Arbeitsrecht Was es bei Krankschreibungen zu beachten gilt
Krank sein nervt – und kommt zudem den Arbeitgeber teuer zu stehen. Wann braucht man einen Krankenschein? Und darf man trotzdem arbeiten? Wir beantworten die wichtigsten Fragen.
Krank sein nervt – und kommt zudem den Arbeitgeber teuer zu stehen. Wann braucht man einen Krankenschein? Und darf man trotzdem arbeiten? Wir beantworten die wichtigsten Fragen.
Stuttgart - Laufende Nase, hartnäckiger Husten, kratzender Hals und ein schwerer Kopf: Sobald die Tage kürzer und kälter werden, breiten sich Erkältungskrankheiten rasant aus. Die Wartezimmer der füllen sich – und in den Betrieben summieren sich die Fehltage. Laut Auswertung der Krankenkasse DAK-Gesundheit stieg die Anzahl der Fehltage aufgrund von Erkältungen im vergangenen Jahr um neun Prozent an. Der Krankenstand stieg von 3,9 auf 4,1 Prozent. Doch unter welchen Umständen muss man sich krankschreiben lassen? Darf man vom Arbeitgeber nach Hause geschickt werden, wenn man krank zur Arbeit erscheint? Und kann man schon vor Ablauf des Krankenscheins wieder arbeiten? Was das Arbeitsrecht dazu sagt:
Krank zur Arbeit – lohnt sich das?
Nein. Zwar schleppen sich viele Arbeitnehmer mit grippalem Infekt oder Schlimmerem zur Arbeit – sei es aus Angst vor Jobverlust oder aus falsch verstandener Loyalität zu ihrem Arbeitgeber. Doch dieses Verhalten verursacht weitaus höhere Kosten, als wenn sich der Betroffene gleich krankgemeldet hätte und zu Hause geblieben wäre. Das ergab eine Studie des Beratungsunternehmens Booz & Company. Denn wer krank ist, ist weniger leistungsfähig, macht mehr Fehler – und steckt Kollegen an. Außerdem steigt die Unfallhäufigkeit am Arbeitsplatz. Der so entstehende volkswirtschaftliche Schaden wird auf 225 Milliarden Euro geschätzt.
Ab welchem Zeitpunkt müssen Arbeitnehmer sich krankmelden?
Ist der Mitarbeiter arbeitsunfähig, muss er seinem Chef unverzüglich Bescheid geben – spätestens zu Beginn seiner Arbeitszeit am ersten Krankheitstag. Die Krankmeldung kann per Telefon, E-Mail oder sogar per SMS oder Whatsapp erfolgen. Der Arbeitnehmer muss aber sicherstellen, dass die Krankmeldung den Arbeitgeber auch erreicht.
Wann braucht es einen Krankenschein?
Die von einem Arzt angefertigte Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (AU), der sogenannte gelbe Schein, muss grundsätzlich dann vorgelegt werden, wenn die Erkrankung länger als drei Tage dauert. Der Arbeitgeber kann aber im Einzelfall auch schon am ersten Krankheitstag eine ärztliche Bescheinigung verlangen, hat das Bundesarbeitsgericht entschieden (Aktenzeichen: 5 AZR 866/11). Will der Arbeitgeber generell für alle Mitarbeiter anordnen, dass der Krankenschein bereits früher eingereicht werden muss, braucht er dafür allerdings die Zustimmung des Betriebsrats.
Wann muss der Arbeitnehmer eine Folgebescheinigung vorlegen?
