InterviewWas heißt Deutschsein? Interview mit dem Soziologen Hans-Georg Soeffner Teil II

Leben: Markus Brauer (mb)
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2006 gastierte die Fußball-WM in Deutschland. Hat dieses „Sommermärchen“ Auswirkungen auf das Wir-Gefühl der Deutschen gehabt? Hin zu einem neuen Patriotismus – nicht nationalistisch, sondern kulturell.
Zu einem liberalen Lebensstil, verbunden mit einem Verfassungspatriotismus. Ja, das trifft es.
Welche Bedeutung hat die Flüchtlingskrise auf die Entwicklung dieses Verhältnis der Deutschen zu ihrer Nation und zum Nationalismus?
Mit dem Begriff nationalistisch wäre ich in diesem Zusammenhang vorsichtig. Die Wir-sind-das-Volk-Rufe beispielsweise: Wenn die Menschen rufen würden „Wir sind die Nation“ könnte man das noch halbwegs als Nationalismus verstehen. Aber „Volk“ ist ein absolut diffuser Begriff, der in Deutschland eine ganz bittere Geschichte hat. Insofern sind auch die Zustimmungswerte für die AFD und Pegida merkwürdig. Große Teile dieser Bewegungen von Protestwählern wählen aus Angst und Unsicherheit. Das hat aber nichts mit Nationalismus zu tun. Im Übrigen stammt der Ruf „Wir sind das Volk“ aus der DDR – und damit aus einer völlig anderen Tradition.
Der Höhenflug der AFD hat Ihrer Meinung nach also nichts mit Nationalgefühl zu tun?
Ich glaube nicht, dass dies mit einer nationalen Selbstwiederentdeckung zusammenhängt, sondern mit Angstgefühlen und einer Definition der eigenen Position durch den Fremden, den man nicht mag. Man weiß, was man nicht sein will, aber man weiß nicht genau, was man ist.
Und das hat in der deutschen Geschichte Tradition. Ist die Rückbesinnung Ausdruck der Suche nach einer politischen Heimat, die man in der Vergangenheit zu finden glaubt?
Auf jeden Fall ist sie verbunden mit der Vorstellung einer verlorenen gegangen Größe. Worauf auch immer diese Größe beruht hat. Es ist eigenartig, wenn bei der AFD und Pegida das christliche Abendland beschworen wird. Eine Vorstellung, die mit der Reichsgründung 1871 nichts zu tun hat. Das war eine preußische Reichsgründung.
Was sind das dann für politische Vorstellungen, die eine Rolle spielen?
Es sind sehr diffuse Vorstellungen, aber immerhin beinhalten sie die Erinnerung an etwas, was man nationale Größe nennen könnte. Wenn man ein wirtschaftlich erfolgreicher und pluraler Staat ist, ist es schwer für bestimmte Leute, die an solchen Vorstellungen nationaler Größe hängen, allein aufgrund der Macht der Wirtschaft und der Verfassung so etwas wie Stolz zu entwickeln. Obwohl dieser Stolz begründet wäre.
Heißt das: Die Deutschen wollen Deutsch sein, wissen aber nicht so genau, was sie darunter verstehen sollen?
Man will auf gar keinen Fall wieder das Dritte Reich. Man will aber auch nicht den klassischen Nationalismus. Man will die Kulturnation – Beethoven, Goethe, Schiller und ein wenig Bismarck.
Was sagen Sie zu der viel diskutierten These, dass sich viele Menschen nach der vermeintlichen Stabilität und kuscheligen Wärme der 1970er und 1980er Jahre sehnen?
Da ist auf jeden Fall etwas dran. Es waren Zeiten, von die jüngeren Leute und diejenigen, die damals gelebt haben, den Eindruck haben, als wären sie ausgesprochen sicher und ruhig gewesen. Wenn man sich die Wahlen und die wirtschaftliche Entwicklung ansieht, stimmt das in gewisser Weise auch. Nur vergessen werden dann die RAF- und Öl-Krise, der Kalte Krieg und das Wettrüsten. All das ist plötzlich aus dem Gedächtnis verschwunden.
Aber war die politische Kontinuität tatsächlich nicht eine andere als heute?
