auf dem Sollwert, den wir ihr zugewiesen haben. Wenn wir sagen: „Ich war’s nicht“, rechtfertigen wir uns zuallererst vor uns selbst und erst danach vor den anderen. Wir entwickeln ein elastisches Verhältnis zu den Tatsachen. Wir räumen ein: Es wurden Fehler begangen. Von den anderen. Aber nur von einigen wenigen. Und nicht von mir.
Die Gesellschaft leidet unter Fehlerphobie
Das Gedächtnis hilft uns dabei, indem es die Falten der Dissonanz glättet und die Erinnerung verzerrt. Abweichende Informationen blenden wir aus. Wird ein Fehler offenbar, gibt unser Gedächtnis wenn möglich die beruhigende Auskunft, dass dieser von jemand anderem gemacht wurde. Wenn ich überhaupt dabei war, dann nur als unschuldiger Zuschauer. Wenn ich das wirklich getan haben sollte, hat mich jemand dazu verleitet.
Probate Strategien, die wir anwenden, um Dissonanz zu reduzieren: „Schwindeleien, Verzerrungen und schlichtes Vergessen sind die Fußsoldaten unseres Gedächtnisses“, schreiben Carol Tavril und Elliot Aronson. „Sie werden an die Front geschickt, wenn das totalitäre Ich uns vor dem Kummer und der Verlegenheit bewahren will, die wir unweigerlich verspüren, wenn wir etwas getan haben, dass nicht zu unserem Selbstbild passt.“
Der erste Schritt in Richtung Selbstrechtfertigung macht jeden weiteren einfacher. Tatsächlich verstärkt sich die Motivation, ihn zu wiederholen, denn wenn man es nicht täte, würde man damit, zumindest vor sich selbst, eingestehen, dass man schon beim ersten Mal falsch gehandelt hat, fassen Tavril und Aronson zusammen. Die Ich-stärkende Erinnerungsverzerrung hat das Ruder übernommen, die Kettenreaktion von Tun und Rechtfertigung läuft.
Dieser Prozess wird befeuert von einer verbreiteten Fehlerphobie in unserer Gesellschaft. Aus Angst vor Autoritätsverlust haben viele Ärzte jahrelang ihr Image der Unfehlbarkeit gepflegt, was Patienten wiederum als Arroganz oder Herzlosigkeit empfanden. Mit dem Mut zur Transparenz und dem Versuch, eine neue Fehlerkultur zu etablieren, mit Ärzten, die ihre Fehler offen zugeben und ihre Bereitschaft bekunden, daraus lernen zu wollen, konnte die Ärzteschaft Ansehen zurückerobern. Wenn kompetente Ärzte ihre Fehler offen zugeben, werden sie nämlich immer noch als kompetente Ärzte wahrgenommen, wenn auch mit menschlichen Fehlern behaftet wie wir alle.
Schuld ist nicht zu vermeiden
Es ist eine reife Form des Schuldbewusstseins, das um seine Freiheit weiß und ihren Preis nicht leugnet: Wer Entscheidungen trifft, kann sich irren – mal mit den besten Absichten, mal aus Faulheit oder Schlampigkeit. Doch ein reifes Schuldbewusstsein fragt vorher nach den Folgen des persönlichen Handelns, es macht sich empfindlich für die Leidtragenden und fähig, den Schmerz auszuhalten, wenn eine Entscheidung sich als falsch herausstellt und Leid verursacht. Es fragt kritisch, innerhalb welcher Verstrickungen ganz unschuldige Handlungen schuldhafte Folgen haben können: der Flug in den Urlaub angesichts des Klimawandels, der Kauf der Billigjeans im Bewusstsein der Arbeitsbedingungen in Bangladesch und anderswo.
Dieses Bewusstsein weiß, dass es Schuld nicht vermeiden und auch nicht ungeschehen machen kann. Aber es weiß auch um die Verantwortung, die daraus erwächst, und sucht nicht im Nachhinein nach selbstwertschonenden Ausflüchten.
Es kann etwas sehr Befreiendes haben, wenn wir die Verantwortung für unser Tun übernehmen. Margot Käßmann hat diese Art Größe bewiesen: In ihrer kurzen Zeit als Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche stellte sie sich nach ihrer alkoholisierten Autofahrt der Öffentlichkeit und bekannte: „Ich habe Mist gebaut. Es gibt nichts zu entschuldigen und nichts zu relativieren. Und ich ziehe die Konsequenz, statt nach Wegen zu suchen, den Posten irgendwie zu behalten; ich trete zurück.“ Ihr Fehler wurde dadurch nicht kleiner oder ungeschehen gemacht. Aber sie behielt im Bekenntnis ihrer Schuld ihre Würde.
Es gibt ein Bedürfnis nach Ehrlichkeit
Wie wirkt es sich auf unser gesellschaftliches Klima aus, wenn immer dreister gelogen wird und es normal ist, sich aus der Verantwortung zu stehlen? Es gibt ein echtes Bedürfnis nach Ehrlichkeit und Integrität, das empfindlich reagiert: In einem Krimi wie dem „Tatort“, der die Kunst, es nicht gewesen zu sein, jeden Sonntagabend neu erzählt, erfahren wir tiefe Beruhigung, weil am Ende die Rechtmäßigkeit der Verhältnisse wiederhergestellt ist und der Verbrecher die Verantwortung für seine Tat übernehmen muss.
Die Überführung des Täters ist in dieser Dramaturgie ein auf Ausgleich bedachter Prozess. „Wir haben moralische Bedürfnisse“, sagt Susan Neiman, Philosophin und Direktorin des Potsdamer Einstein-Forums. „Etwa das Bedürfnis, Ehrfurcht zu äußern, und das Bedürfnis, Empörung auszudrücken, das Bedürfnis, Euphemismen abzulehnen und Dinge bei ihren Namen zu nennen.“ Wo Lügen immer mehr zur Normalität würde, schwinde Vertrauen und das leiste weiteren Lügen Vorschub.
Gegensteuern können wir, so der Philosoph Peter Sloterdijk, indem wir uns an den Grundsatz halten: Handle jederzeit so, dass du auf die Frage, wer es war, nie antworten musst: Niemand war es. Wir brauchen ein wenig Aufmerksamkeit, was uns selbst angeht. Wenn wir erst einmal erkennen, wie und wann wir Dissonanz mindern, werden wir wachsam und können über den Automatismus der Selbstrechtfertigung hinauswachsen. Dazu müssen wir begreifen, wie sehr unser Gehirn nach Konsonanz strebt, wie entschieden es alles ablehnt, was unsere Ansichten und Vorlieben infrage stellt.
Der Mechanismus, Dissonanz zu vermeiden, mag angeboren sein. Die Haltung Fehlern gegenüber lässt sich korrigieren. Ein Fehler hat den Sinn, inneres Wachstum zu ermöglichen. Die ersten Schritte der Kunst, es gewesen zu sein, beginnen so: Ich war’s. Ich habe einen Fehler gemacht. Ich möchte begreifen, woran das lag, weil ich denselben Fehler nicht noch einmal machen will.