Die Krankmeldung des Arbeitnehmers muss lückenlos erfolgen. Wer eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung bis Montag hat und noch nicht wieder arbeitsfähig ist, muss eine ab Dienstag geltende Folgebescheinigung vorlegen. Auch wenn der Arbeitnehmer länger als sechs Wochen krankgeschrieben ist und deshalb keinen Anspruch mehr auf Lohnfortzahlung im Krankheitsfall hat, ist die Folgebescheinigung notwendig. „Andernfalls geht der Anspruch auf Krankengeld verloren“, erklärt Zeljka Pintaric von der Unabhängigen Patientenberatung in Landshut. Dafür reiche eine Unterbrechung von einem Tag. „In diesem Fall gibt es bis auf wenige Ausnahmen kein Krankengeld.“
Darf der Arbeitgeber kranken Mitarbeitern kündigen?
Dass eine Krankheit zu einem Kündigungsschutz führt „ist eine weit verbreitete Fehlvorstellung“, sagt Matthias Jacobs, Professor für Arbeitsrecht an der Bucerius Law School (BLS) in Hamburg. Der Arbeitgeber darf nämlich jederzeit kündigen, wenn kein gesetzliches Kündigungsverbot wie etwa bei Betriebsratsmitgliedern besteht. „Der Arbeitgeber darf sogar, wenngleich nur unter sehr strengen Voraussetzungen, wegen einer Erkrankung kündigen“, sagt Jacobs. Dies kann beispielsweise bei einem alkoholkranken Mitarbeiter der Fall sein: Dessen Zukunftsprognose ist negativ, zugleich ist eine Ausfallzeit von mindestens sechs Wochen im Jahr zu erwarten, die wiederum hohe Lohnfortzahlungskosten und damit einen nicht unerheblichen wirtschaftlichen Schaden für das Unternehmen verursacht.
Darf man trotz Krankschreibung arbeiten?
Im Arbeitsrecht erfüllt der Krankenschein zwei Funktionen: Zum einen stellt er fest, dass ein Arbeitnehmer zum aktuellen Zeitpunkt nicht arbeitsfähig ist. Und zum anderen gibt er eine Prognose ab, wie lange dieser Zustand voraussichtlich anhalten wird. Diese Prognose kann zutreffen oder eben auch nicht. Ein Arbeitsverbot stellt eine Krankschreibung nicht dar: „Fühlt man sich vor Ablauf eines ärztlichen Attestes gesund, spricht nichts gegen eine vorzeitige Rückkehr an den Arbeitsplatz“, sagt Fenimore von Bredow vom Verband deutscher Arbeitsrechtsanwälte. Prinzipiell ist man sogar dazu verpflichtet, wieder bei der Arbeit zu erscheinen, wenn man wieder vollständig genesen ist. Und auch wenn der Arzt der Ansicht ist, dass Arbeiten die Gesundheit immer noch beeinträchtigt, kann der Arbeitnehmer frei entscheiden, ob er zur Arbeit geht oder nicht.
Kann der Arbeitgeber kranke Mitarbeiter nach Hause schicken?
Wenn Arbeitnehmer trotz Erkrankung arbeiten wollen, ist der Arbeitgeber nicht verpflichtet, die angebotene Arbeitsleistung anzunehmen. Denn Arbeitgeber haben gegenüber ihren Mitarbeitern eine Fürsorgepflicht. Diese bezieht sich sowohl auf den kranken Mitarbeiter selbst als auch auf seine Kollegen. Daher haben Arbeitgeber grundsätzlich das Recht, selbst zu entscheiden, ob ein krankgeschriebener Mitarbeiter wirklich einsatzfähig ist oder ob es sicherer ist, ihn wieder nach Hause zu schicken. Zumal es auch eine erhebliche Haftung gegenüber Dritten nach sich ziehen kann, wenn der erkrankte Mitarbeiter einen schwerwiegenden Fehler macht. Extrembeispiel dafür ist der Absturz des Germanwings-Flugzeugs in den französischen Alpen im Frühjahr 2015: Der Co-Pilot war aufgrund seiner psychischen Probleme eigentlich krankgeschrieben, setzte sich dennoch ins Cockpit, brachte das Flugzeug in suizidaler Absicht zum Absturz – und riss 149 Menschen mit sich in den Tod.