Was gegen Hassreden zu tun ist „Als ob die Diskutanten einander an die Gurgel wollten“

Der Philosoph Peter Strasser beklagt eine fehlende Debattenkultur. Wenn keine Lösung möglich sei, solle jeder Mensch das Recht haben, sich abzuwenden. Zugleich sei es wichtig, den Gleichheitsgrundsatz für universell gültig erklären und sich dafür einzusetzen – „auch wenn er in den meisten Ländern der Welt mit Füßen getreten wird“ Foto: Christian Jungwirth

In Diskussionen gehe es heute oft nur darum, den Gegner als Psychopathen abzuwerten. Da könnte sich umdrehen und weggehen befreiend wirken, sagt der Philosoph Peter Strasser. Im Interview erklärt er, warum diese Haltung nichts mit Abkapselung oder Egoismus zu tun hat.

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Stuttgart - Für eine „Ethik der Abwendung“ plädiert der österreichische Philosoph und Publizist Peter Strasser in seinem neuen Buch „Umdrehen und Weggehen“. In Diskussionen gehe es heute oft nur noch darum, den Gegner als Psychopathen abzuwerten. Da könnte sich umdrehen und weggehen manchmal befreiend wirken. Warum diese Haltung nichts mit Weltflucht und Egoismus zu tun hat, sagt Peter Strasser im Interview.

 

Herr Strasser, was hat Sie zum „Umdrehen & Weggehen“ inspiriert?

Die Verbissenheit, mit der selbst in unseren angeblich so liberalen Demokratien an Meinungen, Ideologien, Dogmen festgehalten wird. Es ist oft, als ob die Diskutanten einander an die Gurgel wollten – denken Sie nur an die Debatten um die Migration oder an religiöse Fragen, beispielsweise im Anschluss an die „Fristenregelung“ beim Schwangerschaftsabbruch. Der Meinungsgegner wird ins Eck der Psychopathen geschoben, statt ihm tolerant zu begegnen.

Haben Sie ein Beispiel?

Ja, man erträgt den Anblick einer kopftuchtragenden Muslimin nicht. Entweder ist sie fanatisch oder ein unterdrücktes Hascherl! Wenn ich mir unsere kopftuchtragenden Studentinnen vergegenwärtige, dann fällt mir zweierlei auf: Erstens handelt es sich in aller Regel um selbstständige, kluge Frauen, die sich, zweitens, mit mehr oder weniger starkem Abscheu von jenen abwenden, die sie „etikettieren“ – angeblich, um sie aus ihrer unterdrückten Rolle zu befreien.

Sich mit Abscheu abwenden?

Oft noch nicht einmal mit Abscheu. Ja, einfach umdrehen und weggehen, kann da sehr befreiend wirken.

Was aber ist mit jenen Frauen, die tatsächlich lieber kein Kopftuch tragen würden, aber sich nicht trauen und denen diese kopftuchtragenden Musliminnen aber als vorbildlich und gutes Beispiel vorgestellt werden?

Mir ist schon klar, dass eine solche Haltung, wie oben angedeutet, weder immer möglich noch auch moralisch statthaft ist. Und ich schreibe in meinem Buch ja ausführlich darüber, dass eine staatliche „Abwendung“ vor der Not jener Muslima, die von ihren Männern oder Familien zu erniedrigenden Handlungen gezwungen werden, rechtlich unterbunden werden sollte. Aber wodurch, durch welche Sanktionen? Das ist eine andere, schwierige Frage, weil sie mit der Gesamtfrage der Integration zusammenhängt.

Tragen die sozialen Medien bei zu dieser Aufregungs- und, überspitzt formuliert, Vernichtungslust?

Sicher, das Internet, die Sozialen Medien überhaupt, machen aus wenigen Stimmen einen ganzen Shit-Storm, wenn sich genügend Mitaufregungsbereite finden. Und die finden sich immer … Aber das sagt über den friedlichen, humanen, mitfühlenden Gesamtzustand unserer Gesellschaften noch nichts oder nur sehr wenig aus. Andere Faktoren müssen hinzutreten, etwa politische Hetze oder eine kollektive Form des sozialen Stresses wie gerade jetzt bei den neuerlichen Lockdowns wegen des Corona-Virus.

Umdrehen und weggehen sei manchmal geboten, liest man in Ihrem Buch. Sie schreiben aber auch, in einer globalisierten Welt „können wir uns nicht nach Belieben zurückziehen“. Das fremde Unglück gehe einen an. Warum? Und gibt es nicht viele Menschen, die das ignorieren?

Ja, natürlich, ignorieren das viele. Aber zumeist aggressiv. Und warum? Weil wir, wenigstens in der westlichen Welt, in den liberalen Demokratien, zugleich nach Grundsätzen miteinander umgehen sollten, auf die wir uns auch verfassungsgemäß verständigt haben: Das sind die Grund- und Freiheitsrechte, die Menschenrechte, sie erheben den normativen Anspruch, für alle an allen Orten gleichermaßen zu gelten – und das finden unsere Chauvinisten, Nationalisten, Rassisten eben unerträglich.

