Warum wir digital verblöden Der faule Technologie-Zauber

Der denkende Mensch ist nicht zu ersetzen. Foto: Björn Locke

Immer mehr Menschen verlieren ihren Glauben an die Wunder der Digitalisierung. Das ist gut so. Es wird Zeit für einen erwachsenen Umgang mit Technik – und für eine neue Arbeitskultur.

Arthur C. Clarke konnte niemand ein X für ein U vormachen. Der britische Physiker, Computerpionier und Schriftsteller, der unter anderem das Drehbuch für Stanley Kubricks „Odyssee im Weltraum” lieferte, wusste, dass die meisten Menschen von Technik keine Ahnung hatten – und sich auch nicht die Mühe machten, zu hinterfragen, was sie kann und was nicht. Clarkes Erkenntnis: „Jede hinlänglich fortgeschrittene Technologie ist von Magie nicht zu unterscheiden.“ Diese Magie, so machte er 1962 in einem Essay über falsche Propheten der Technik klar, bestand oft genug aus hohlen Versprechungen, Drohungen und Übertreibungen, zusammengefasst: aus viel Marketing und wenig Bodenhaftung. Die Magie war also, sah man genauer hin, oft genug nur ein fauler Zauber.

 

Wenn man die kurz nach dem Zweiten Weltkrieg in Gang gekommene Propaganda für Computer alias „Elektronengehirne“ als Geburtsstunde der Digitalisierung ansetzt, dann wird dieser Abschnitt der Technik- und Sozialgeschichte in diesem Jahr 80. Das ist ein stolzes Alter. Selbst wenn man großzügig die ganze Entwicklung mit dem Beginn der Massencomputerisierung (Personal-Computer) beginnen lässt, ist das Kind, von dem wir sprechen, auch schon gute 45 Jahre alt. Zu alt, um sich so infantil zu gebärden, wie es mittlerweile der Fall ist. Dafür können Computer, Netzwerke, Internet natürlich nichts, nicht einmal jene Automatisierungstechnik, die man im branchenüblichen Größenwahn Künstliche Intelligenz (KI) nennt und die vor allem diejenigen begeistert, die sie zum Kauf anbieten. Begeistert sind auch diejenigen, die von ihr „nicht mehr verstehen als die Kuh von der Botanik, in der sie ihr Gras frisst“, wie Albert Einstein es einst im Zusammenhang mit dem Radio formulierte.

Überall tummeln sich „KI-Experten (m/w/d)“ und leben vom alten, aber bewährten Geschäftsmodell der Beratung: Menschen, die mit viel Meinung, aber wenig Ahnung den anderen, die noch weniger Ahnung haben, ihre Dienstleistung verkaufen. Das funktioniert, weil die Digitalisierung immer mit Drohungen verbunden war.

Als die Sekretärinnen in den 1980er Jahren ihre Kugelkopf-Schreibmaschinen – ausgereifte Textverarbeitungsgeräte – räumen mussten und ihre Nerven im Umgang mit schlechten, fehlerbehafteten Personal-Computern mit „Textverarbeitungsprogrammen“ aufrieben, hieß es, wer das nicht tut, gehöre zum alten Eisen. Fünfzehn Jahre später gehörte zum alten Eisen, wer sein Faxgerät nicht schnurstracks gegen einen lahmen Internetanschluss tauschte und bald auch schon sein Erspartes in die Web-Unternehmen der Milleniumswende investierte – um es dann beim Platzen der Internetblase 2001 wieder zu verlieren. Ziemlich genauso wird es, dafür braucht man keine Propheten, all jenen gehen, die nun in Unternehmen wie OpenAI investieren, die mit Jahresverlusten von fünf Milliarden Dollar noch behaupten, es sei gut gelaufen, und ihren Investoren frühestens für 2029 Gewinne versprechen. In eifrig verfassten und auf LinkedIn und anderen Jubelnetzwerken millionenfach verbreiteten „Studien“ wird etwa behauptet, dass in den USA bereits 40 Prozent des BIP rein durch KI verursacht werden.

