Stuttgart - Die 335 Italiener hatten keine Chance. Sie wurden mit Lastwagen abtransportiert. In den Tiefen des stillgelegten Bergwerks Fosse Ardeatine südlich von Rom mussten sie sich in Fünfergruppen niederknien. Die Gänge waren durch Fackeln nur schwach beleuchtet. Dann eröffneten SS-Männer das Feuer auf die wehrlosen Opfer, sie schossen ihnen ins Genick. Stundenlang dauerte das Blutbad am 24. März 1944. Die deutschen Soldaten hatten Kognak getrunken und zielten nicht genau. Um 19 Uhr endete das Massaker. Einige der Opfer waren unter den Bergen von Leichen noch am Leben.
Ein Mann, der als Erster auf die Wehrlosen geschossen hatte, gab am Ende den Befehl, die Höhlen zu sprengen: Herbert Kappler, SS-Kommandant von Rom. Ein schwäbischer Polizist und NS-Funktionär, 1907 in Stuttgart geboren. Nach dem Beitritt zur NSDAP 1931 machte er schnell Karriere und wurde Polizeikommissar in der Landeshauptstadt. Er kam als Polizeiattaché nach Rom, nach der italienischen Kapitulation wurde er zum SS-Obersturmbannführer. Den Massenmord befahl Kappler als Vergeltung für einen Angriff kommunistischer Partisanen, bei dem 32 deutsche Polizisten starben. Ihr Tod sollte durch die zehnfache Zahl an Toten gerächt werden. Kappler wählte dafür Insassen von Gefängnissen und Lagern sowie 75 deportierte Juden aus. Seinen Männern sagte er nach dem Massaker: „Ich weiß, dass es für einige von euch sehr hart gewesen ist. Das Beste, was ihr tun könnt, ist, euch zu betrinken.“
Das Massaker in den Fosse Ardeatine, den ardeatinischen Höhlen, blieb den Italienern als eines der brutalsten deutschen Kriegsverbrechen im Zweiten Weltkrieg im kollektiven Gedächtnis. Kappler wurde 1945 in Südtirol verhaftet und in einem Aufsehen erregenden Prozess zu lebenslanger Haft verurteilt. Er blieb Jahrzehnte hinter Gittern und war einer der letzten Kriegsverbrecher in westeuropäischen Gefängnissen. Sein Fall wurde zum Politikum. Kappler war in Italien eine Symbolfigur der deutschen Fremdherrschaft. Die Bundesregierung von Kanzler Konrad Adenauer (CDU) setzte sich aus humanitären Gründen für seine Freilassung ein, blieb damit aber erfolglos.
„Viel Schlimmeres verhütet“
Neue historische Forschungen zeigen allerdings noch eine andere Dimension des Falls Herbert Kappler. Der Historiker und „Spiegel“-Journalist Felix Bohr hat in seinem 2018 erschienenen Buch „Die Kriegsverbrecherlobby“ ein Netz von Ex-SS-Kameraden und NS-Funktionären bis in höchste Kreise der Gesellschaft identifiziert, das Gefangenen wie Kappler half. In der Liste der Fürsprecher tauchen zwei Namen auf, die man dort nicht erwarten würde: Willy Brandt und Arnulf Klett.
