Warum Verbundenheit wichtig ist „Ich kann heute leider doch nicht“ – Absagen sind in der Gen Z weit verbreitet

Viele Freunde zum Geburtstag eingeladen und am Tag sagen die meisten plötzlich ab? Das kommt inzwischen häufiger vor. Foto: imago images/Westend61

Nicht zu einem Geburtstag erscheinen, Termine kurzfristig absagen – Unverbindlichkeit ist ein Phänomen unserer Zeit. Dabei sind Freundschaften wichtig für unsere Gesundheit.

Psychologie/Partnerschaft: Nina Ayerle (nay)

Wer heutzutage zu seinem Geburtstag einlädt, steht oft vor einem Problem. Man weiß bis zum Tag selbst nie, wie viele Gäste wirklich kommen. Von manchen Eingeladenen hört man generell gar nichts, andere sagen zwar zu, aber als verbindlich gilt das nicht. Häufig findet man sich dann in der Situation wieder, dass man zwei Tage vorher einkauft, viel Zeit in der Küche mit Kochen und Vorbereiten verbringt – nur, damit am Tag selbst eine Absage nach der anderen hagelt.

 

Kopfschmerzen, PMS, andere Termine, Magen-Darm-Infekte, die plötzlich ausbrechen. Die Ausreden sind vielfältig, oft nachvollziehbar, doch bleibt man dann trotzdem auf Unmengen selbst gekochtem Essen zurück. Manche melden sich auch einfach gar nicht.

Wer ein Dorf möchte, muss sich auch am Dorfleben beteiligen

Unverbindlichkeit ist ein Phänomen unserer Zeit, wo Selbstfürsorge und der Schutz der eigenen Me-Time zum höchsten Gut erklärt werden. Das Lebensmotto scheint zu sein „Du bist niemandem eine Erklärung schuldig“, und der Schutz der eigenen Grenzen hat oberste Priorität.

Dabei gelten vor allem die heutigen Jugendlichen und jungen Erwachsenen als „die einsamste Generation“. Auf TikTok gab es kürzlich passend dazu den Trend „Everyone wants a village, but no one wants to be a villager” (deutsch: Jeder möchte in einem Dorf leben, aber niemand möchte Dorfbewohner sein.) Was so viel bedeutet wie: Jeder hätte gerne ein unterstützendes Umfeld, aber ist selbst nicht bereit, etwas dafür zu tun. Und ja, jeder kennt es auch von sich selbst: Man hat mehrere Termine am Tag und ist dann am frühen Abend ziemlich erschöpft, aber dann ist da noch das Abendessen mit den Freundinnen, das man bereits zugesagt hat, oder man hat sich zum Sport verabredet, aber der Sinn steht einem eher nach Netflix und Couch.

Und dann schreibt man eben schnell eine WhatsApp: „Du, ich kann heute leider doch nicht.“ Ist ja auch schnell geschrieben, man muss niemandem Rechenschaft ablegen, warum man es heute doch nicht schafft.

Vermutlich hat die Coronapandemie einen nicht unwesentlichen Anteil an der neuen Unzuverlässigkeit. Jahrelang haben wir uns – zwangsweise – zu Hause eingeigelt. Danach kehrten viele einfach nicht mehr zurück – ins Büro, zum Sport oder zu Treffen. Auch Theater und Kinos klagen seitdem über Besucherschwund. Unternehmen versuchen händeringend, Mitarbeiter zurück ins Büro zu holen.

Der Berliner Psychotherapeut Wolfgang Krüger ist bei diesem Thema „hin- und hergerissen“, wie er am Telefon sagt. Wer an einem Tag schon zwei bis drei berufliche Termine hatte, ist vielleicht abends einfach zu erschöpft für ein Treffen mit Freunden. „Früher haben wir solche Verabredungen aus einem Gefühl der Verpflichtung heraus eingehalten“, sagt Krüger. Heute stünden die Themen Selbstliebe und Selbstverantwortung hoch im Kurs. „Dafür habe ich ein Grundverständnis“, ergänzt Krüger. Aber die Unzuverlässigkeit häufe sich tatsächlich seit der Pandemie.