Tatsächlich, so zeigen aufgeklärte Insider wie der KI-Unternehmer Steven Klein aus Berkeley, sind es bisher vor allem die Big-Five der Unternehmensberatungen, McKinsey, Bain, Deloitte, PWC und Boston Consulting, deren schleunigst gegründete KI-Beratungs-Units Milliarden einfahren – was man ihnen gar nicht verübeln kann. Nachdem viele Manager – nicht nur in Deutschland – das Digitale ihren IT-Abteilungen überlassen haben, weil es ihnen an Grundbildung im Digitalen mangelt – müssen sie nun glauben und beten, dass sie nicht falsch beraten werden. „Im Grunde“, offenbart ein deutscher Berater einer der großen Fünf, „ist KI-Beratung das, was wir immer machen: Rechtsberatung, Empfehlungen, nichts Besonderes, und eigentlich auch nichts, was im Kern mit der Technik zu tun hätte“.

Der faule Zauber wird flankiert von rücksichtslosen Technokraten aus dem Silicon Valley, deren Algorithmen nichts anderes tun, als sich das Wissen anderer Leute unter den Nagel zu reißen. Nicht erst seit der Umstellung auf Googles Gemini KI, die die Inhalte von fremden Webseiten nutzt und sie als eigene Ergebnisse verkauft, ist es üblich, fremde Wissensarbeit zu klauen. Zu lange haben die alten Verwerter – die Medienunternehmen, aber auch verantwortliche Regierungen – dabei zugesehen, wie sich in Wild-West-Manier die Technokraten einfach bedient haben, weil es ging. „Peng, Peng, Peng, den Rest regeln die Anwälte,“ empfahl der langjährige Google-Chef und Mastermind des Silicon Valley, Eric Schmidt, jungen Elitestudenten in Stanford 2024 als Antwort auf die Frage, ob es denn okay wäre, sich das geistige Eigentum anderer Leute einfach zu nehmen.

Das ist der Spirit der neuen Digitalisierung, die aber schon in der alten steckte. Der Zürcher Technikhistoriker David Gugerli hat in seinem 2018 erschienen Buch „Wie die Welt in den Computer kam“ schon im Titel (fast) alles gesagt: Der Computer, auch nicht in seiner derzeit fortgeschrittensten Form, schafft nichts Neues, er ist nicht kreativ, nicht innovativ, nicht klug. Wie alle Maschinen ist er nur ein Hilfsmittel, mit dem, oft genug unter Schwierigkeiten, menschliches Wissen leichter zugänglich gemacht werden kann. Die Welt wird in den Computer gesaugt, ihr Wissen, aber auch das Leben und die Existenzen derer, die dieses Wissen geschaffen haben.

Das ist nicht erst seit Gugerli klar. Joseph Weizenbaum, weltberühmter Pionier des ersten KI-Programmes ELIZA, bluffte 1966 die Fachwelt. Die simple Frage-Antwort-App täuschte eine echte Unterhaltung vor, indem sie beispielsweise die Frage „Wie geht es Dir“ (Antwort: Schlecht) mit „Warum geht es dir schlecht?“ beantwortete und sich immer ein wenig Satzinhalt als Standardformel für die nächste Phrase holte.

Längst hatten zu diesem Zeitpunkt zuerst das Regierungsmarketing der USA, dann die Konzerne den Leuten das Märchen vom „Elektronengehirn“ erzählt. Das glaubten viele, weil sie nichts von der Technik verstanden und die meisten auch nie gelernt hatten, wozu man Computer eigentlich benötigt: Zum Messen und Wägen, zum Kopieren und Verteilen. Sie befreien uns von von lästiger Routinearbeit, so wie das auch alle anderen Maschinen vor ihnen getan hatten, die mit Wasser, Wind, Dampf oder Strom die menschliche Arbeitskraft schonten, zumindest in der Theorie mehr Zeit zum Nachdenken schufen.