Klett war von 1946 bis 1975 Stadtoberhaupt in Stuttgart. In der NS-Zeit saß er als Kritiker des Regimes zwei Monate im KZ Heuberg ein. Doch bereits 1957 begann er, sich für den in der Festung Gaeta bei Rom eingesperrten SS-Mann einzusetzen, wie Felix Bohr herausgefunden hat. „Kappler hat (. . .) viel Schlimmes verhütet“, schreibt Klett 1964 in einem Brief an die deutsche Botschaft in Rom. Er habe etwa Strafmaßnahmen gemildert oder aufgehoben. Felix Bohr hält diese Begründung für vorgeschoben: „Es war eine beliebte These der Unterstützer Kapplers, dass dieser beim Massaker in den Fosse Ardeatine mäßigenden Einfluss ausgeübt habe – was historisch nicht zu belegen ist.“
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1970 wandte sich Klett an Bundespräsident Heinemann, ein Jahr später schrieb er von einem Rechtsgutachten, das ein Hilfskomitee für Kappler erstellt habe und wonach dieser zu streng beurteilt worden sei. 1971 verlieh Klett in einem Brief an Kanzleramtschef Horst Ehmke seiner Sorge um die Gesundheit Kapplers Ausdruck. Aus Stuttgart wurde anfangs sogar die bundesweite Rechtshilfe für Kappler sowie andere deutsche Kriegsverbrecher gesteuert und finanziert. Ortsgruppen von Heimkehrer- und Kriegsbeschädigtenverbänden setzten sich für Kappler ein. Ein ehemaliger Stuttgarter Polizeibeamter führte für den SS-Mann das Argument an, dass er die „richtigen“ Italiener zur Erschießung ausgewählt hätte: „Wenn Kappler die Liste nicht zusammengestellt hätte, wäre mit Sicherheit die gleiche Anzahl Italiener erschossen worden. Dann aber Leute, die nicht strafbare Handlungen begangen hatten.“
Ein Netzwerk bis in die damalige Bundesregierung
Das lokale Engagement für den Mann, der in seinem Prozess in Rom erklärt hatte, Juden für Erschießungen ausgewählt zu haben, weil er keine „Unschuldigen habe töten lassen wollen“, war eingebettet in eine bundesweite Kampagne. Dazu gehörten ehemalige NS-Aktivisten, Freundeskreise, auch kirchliche Funktionäre.
Der Pfarrer Theophil Wurm, der während der Naziherrschaft offen gegen die Judenverfolgung und den Mord an Patienten von Heilanstalten protestiert hatte, wurde nach dem Krieg der erste Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland. Er war auch Gründungsmitglied der „Stillen Hilfe“, einer Organisation für inhaftierte Kriegsverbrecher. Dieses Netzwerk mit Verbindungen bis in die Bundesregierung habe zur Vergangenheitspolitik des Nachkriegskanzlers Konrad Adenauer gepasst, wie der Historiker Felix Bohr schreibt: „Sie zielte auf eine Amnestie und Integration der vormaligen Anhänger des Dritten Reiches.“
Doch nicht nur von konservativer Seite her kämpfte man für Kappler, der 1976 an Krebs erkrankte und daraufhin in ein Militärkrankenhaus verlegt wurde. Auch der erste sozialdemokratische Kanzler Willy Brandt engagierte sich intensiv für eine Begnadigung des SS-Manns. Wie die Recherchen von Felix Bohr zeigen, setzte Brandt nahtlos die Hilfspolitik seiner Vorgänger fort. Schon 1963 hatte er als Regierender Bürgermeister von Berlin eine Initiative gestartet. Zwei Jahre später bat er den italienischen Staatspräsidenten bei einem Berlin-Besuch um die Freilassung von Herbert Kappler.
Der Wunsch nach Aussöhnung
Diese auf den ersten Blick überraschende Ausrichtung erklären Historiker mit Brandts Wunsch nach gesellschaftlicher Aussöhnung. Bohr zitiert den SPD-Kanzler: „Man kann nicht ein total zerstörtes Land materiell wieder aufbauen, daraus ein halbwegs geordnetes Staatswesen entstehen lassen in der Hoffnung, dass sich daraus ein Partner der anderen Völker entwickle, und gleichzeitig das Volk in seiner Schuld und Mitverantwortung eingraben.“
Die Historikerin Kristina Meyer, die für ihr Buch „Die SPD und die NS-Vergangenheit 1945–1990“ mit dem Willy-Brandt-Preis für Zeitgeschichte ausgezeichnet wurde, findet lobende Worte: „Dem ehemaligen Widerstandskämpfer Brandt ist es gelungen, die Notwendigkeit einer schmerzhaften Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit positiv umzudeuten und in ein selbstkritisches, zukunftsgewandtes Versöhnungsnarrativ einzubinden.“
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Dennoch überrascht das hartnäckige Engagement Brandts in der Causa Kappler. Bei einer Italienreise 1970 wandte er sich an die neu gebildete Linksregierung unter der Sozialistischen Partei (PSI). Gegenüber dem Vizeministerpräsidenten Francesco di Martino, der im Widerstand gegen die NS-Besatzung gekämpft hatte, verwies er auf den kritischer werdenden Gesundheitszustand des inzwischen 62-jährigen Kappler und sprach von einem „Abbau der Überreste des Zweiten Weltkriegs“.
