Immer mehr Schüler nehmen Nachhilfeunterricht, denn die Coronapandemie hat zu erheblichen Wissenslücken geführt. Doch bei der Wahl der Nachhilfeschule sollten Eltern genau hinsehen
Wie ist die Mathenote? Reicht es im Englischen für die Versetzung? Kann man den Notenschnitt bis zum Sommer noch retten? Mit dem Ende des ersten Schulhalbjahrs beginnt für viele Schüler eine Zitterpartie. Sie müssen darum bangen, am Schuljahresende die Versetzung oder ihren Abschluss zu schaffen. Bei anderen wiederum geht es darum, noch den Sprung aufs Gymnasium zu schaffen.
Viele Belastungen durch Corona
Viele Eltern setzen auf Unterstützung von außen und melden ihr Kind für Nachhilfeunterricht an. Studien zufolge erhält etwa jeder siebte Schüler hierzulande in mindestens einem Schulfach Nachhilfeunterricht – Tendenz steigend, denn die Kinder und Jugendlichen haben in der Coronapandemie viele Belastungen ertragen müssen. Schulschließungen, Homeschooling und die psychischen Folgen der Kontaktverbote haben teilweise zu immensen Lernlücken geführt, die nun immer deutlicher zutage treten und sich in schlechter werdenden Noten zeigen. Das betrifft durchaus auch gute Schülerinnen und Schüler, die unter dem Druck und den Umständen gelitten haben.
Mindeststandard nicht erreicht
Das schlägt sich auch im aktuellen IQB-Bildungstrend nieder. Demnach verfehlt beinahe jedes fünfte Kind der vierten Klasse die Mindeststandards im Fach Mathematik. Im Bereich Lesen sieht es ähnlich aus. Felicitas Thiel, Professorin für Schulpädagogik und Schulentwicklungsforschung an der Freien Universität Berlin, hält diese Befunde für alarmierend. „Wir können nicht einfach hinnehmen, dass ein wachsender Anteil an Schülerinnen und Schülern die Mindeststandards nicht erreicht.“ Notwendig sei es, eine Strategie zu entwickeln, die das gesamte Schulsystem in die Verantwortung nehme. „Die Grundschule muss dringend die basalen sprachlichen und mathematischen Kompetenzen fokussieren“, so die Expertin.
Mehr Anregung daheim
Unter Schulschließungen und Distanzunterricht hätten sowohl bei der Leistungsentwicklung als auch bei der psychosozialen Entwicklung vor allem jene Kinder besonders gelitten, die zu Hause keine anregende Lernumgebung haben, sagt Thiel. Eine zusätzliche Stunde in Deutsch und Mathe könne diesen Kindern helfen, die Rückstände aufzuholen. Das könne etwa durch gezielte Nachhilfe-Tutorien in Kleingruppen geschehen. „Diese müssen intelligent mit dem Unterricht verzahnt sein“, so die Bildungsforscherin. „Man braucht bei der Förderung fachdidaktische Kenntnisse.“
Der Bundesverband Nachhilfe- und Nachmittagsschulen (VNN) rät dazu, die Halbjahreszeugnisse als Chance zu sehen: Die Zensuren würden zeigen, wo das Kind jetzt gezielte Förderung brauche. „Schlechte Noten sind kein Weltuntergang, sondern ein hilfreicher Hinweis“, betont der VNN-Vorsitzende Patrick Nadler. „Durch eine gezielte individuelle Förderung können Wissenslücken und Verständnisschwierigkeiten nachhaltig ausgeräumt werden.“ Er rät Eltern, aktiv zu werden und nicht zu warten: „Je länger gezögert wird, umso mehr Zeit haben Lernlücken, um sich zu festigen.“ Dies führe zu weniger Motivation und schlechteren Noten.
Das Kleingedruckte durchlesen
Bei der Auswahl der Nachhilfeschule sollten Eltern allerdings Vorsicht walten lassen. Besonders günstige oder gar Gratisangebote sind verdächtig. Ein oder zwei kostenlose Probestunden gehören zwar zu einem seriösen Angebot dazu. Doch wenn mehr gratis angeboten wird, lohnt es sich, das Kleingedruckte sehr genau durchzulesen, um versteckte Kosten oder anderweitige Verpflichtungen zu finden. So hat etwa in der Vergangenheit die Sekte Scientology versucht, über kostenfreie Nachhilfeangebote Eltern und Kinder zu ködern.
Womöglich gibt es Preisnachlässe
Der Preis für eine individuelle Nachhilfestunde in einem seriösen Institut liegt durchschnittlich bei gut 30 Euro je Unterrichtseinheit von 45 Minuten. Im Gruppenunterricht mit drei bis fünf Schülern ist die Nachhilfe deutlich günstiger: Hier fallen rund 10 Euro je 45 Minuten an, allerdings dauern die Unterrichtseinheiten in Gruppen standardmäßig 90 Minuten (entspricht einem Preis von rund 20 Euro je Unterrichtseinheit). Je nach Vertragslaufzeit bieten die Nachhilfeinstitute Preisnachlässe an, zudem gehört auch Online-Unterricht mittlerweile zum Standard. Das Geld ist dabei durchaus gut investiert.
Laut einer Studie der Universität Bamberg führt Nachhilfeunterricht nämlich zu signifikanten Notenverbesserungen: 84 Prozent der Schüler sind
demnach nach einem halben Jahr um durchschnittlich eine Note besser, nach einem Jahr sogar 91 Prozent.
Konflikte zwischen Eltern und Kindern
Zu sparen, indem man selbst als Nachhilfelehrer für sein Kind agiert, ist selten eine gute Idee. Denn Eltern mangelt es meistens an Zeit, mitunter am Wissen und fast immer an der Kenntnis der aktuellen Lehr- und Lernmethoden. Und vor allem mangelt es ihnen an gefühlsmäßiger Distanz – was wiederum zu Konflikten zwischen Eltern und Kind führen kann. Bildungsexperten zufolge können Eltern ihr Kind jedoch gut beim Lernen unterstützen – etwa indem sie Vokabeln oder Lernstoff abfragen oder Tipps bei der Bearbeitung von Hausaufgaben geben.