Man muss diese Geschichte kennen, um sie zu verändern, um nicht den Oligarchen des Silicon Valley auf den Leim zu gehen. Und nein, solange Digitale Natives nur aus jungen Leuten bestehen, die sich jedes Jahr ein neues Handy „holen“, wird das nichts. Denen nämlich versprechen die Marketinglügen längst, dass mangelndes Können und Wissen, Talent und Kreativität durch die KI ausgeglichen werden könnten.

Du kannst nicht schreiben, malen, dir fällt nichts ein? Macht nichts! Das erledigen wir für dich! Der massenhafte Glaube daran ist ohne Konsum-Idiotismus nicht vorstellbar. Man braucht massenhaft einfältige Menschen, denen man einredet, sie würden nun auf Knopfdruck klüger. Und dass so viele Unternehmen heute aus Angst in der Wirtschaftskrise lieber einen Algorithmus beschäftigen als Menschen mit Sozialversicherungspflicht und Tarifbindung, ist in entwickelten Bürokratien auch kein Wunder. Ob sie alle hoffen, dass damit wieder Wachstum und Prosperität zurückkehren, dass sie sozusagen ein neues Wunder der „Industrie 4.0“ erleben?

Man kann das glauben, aber ein solches Wunder wäre überraschend. Schon 1988 stellte der Wirtschaftsnobelpreisträger Robert Solow fest: „Computer finden sich überall, außer in den Produktivitätsstatistiken”. Die Wissenschaft kennt das seit den Achtzigerjahren als Produktivitätsparadoxon. Zahlreiche Ökonomen, etwa der Nobelpreisträger Daron Acemoglu und der Stanford-Professor Erik Brynjolfsson, haben in ihren Arbeiten Solows Wachstumsparadoxon auch für unsere Tage bestätigt. Reich mit Digitalisierung werden jene, die die Digitalisierung verkaufen. Neun der zehn wohlhabendsten Menschen der Welt – zusammen fast 1800 Milliarden Doller schwer – sind in diesem Geschäft.

Und sonst? Die Digitalisierung, geradezu Inbegriff der Effizienz, verpufft in alten Organisationsformen. Deren Arbeit orientiert sich nach wie vor zu sehr an den Bedingungen der Industriegesellschaft, als an einer digitalen Wissensgesellschaft. Die würde allerdings viel mehr auf die natürliche Intelligenz und Kompetenz der Mitarbeitenden setzen. Wahre Digitalisierung ist mehr als das Zusammenspiel von Hard-, Software, Algorithmen und einer IT-Abteilung. Sie braucht eine andere Arbeitskultur. Es ist eben nicht alles eine Frage der Technik. Denn nicht die Technologie bringt Erfolge, sondern die Wertschätzung menschlichen Einfallsreichtums. Oder, wie es ein bekannter Gassenhauer aus der Informatik weiß: „Ein Scheißprozess, der digitalisiert wird, ist dann halt ein digitaler Scheißprozess.”

Das Digitale ist ein Werkzeug – kein Ersatz für Intelligenz

Wer über Künstliche Intelligenz und Digitalisierung redet, kann also über menschliche Intelligenz und Vernunft nicht schweigen. Bei der Kritik an der allgegenwärtigen Überhöhung Künstlicher Intelligenz kann es nicht um die Kritik an der Technik als solcher gehen. Wohl aber an der Art und Weise, wie jene kritiklos eingesetzt wird. Digitale Grundbildung tut not, Aufklärung, Grenzen und Regulierungen. Und eine Erinnerung an die Pioniere der Massendigitalisierung wie Apples Steve Jobs, sein geistiger Mentor Stewart Brand und viele andere, die das Digitale als Werkzeug zu mehr Selbstständigkeit und zur Förderung natürlicher Intelligenz sahen – nicht aber als Ersatz für den Menschen selbst.

Der Sinn und Zweck des ganzen digitalen Zaubers war einmal, dass es uns allen besser geht. Diesen faulen Zauber hinter der Verheißung zu begreifen, tut weh und macht im Gegensatz zum kritiklosem Mitlaufen beim aktuellen Trend und reinem Konsum auch Arbeit. Aber nur die Technik, die wir verstehen, bewahrt uns vor faulem Zauber.

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