Zwei Wochen später setzte Brandt mit dem Kniefall im ehemaligen jüdischen Ghetto von Warschau ein viel beachtetes Zeichen der Versöhnung mit den ehemaligen Kriegsgegnern und NS-Opfern. Das öffentliche Bild zeichnete ihn als Mann, der radikal mit der Vergangenheit bricht. Der Einsatz für SS-Kriegsverbrecher in Haft erfolgte im Verborgenen. Brandt sah darin „zwei Seiten derselben außenpolitischen Agenda“, wie Bohr erklärt.
Flucht aus dem Militärkrankenhaus
Sogar der Friedensnobelpreis, den Brandt 1971 erhielt, wurde Teil dieser Doppelstrategie. So entschloss sich der SPD-Kanzler, die Auszeichnung des Nobelkomitees zu nutzen, seine „besonderen Beziehungen“ für Kappler einzusetzen. Dies ist in einem Schreiben des Journalisten und Brandt-Freunds Leo Bauer an den SPD-Fraktionschef Herbert Wehner dokumentiert. Kurz nachdem der Friedensnobelpreis für Brandt bekannt wurde, schrieb der ehemalige SS-Mann Kappler an den Kanzler: „Wenn tatsächlich der Frieden für immer unter den Menschen einziehen würde, dann wollte ich gerne für die letzten Jährchen meines Daseins hier am Wegrand eines schrecklichen Oorlogs liegenbleiben!“ Der niederländische Begriff „Oorlog“ bedeutet übersetzt „Krieg“.
Doch am Ende half weder die Lobbyarbeit alter Kameraden, kirchlicher Unterstützer, konservativer Politiker noch der Einsatz des in linken Kreisen als Lichtgestalt verehrten Brandt. In der italienischen Öffentlichkeit blieb Kappler verhasst und die Grausamkeit des Massakers in den Fosse Ardeatine unvergessen. Eine vom Gericht ausgesprochene Begnadigung im Jahr 1976 wurde sofort wieder revidiert.
So kam es am 15. August 1977 zur spektakulären Flucht Herbert Kapplers aus einem Militärkrankenhaus in Rom, die von Zeitzeugen mit den Worten „irgendwo zwischen James Bond und Houdini“ umschrieben wurde. Kapplers Ehefrau Anneliese hatte in der Nacht das Hospital mit einem großen Rollkoffer verlassen, war in einen Mietwagen gestiegen und davongefahren. Den Carabinieri hatte sie offenbar erklärt, sie besorge Medikamente.
Um 10 Uhr fanden die Wachhabenden in Kapplers Bett nur Bettlaken. Anneliese Kappler meldete sich im Auswärtigen Amt: „Ich bin mit meinem Mann zurzeit in München, wir sind aus Italien herausgekommen.“ Viele Legenden umranken diese Flucht. Felix Bohr geht aber davon aus, dass es eine spontane Idee war. Dass die Bundesregierung die Aktion zumindest indirekt finanziell unterstützt hat, dafür finden sich jedoch zahlreiche Indizien.
Nach mehr als 30 Jahren war der „Henker von Rom“ wieder in Deutschland. Er hatte aber nicht mehr viel von seiner Freiheit: Im Februar 1978, ein halbes Jahr nach seiner Flucht, starb er im niedersächsischen Soltau an Krebs.