Warum wir wirklich Sonnenbrillen tragen Versteckspiel hinter Augengläsern

Extremer Coolness-Faktor, egal ob mit oder ohne Sonnenbrillen (von links): Charlie Watts, Ron Wood, Keith Richards und Mick Jagger von der britischen Rockband Rolling Stones 2016 in Santiago de Chile. Foto: dpa/Elvis Gonzalez

Schon klar, sie schützen vor Sonnenstrahlen. Aber er gibt auch andere Gründe, um sich eine Sonnenbrille aufzusetzen. Rockstars können ein Lied davon singen – und unser Autor stimmt mit ein.

Lokales: Tom Hörner (hör)

Stuttgart - Genauso wenig wie ein Lamborghini erfunden wurde, um einen Menschen von A nach B zu transportieren, genauso wenig besteht der Zweck einer Sonnenbrille darin, die Augen vor Sonnenstrahlen zu schützen. Okay, es mag Ausnahmen geben. Also Leute, die sich nichts dabei denken, wenn sie mit ihrem Lamborghini morgens ins Büro fahren, außer vielleicht: Prima, dass ich ein Auto besitze und mich in der Bahn nicht dem Risiko einer Coronainfektion aussetzen muss.

 

Beliebt bei Rockern und Rockstars

Doch wir verlieren das Objekt aus den Augen, um das es eigentlich hier gehen soll: die Sonnenbrille. Ganze Berufsgruppen, von denen einige lustigerweise mit Rock anfangen, wären ohne dunkle Augengläser undenkbar, als da wären Rockstars und Rocker. Personenschützer gehören natürlich auch dazu, egal ob mit oder ohne Rock. Und der gelernter Groß- und Außenhandelskaufmann Markus Krebs aus Duisburg, der sich als Witzerzähler seit Jahren nur mit pechschwarzer Sonnenbrille und Wollmütze vors Publikum traut. Eines von Krebs’ früheren Programmen hieß übrigens „Hocker-Rocker“.

Heinos Markenzeichen

Den Volksmusikanten Heino können wir eigentlich unter den Tisch fallen lassen. Der griff wegen seiner hervortretenden Augen, verursacht durch Morbus Basedow, zur Sonnenbrille, die prompt zum Markenzeichen wurde und seinen Parodisten die Arbeit erleichterte.

So unterschiedlich die Beweggründe all dieser Sonnenbrillennutzer sein mögen, in jedem Fall schützen die Augengläser deren Träger weniger vor schädlichen und lästigen UV-Strahlen als vor neugierigen Blicken. Sei es, wie im Fall der Personenschützer, dass man nicht erkennen soll, wohin ihre geübten Augen schweifen. Sei es, wie im Fall von Rock-Heroen, dass sie in der Öffentlichkeit unerkannt bleiben möchten. Beim Stand-up-Comedian Markus Krebs funktioniert das Ganze gerade andersherum: Will er sich unerkannt unter die Leute mischen, dann ohne Brille und Mütze. Doch von den eben aufgezählten Menschen allein könnten die Sonnenbrillenproduzenten nicht leben, kommen wir also zur Sonnenbrille als modisches Accessoire.

Wo bleibt die verspiegelte Pilotenbrille?

Wenn der Augenschein nicht trügt, dann scheinen insektenaugenförmigen Exemplare außer Mode gekommen zu sein. Runde Gläser (Modell Nasenfahrrad) sind plötzlich angesagt, und bei Damen Modelle, die ihrer Trägerin ein katzenartiges Aussehen verleihen. Abgesehen davon gibt es reichlich Klassiker, die nicht totzukriegen sind, etwa oversized Augengläser, wie Audrey Hepburn sie in „Frühstück bei Tiffany“ trug, oder die Ray-Ban Wayfarer, der durch die Blues Brothers zu ewigem Leben verholfen wurde. Nur eine Brille, der Traum seiner Jugend, ist dem Autor schon länger nicht mehr unter die Augen gekommen: die Pilotenbrille mit verspiegelten Gläsern.

Howies Auftritt im Buchladen

Ach ja, wo wir gerade beim Kapitel „Opa erzählt vom Krieg“ angelangt sind: Ein Auftritt mit Sonnenbrille wird oft als cool empfunden, kann aber auch ins Gegenteil umschlagen, wie man Ende der Achtzigerjahre in einer Stuttgarter Buchhandlung feststellen konnte, als der Schlagersänger Howard Carpendalezügigen Schritts den Laden betrat, um seine Autobiografie „Von oben sieht alles anders aus“ zu präsentieren. Um ein Haar hätte der hoch gewachsene Künstler dabei einen Buben überrannt. Wie gesagt: Von oben sieht alles anders aus – vor allem, wenn man im Kunstlicht mit Sonnenbrille auftaucht.

Sonnenbrillen sind zudem ein Gradmesser. Nehmen wir nur mal an, ein Mann habe zu seinem Vierzigsten eine Sonnenbrille mit nicht allzugroßen Gläsern geschenkt bekommen. Wenn er das Ding nun fast zwanzig Jahre später immer noch mit Anstand tragen kann, dann bedeutet dies zweierlei: 1.) Die Brille ist von gewisser Zeitlosigkeit. 2.) Seine Tränensäcke sind noch nicht so groß, dass sie unangenehm unterm Glas hervorquellen.

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