Ist das unglaubliche Zirkusakrobatik oder doch spektakuläres Tanzen? Besart Kuqi wirbelt um die eigene Achse, landet auf den Unterarmen, geht in den einarmigen Handstand und verdreht dabei seine Beine – was für ein beeindruckendes Kunststück. „Das sieht einfach aus“, lacht Kuqi, „ist aber das Ergebnis harter und langer Trainingsarbeit.“
Der 34-Jährige gilt im Jugendhaus Casa Nostra in Böblingen als eine Art Tanzguru. Natürlich geht es dabei nicht um Walzer, Samba oder Stehblues, sondern um Breakdance – jenen Hip-Hop-Tanzstil, der in den 1980er Jahren aus den Gettos der US-Metropolen nach Europa schwappte. Diese akrobatischen „Moves“ haben bis heute bei Jugendlichen und Junggebliebenen nichts von ihrer Faszination verloren, denn es sieht einfach „cool“ auf. Und wenn dann noch ein Typ wie Besart Kuqi das Sagen hat, bedeutet das für ein Jugendhaus einen absoluten Glücksfall. Denn der 34-jährige ist selbst ein Kind des Casa Nostra.
„Mit 14 Jahren bin ich hier als Besucher zum ersten Mal hergekommen“, erinnert er sich, „das ist wie ein zweites Zuhause.“ Die Breakdance-Bewegungen einiger älteren Jugendlichen begeisterten ihn sofort. Kuqi wollte das auch können, doch es gab keinen Tanzlehrer und auch keine Internet-Videos. Damals mussten sich Besart und seine Kumpels alles selbst beibringen, machten aber bald Fortschritte und gründeten eine eigene Gruppe. Die „Move Mafia“ war geboren, bis heute der Name der Breakdance-Truppe. Und Kuqi war schon bald Anführer und Anleiter.
Die heutigen Online- und Smartphone-Zeiten sind Segen und Fluch zugleich. „Jetzt schauen sich die Kids die Moves auf Youtube an, bekommen Anleitungen und können viel sofort nachmachen“, berichtet der Jugend- und Heimerzieher, „das Niveau ist daher inzwischen zum Teil abgefahren hoch.“ Doch diese Möglichkeiten haben nicht nur Vorteile. „Viele lassen sich von den Videos blenden und denken, sie haben das ganz schnell drauf“, sagt Kuqi, „wie viel hartes Training dahintersteckt, sehen die meisten erst einmal nicht.“
Tanzen kann Jugendliche begeistern
Seit sechs Jahren ist Besart Kuqi, dessen Familie aus dem Kosovo stammt, im Casa Nostra fest angestellt. Dank seiner eigenen Jugendhaus-Vergangenheit weiß der 34-Jährige, wie er mit den Kids umzugehen hat. Die wiederum schätzen Kuqi, weil er stets authentisch wirkt. Dazu strotzt er vor Energie und Kraft, kann super tanzen und trifft den richtigen Ton. „Es gibt heute so viele Möglichkeiten, dass es schwieriger wird, die Jugendlichen für eine Sache zu motivieren“, beklagt Kuqi, „die meisten hängen die ganze Zeit am Smartphone rum.“ Genau aus dieser Komfortzone will Kuqi die Jugendlichen mit Breakdance herausholen – was über die Jahre immer wieder funktioniert hat.
„Natürlich gab es Phasen, wo mal mehr, mal weniger los war“, weiß Besart Kuqi, „und mit der Corona-Zeit sind einige Tänzer leider weg geblieben.“ Aber die Szene sei letztlich nicht kaputt zu kriegen. Aktuell sind etwa 20 Jugendliche und junge Erwachsene regelmäßig im Casa Nostra am Tanzen, etwa zehn von ihnen kommen zum Mittwochskurs von Besart Kuqi. „Aber man kann auch an anderen Tagen jederzeit in den Raum“, sagt der Casa-Nostra-Betreuer. Kuqi vermittelt zunächst die Grundschritte und -bewegungen. „Dann kann bald jeder seinen eigenen Style entwickeln“, weiß der 34-Jährige.
Breakdance ist ein Dauerbrenner. Wenn Besart Kuqi Workshops an Schulen gibt, sind immer wieder Jungen und Mädchen von dem Tanzstil begeistert und probieren ihn aus. Wie lange sie bei der Stange bleiben, hängt von vielen Faktoren ab – eine große Motivation sind seit jeher die sogenannten „Battles“: Tanzwettbewerbe, bei denen sich Gruppen aus verschiedenen Städten messen. „Wir waren da oft unterwegs“, bericht Kuqi, „haben auch viele Shows getanzt.“ Während Corona sei das zwar eingeschlafen, doch längst hat sich die Szene wieder berappelt. „Sich gemeinsam auf so eine Veranstaltung vorzubereiten und dafür zu trainieren, macht einfach am meisten Spaß“, weiß Kuqi.
Siesta Dancers wirbeln in Leonberg
Traditionell gibt es auch in Leonberg viele Tanzangebote. Das Jugendcafé Siesta hat derzeit zehn Gruppen, in denen sich wöchentlich mehr als 100 Kinder und Jugendliche zum Tanzen treffen. Die Leitung haben vornehmlich ehrenamtlich engagierte Jugendliche inne – ein Erfolgsmodell.
Zuletzt fand endlich mal wieder eine große Show in der Stadthalle in Leonberg statt, die 13. „Siesta Dancers on Stage Show“. Auch hier wirkte der Auftritt als zusätzliche Motivation. „Das gab den Kindern und Jugendlichen wieder ein Ziel, auf das sie hinarbeiten konnten, die Vorfreude war riesig“, sagt Katrin Rykala, die für die offene Jugendarbeit im Café Siesta zuständig ist.
In der Show haben mehr als 130 Kinder und Jugendliche im Alter von acht bis 28 Jahren mitgewirkt. Die Planung des Projektes hatte bereits im Februar begonnen. Thematisiert wurden die Erlebnisse während der Pandemiezeit, Erfahrungen mit Rassismus sowie weitere kritische Erlebnisse aus dem Leben der Protagonisten. Es gab Gesang und Rap sowie unterschiedlichen Tanzchoreografien. „Unser Ziel war es, mit unserer Show den Kindern und Jugendlichen wieder Vorfreude und Normalität zu geben“, sagt Katrin Rykala. Und das ist gut gelungen, die Stadthalle war ausverkauft.
Hip-Hop im Jugendhaus
Herkunft
Die Hip-Hop-Kultur entstand in den 1970er Jahren in den Ghettos der US-Großstädte. Mit dem Begriff „Hip-Hop“ wird oft die Musikrichtung bezeichnet, im allgemeineren Sinn ist aber die ganze Subkulturbewegung mit ihren unterschiedlichen Strömungen gemeint: Diese sind Rap (Sprechgesang), DJing (das virtuose Auflegen von Schallplatten), Breakdance (Tanzstil), Graffiti (Sprühkunst im öffentlichen Raum) und Beatboxing (Erzeugen von Schlagzeug-Rhythmen mit der Stimme).
Einfluss
In den Jugendhäusern im Kreis Böblingen ist Hip-Hop seit den frühen 1990er Jahren präsent, vor allem im Musik-Bereich, aber auch mit Graffiti und Breakdance. Das Jugendhaus Süd in Sindelfingen veranstaltet regelmäßig Hip-Hop-Festivals.