Was heißt Deutschsein? Deutschland – und was seinen Bürgern daran lieb und teuer ist

Fans der deutschen Fußball-Nationalmannschaft singen die deutsche Nationalhymne: Ist das schon Deutsch? oder was braucht, um als Deutscher Deutsch zu sein? Foto: dpa
Fans der deutschen Fußball-Nationalmannschaft singen die deutsche Nationalhymne: Ist das schon Deutsch? oder was braucht, um als Deutscher Deutsch zu sein? Foto: dpa

Was macht die gefühlte Identität der Bundesbürger am stärksten aus? Das Deutschsein nennt nur ein knappes Drittel. Gleichzeitig findet die Mehrheit, dass Deutschsein etwas Positives ist.

Leben: Markus Brauer (mb)
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Stuttgart - Als typisch deutsch galt lange Zeit, eben nicht deutsch sein zu wollen, sich für diese Nationalität mitunter sogar zu schämen – aus geschichtlichen Gründen. Doch die Zeiten, in denen Deutschsein vor allem mit den Schrecken der NS-Zeit verbunden wurde, sind wohl vorbei. Spätestens seit dem WM-Sommermärchen vor zehn Jahren gibt es einen neuen Patriotismus – deutsch zu sein scheint wieder chic.

„Obwohl es uns ökonomisch gut geht wie selten zuvor, sind wir uns unserer selbst, unserer Identität nicht sicher genug“, beklagte trotzdem kürzlich Bundesinnenminister Thomas de Maizière ein angeblich nach wie vor mangelndes Nationalbewusstsein. Die Deutschen, meinte der CDU-Politiker, wüssten nicht mehr genau, wer sie seien und wer sie sein wollten, was sie ausmache.

61 Prozent der Bundesbürger sagen: Deutschsein ist etwas Positives

Eine repräsentative YouGov-Umfrage zeigt jetzt aber, dass die Erwachsenen in Deutschland genau wissen, wie sie das Deutschsein finden. Und auch, was ihre Identität ausmacht, und wo sie sich am stärksten zugehörig fühlen. Eine große Mehrheit von 61 Prozent verbindet demnach mit „Deutschsein“ etwas Positives – 31 Prozent davon finden es sogar „sehr positiv“. 26 Prozent sehen im Deutschsein „etwas Neutrales“, sechs Prozent finden es „eher negativ“, zwei Prozent „sehr negativ“. Der Rest ist unentschieden.

Wer die Menschen in Deutschland fragt, was ihre gefühlte Identität am besten beschreibe, erhält differenzierte Antworten: Nur 31 Prozent sagen „Ich bin Deutscher“. 13 Prozent fühlen sich mehr ihrer Region verbunden als Schwabe, Franke oder Rheinländer, zwölf Prozent einer Stadt, elf Prozent dem Bundesland. Jeweils zehn Prozent behaupten von sich, in erster Linie „Europäer“ oder gar „Weltbürger“ zu sein. Die größte Identifikation mit dem Bundesland gibt in Bayern sowie in Hamburg mit der Stadt/der Region/dem Bundesland.

„Deutschland wird Deutschland bleiben“

Bundeskanzlerin Angela Merkel sagte kürzlich mit Blick auf die Flüchtlingskrise in bei einer Rede im Bundestag: „Deutschland wird Deutschland bleiben, mit allem, was uns lieb und teuer ist“. Allerdings bleibt – auch angesichts der Wahlerfolge von Rechtspopulisten – offen, was Menschen im Kopf haben, wenn sie an Deutschland denken: an die multikulturelle Fußballnationalmannschaft an die Bundesliga, die Bier- und Brotvielfalt, Autobahnen ohne Tempolimit. Oder an Goethe, Schiller und Beethoven oder bestimmte Landschaften.

Deutschland – eine offene Gesellschaft

Deutschland sei eine offene und plurale Gesellschaft, betont der Bonner Soziologe und emeritierte Professor an der Universität Konstanz Hans-Georg Soeffner. In solchen Gesellschaften sei es relativ schwierig sich mit einem Land zu identifizieren, wenn man keine durchgehende Tradition hat. „Das ist zurückzuführen auf den großen Traditionsbruch im Dritten Reich, im Zweiten Weltkrieg und in der Nachkriegszeit.“

Den Höhenflug der AFD hängt Soeffner zufolge nicht mit einem neu erwachten Nationgefühl und einer „nationalen Selbstentdeckung“ zusammen. Der Grund für die Wahlerfolge der Alternative für Deutschland seien vielmehr „Angstgefühle“ – vor allem vor dem und den Fremden. „Man weiß, was man nicht sein will, aber man weiß nicht genau, was man ist. Man will auf gar keinen Fall wieder das Dritte Reich und seine Verbrechen. Man will aber auch nicht den klassischen Nationalismus. Man will die Kulturnation, man will Beethoven, Goethe, Schiller.“




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