Es gab große Kontinuitätsstränge unter Konrad Adenauer, Willi Brandt, Helmut Schmidt und Helmut Kohl. Man hatte das Gefühl, das es aufwärts geht. Entsprechende politische Figuren verstärkten das Sicherheitsgefühl der Menschen. Die politische Labilität, die nach der Wiedervereinigung eingetreten ist, zusammen mit den Flüchtlingswellen, die in letzten vier Jahren gekommen sind – all das hat zu einer neuen Unsicherheit geführt, die in dieser Form vorher so nicht bestanden hat.
Ist diese Unsicherheit typisch deutsch, vielleicht auch historisch gewachsen?
Typisch deutsch sicher nicht. Ähnliche Bewegungen gibt es auch in Frankreich, wo sie weit drastischer ausfallen. Dort gibt es ganz andere Mehrheiten und heftigere politische Auseinandersetzungen. Wenn man insgesamt unsere Nachbarn sich anschaut - Belgien, Niederlande, Frankreich, Polen – wirkt Deutschland wie eine Oase der Ruhe in einem stürmischen Ozean.
Wie stehen Sie zu der These, dass die AFD ein Phänomen ist, mit dem in Deutschland das nachgeholt wird, was in anderen Ländern - etwa mit Le Pen und dem Front National in Frankreich - schon längst stattgefunden hat?
Es gibt eine generelle Unsicherheit in Europa und die führt am rechten Rand dazu, dass Protestwähler organisiert werden. Die AFD ist aber noch etwas anderes. Unsere Nachbarländer haben so etwas wie die Wiedervereinigung nicht erlebt. Wir haben es in Deutschland mit zwei Traditionssträngen zu tun, die nach der Wiedervereinigung aufeinander getroffen sind: Zum einen mit der DDR-Tradition, die mit einem sehr starken Nationalgefühl verbunden war. Damals hieß es nicht zufällig: Wir sind stolz auf „unsere DDR“. Auf der anderen Seite mit der BRD einen wirtschaftlich sehr erfolgreichen Staat, aber mit einem gering entwickelten Nationalgefühl.
Und wo verorten Sie in dieser Gemengenlage die AFD?
AFD und Pegida stehen für diese merkwürdige, diffuse Situation, dass man noch nicht weiß, was aus der Vereinigung beider Stränge wird. Was dieses neue vereinte Deutschland eigentlich ist und aus welchen Traditionen es sich in erster Linie speist.
Nur zehn Prozent der Deutschen fühlen sich als Europäer und Weltbürger. Warum sind es so wenige?
Ich finde die Zahl auch erstaunlich niedrig. Auf der anderen Seite muss man konstatieren, dass es Europa nicht gelungen ist ein europäisches Gemeinschaftsgefühl zustande zu bringen. In Deutschland ist die Hinwendung zu Europa noch stärker als bei anderen Nationen. Deswegen wundert mich die niedrige Zahl von zehn Prozent. Bei der DAAD-Umfrage von 2014 bei Rückkehrern aus dem Ausland liegt diese Zahl deutlich höher. Auf die Frage, als was sie sich in erster Linie im Ausland gefühlt haben, heißt es: Sie haben sich als Europäer gefühlt – auch in Abgrenzung zu den Amerikanern.
Vielleicht kenn Sie das Melodram „Angst essen Seele auf“ von Rainer Werner Fassbinder aus dem Jahr 1974. Kann man aktuell so formulieren: „Angst essen Weltoffenheit auf“?
Für den AFD-Wähler und insgesamt 25 Prozent der Wähler dürfte das zutreffen.

Zur Person

1939 geboren
Studium der Germanistik, Philosophie, Kommunikationswissenschaften, Kunstgeschichte und Soziologie an den Universitäten Tübingen, Köln und Bonn
1972 Promotion (Philosophie) an der Universität Bonn
1976 Habilitation an der Universität Essen
2007 bis 2011 Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS)
Emeritierter Professor für Allgemeine Soziologie an der Universität Konstanz, Vorstandsmitglied am Kulturwissenschaftlichen Institut (KWI) in Essen
Seit 2013 Senior Advisor der Universität Bonn, Forum Internationale Wissenschaft (FIW)




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