Das heißt, sie werden diese Rechte nicht anerkennen.

Der entscheidende Punkt ist: Eine universale Moral gibt uns die Möglichkeit, jene zu kritisieren und notfalls zu sanktionieren, welche diese fundamentalen Rechte mit Füßen treten. Und vor allem: Kein Politiker, kein Staat darf sich hier einfach umdrehen und weggehen, dem menschlichen und sozialen Minimum sozusagen den Rücken kehren. Hier steht man/frau als Amtsträger in der Pflicht.

Aber diese Rechte gelten eben nicht überall. Und eine universelle Moral – die gibt es doch auch nicht.

Es ist notwendig, zwischen universeller Moral als Anspruch – zum Beispiel: „Du sollst nicht töten!“ – und als eingelöste Verhaltensnorm zu unterscheiden. Wenn wir der Ansicht sind, dass Männer und Frauen gleichgestellt sein müssten, weil wir glauben, dass die Gründe, die wir dafür ins Treffen führen, von allen vernünftigen Menschen verstanden werden und daher anerkannt werden sollten – ja dann müssen wir logischerweise den Gleichheitsgrundsatz für universell gültig erklären. Auch wenn er in den meisten Ländern der Welt mit Füßen getreten wird. Vor der moralischen Vernunft kann man sich nicht abwenden, falls man als Vernunftwesen geachtet werden will.

Was können Sie zur Gefahr der Gleichgültigkeit durch eine Ethik der Abwendung sagen? Oder zur Gefahr der Abschottung im Sinne eines neuen Nationalismus oder, individuell, Egoismus, wenn wir uns von anderen abwenden?

Es geht mir darum, auf zwei Punkte hinzuweisen: Erstens gibt es viele kulturelle Techniken, mit denen wir unangenehme, ja gefährlich dichte Situationen zwischen Menschen – zum Beispiel bei Streitigkeiten, schlechten Gefühlen anderen gegenüber oder in erhitzten Menschenmassen – „entdichten“, zum Beispiel durch Regeln der Höflichkeit, schlichte Platz- und Distanzzuweisungen oder professionelle „Interventionen“, die einen Beziehungsknoten zu lösen versuchen.

Sie erwähnten noch einen zweiten Punkt …

Zweitens sollten wir darauf achten – in Massengesellschaften eine wichtige Aufgabe der Amtsträger –, dass es unsere Institutionen erlauben, uns von ihnen „abzuwenden“, sie ungestraft zu verlassen. So, wie niemand zu einem religiösen Bekenntnis gezwungen werden darf, sondern sich „umdrehen“ können muss, um Agnostiker oder Atheist zu werden, so ist die Privatzone eines jeden Menschen zu schützen, statt sie immer mehr einzuengen – bis man womöglich bei einer chinesischen Wohlverhaltenspolitik landet, ob es sich um die erlaubte Anzahl der Kinder oder was auch immer handelt.

Bei aller Gefahr eines neuen Nationalismus machen Sie auch Hoffnung: An welche Gesellschaften denken Sie, wenn Sie formulieren „Multikulturelle Gesellschaften haben gelernt, Distanzen der Nichteinmischung zwischen den verschiedenen Volks- und Glaubensgruppen zu schaffen“?

An unsere Gesellschaften ...

... in Europa?

Ja, vor allem. Jedenfalls nicht an die, die keine sozialen Distanzen ertragen können. Unser Problem ist es eher, dass der Multikulturalismus wegen des islamistischen Terrors und der Asylsituation momentan schlecht angeschrieben ist. Aber das ist eine große Gefahr, denn wir sind bereits multikulturell durch und durch. Wir sind, selbst bei aller gebotenen Verfassungstreue, zugleich kraft unserer Herkunft, Tradition und Erziehung durch unterschiedliche Kulturen mitgeprägt, ob es sich um die christliche, türkische, arabische, jüdische oder eine andere handelt. Also, kurz gefragt: Wer sind „wir“?

Info zur Person

Univ.-Prof. Dr. Peter Strasser ist Jahrgang 1950, Philosoph, Institut für rechtswissenschaftliche Grundlagen der Karl-Franzens-Universität Graz. Er hat zahlreiche Bücher geschrieben. Zuletzt erschienen: „Kritik der Spiritualität. Warum uns die Welt nicht genug ist“ (Schwabe Verlag); „Des Teufels Party. Geht die Epoche des Menschen zu Ende?“ (Sonderzahl Verlag); „Umdrehen und Weggehen. Eine Ethik der Abwendung“ (Braumüller Verlag). Im Jahr 2014 erhielt Peter Strasser, der auch für verschiedene in- und ausländische Zeitschriften tätig ist, den Österreichischen Staatspreis für Kulturpublizistik.

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