Was Falschnachrichten mit unserer Gesellschaft machen „Ohne Vertrauen fehlt der soziale Klebstoff“

Von Florian Gann 

Bedrohen sogenannte „Fake News“ den Zusammenhalt unserer Gesellschaft? Eher nagt der erodierende Lokaljournalismus am Zusammenhalt unserer Gesellschaft, sagt die Wissenschaftlerin Lena Frischlich.

Welche Berichte sind wahr, welche nicht, was können wir überhaupt noch glauben – diese Fragen können das gesellschaftliche Vertrauen untergraben. Foto: dpa
Welche Berichte sind wahr, welche nicht, was können wir überhaupt noch glauben – diese Fragen können das gesellschaftliche Vertrauen untergraben. Foto: dpa

Stuttgart - Es gibt keinen Grund, aufgrund des Einflusses von Falschnachrichten in Panik zu verfallen, meint die Kommunikationswissenschaftlerin Lena Frischlich. Trotzdem ist ihr Ausblick auf die Zukunft unserer Gesellschaft nicht nur positiv.

Frau Frischlich, spalten gezielte Falschmeldungen unsere Gesellschaft?

Wenn jemand aufgrund solcher Meldungen glaubt, dass Politiker korrupt sind, und deswegen nicht mehr wählen geht, dann erschüttert das durchaus die Grundlagen unserer Demokratie. Aber für die kommende EU-Wahl sehe ich das nicht als große Bedrohung.

Die anhaltende Debatte von Politikern und Medien über das Problem von Fake News führt aber dazu, dass Menschen grundsätzlich ihr Vertrauen in das Mediensystem hinterfragen, ebenso wie in die Politik und die Wissenschaft.

Wenn das Diskutieren von Fake News das Thema unnötig groß erscheinen lässt: Sollen wir das Interview zum Thema lieber gleich wieder beenden?

Nein, bitte nicht. Wir müssen aufklären, was guter Journalismus ist. Wenn wir erklären, dass mindestens zwei Quellen für eine Sache vorliegen müssen, dass es eine Redaktionskonferenz gibt, wo verschiedene Leute entscheiden, was ins Blatt kommt, dann können wir Vertrauen gewinnen. Ich glaube, darüber zu informieren, ist wichtiger als aufzuklären, dass es auch nicht vertrauenswürdige Artikel auf Fake-News-Seiten gibt – die ohnehin nur wenige Prozent der Menschen direkt erreichen.

Trotzdem werden wir immer wieder mit Falschnachrichten konfrontiert. Bleibt davon was hängen?

Selbst wenn Menschen erkennen, dass eine Quelle nicht vertrauenswürdig ist, setzt sich etwas davon in den Köpfen fest. Wenn ich ihnen zum Beispiel sage, St. Petersburg ist die Hauptstadt von Russland, dann brauchen sie einen Moment bis sie erkennen, dass es falsch ist, auch wenn sie es wissen.

Warum fühlen sich Menschen zu einschlägigen Seiten hingezogen?

Das hat mit Kontrollverlust zu tun. Für viele Dinge in unserer zunehmend komplexen Welt – etwa Terroranschläge oder Wirtschaftskrisen – haben wir nicht sofort eine Erklärung. Verschwörungstheorien und Propaganda vermitteln da eine klare Weltanschauung, etwa: Es ist nicht deine Schuld, dass du deinen Job verloren hast.

Zurück zum Thema Vertrauen: Welche Rolle spielt dabei der Medienwandel?

Bei den Medien kommt es zu einer Verlagerung: Die Großen legen zu, die kleinen lokalen Medien brechen zunehmend weg. Dann fehlt aber etwas, denn wem vertraue ich? Menschen die ich persönlich kenne, deren Arbeit ich nachprüfen kann, wie das bei Lokaljournalisten der Fall ist. Fällt das weg, leidet das Vertrauen in den Journalismus insgesamt. Und dieses Wegfallen der lokalen Ebene, nicht nur im Journalismus, zerstört den sozialen Klebstoff. Denn eigentlich vertrauen Menschen gern, wir sind darauf konditioniert.

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