Der Berliner Psychotherapeut Wolfgang Krüger warnt davor, die eigenen Freundschaften zu vernachlässigen. Foto: picture alliance/dpa

Vor allem bei jungen Menschen beobachte er Krisensymptome in Freundschaften: „Wir beobachten zunehmend einen angstbesetzten Rückzug, der die Einsamkeit dramatisch ansteigen lässt“, sagt Krüger. Bei vielen Patienten stellt er fest, dass sie kaum richtige Freunde haben und niemanden, mit dem sie Probleme besprechen könnten. Dies habe Auswirkungen nicht nur auf die individuelle Lebensgestaltung, sondern führe zu einem zunehmend brüchigen gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Dabei machen gute Freundschaften nicht nur glücklich, sie halten uns sogar gesund. Studien zeigen, dass gute soziale Bindungen vor körperlichen und psychischen Krankheiten schützen können. Der Freiburger Psychologieprofessor Markus Heinrichs ließ für eine Studie Probanden Präsentationen vor Publikum samt Kamera halten und sie danach ohne Vorwarnung Kopfrechenaufgaben lösen. Diejenigen, die ihre besten Freunde mitbringen durften, waren durch die Aufgabe wesentlich weniger gestresst als die anderen. Auch in einem Experiment schätzten Menschen die Steigung eines Hügels geringer ein, wenn ein Freund dabei war. Je länger sie ihn kennen, desto stärker war der Effekt.

In Krisenzeiten vernachlässigen wir unsere Freunde eher

Eigentlich wissen wir fast alle, wie wichtig Freundschaften für uns sind. Dennoch neigen wir im Alltag dazu, Freundschaften zu vernachlässigen. „Das passiert vor allem in Krisenzeiten“, sagt Wolfgang Krüger. Viele Menschen ziehen sich dann zurück und konzentrieren sich nur noch auf ihr eigenes Leben. „Das soll uns Sicherheit geben, deshalb werden viele in schwierigen Zeiten egoistischer.“

Dies beziehe sich zwar nicht auf Partnerschaften, aber auf Freundschaften, die ohnehin eine gewisse Distanz aufweisen. „Was ich sehr bedauere“, sagt Krüger. Denn: Es ist kontraproduktiv. Es verstärkt die Unsicherheit im Leben sogar. „Und langfristig schadet uns das allen“, ergänzt der Psychotherapeut. Fast alle Menschen seien auf einen verlässlichen Umgang mit anderen angewiesen.

Bei Einladungen und Treffen sei es fast schon die Regel, dass um die 20 Prozent kurzfristig doch nicht kommen. „Und die Zahl derer, die unzuverlässig sind, steigt seit Jahren“, sagt Krüger. Er habe Verständnis dafür, dass man vielleicht nicht immer abends nach Feierabend noch Lust habe, die Sorgen der Freundin über ihren schwierigen Mann anzuhören. „Aber eine Geburtstagseinladung sehr kurzfristig abzusagen, ist sehr rücksichtslos und zeugt von mangelnder Wertschätzung für andere Menschen“, betont Krüger und ergänzt: „Ich verstehe, wenn da der Gastgeber beleidigt und gekränkt ist.“

Doch was tun? Auch Krüger selbst hat festgestellt, dass sich sein Freundeskreis in den letzten Jahren ausgedünnt hat. Deshalb hat er mit seiner Frau darüber gesprochen. In ihrer Hausanlage kümmern sie sich nun darum, die Nachbarschaft zu fördern. Sie organisieren Abende mit Glühwein, gemeinsamem Singen, Klavierspielen oder auch Hoffeste. „Wir haben das Haus aus seinem Dornröschenschlaf geweckt“, sagt Krüger.

Ständig abzusagen, hat einen hohen Preis

Es hilft also, wenn man selbst zum „villager“ wird und eine Initiative im eigenen persönlichen Umfeld startet und eigene, kleine soziale Dörfer gründet. „Diese sozialen Dörfer sind unser soziales Umfeld: Freundschaften, Kollegenbeziehungen, Nachbarn und soziale Gruppen“, sagt Krüger. „Da können wir selbst Anregungen bieten, um das soziale Leben lebendig zu gestalten“, sagt er abschließend. Wichtig sind vor allem persönliche Kontakte: „Sich nur gegenseitig Reels in sozialen Netzwerken zu schicken, ist eher eine Form von Selbstgespräch. Darüber stellt man keine echten Verbindungen her“, sagt Krüger. Aber es gebe auch positive Entwicklungen. So habe er beobachtet, dass es in immer mehr Städten Frauen gebe, die Spaziergänge und Aktivitäten organisieren. 

Und ja, manchmal ist es mühselig, wenn man einen vollen Tag hatte und dann abends noch zum Geburtstag eines Freundes muss. Man fühlt sich erschöpft und möchte eigentlich mit niemandem mehr reden. Aber der Preis dafür, ist häufig Einsamkeit: Wer zu oft auf Me-Time und Grenzen schützen setzt, steht irgendwann ohne Freunde da. Und, umgekehrt möchte niemand am eigenen Geburtstag plötzlich allein mit seinem Essen da sitzen.

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