Was heißt Glauben? Was ist Beten? Hört „da oben“ jemand zu?

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Wo ist Gott? Antworten der Neurowissenschaft

Die spannende Frage ist: Hört „da oben“ jemand zu, wenn der Mensch betet? Wie alles Erleben hängen Glaubenserfahrung und Gebet mit komplexen Vorgängen im Gehirn zusammen. Seit einigen Jahren versuchen Hirnforscher dem Geheimnis des Glaubens auf die Spur zu kommen. Wenn bestimmte Hirnregionen bei Meditation und Gebet besonders aktiv sind, könnte dies ein Hinweis auf eine biologische Basis für die Glaubensfähigkeit des Menschen sein. Damit wäre die Gottesidee aber noch lange nicht belegt.

Dieses noch relativ neue Forschungsgebiet innerhalb der Neurowissenschaften nennt sich Neurotheologie. Ihre Vertreter – Philosophen, Neurologen, Psychologen und Radiologen – wollen Gott quasi dingfest machen und religiöse Empfindungen, Erscheinungen und Gefühle neurophysiologisch – das heißt als Vorgänge und Prozesse in den Nervenzellen – erklären.

Beten ist wie ein Gespräch mit einem guten Freund

Uffe Schjødt, Lektor am Institut für Religionswissenschaften an der dänischen Universität von Aarhus, beschäftigt sich seit Jahren mit dem Thema Hirnforschung und Religion. Zusammen mit anderen Wissenschaftlern hat er die Hirnaktivitäten von Gläubigen und Nichtgläubigen untersucht.

In einem Experiment lagen jeweils 20 gläubige und nichtgläubige Probanden in einem Computertomografen. Die einen sollten ein freies Gebet an Gott richten, die anderen dem Weihnachtsmann ihre Weihnachtswünsche mitteilen. Der aber wurde vim Gegensatz zu Gott als reine Fiktion wahrgenommen.

Im freien Gebet entwickelten die Probanden die gleichen Gehirnströme, die im Gespräch mit einer realen Person auftreten. Die Betenden versuchten abzuschätzen, wie das Gegenüber auf das Gesagte reagieren würde und erinnerten sich an frühere Begegnungen mit Gott im Gebet.

Die Analyse der Gehirnströme mit Hilfe bildgebender Verfahren ergab, dass sich bei den gläubigen Versuchskaninchen die Hirnaktivitäten beim Beten markant von denen unterschieden, die mit dem Weihnachtsmann kommunizierten. Der rief dieselben Reaktionen hervor, die gegenüber unbelebten Objekten oder beim Computerspiel ausgelöst werden. Die Aktivitäten im emotionalen Zentrum des Gehirns nahmen bei den Gläubigen hingegen deutlich zu. Nichts dergleichen geschah bei den Nichtgläubigen.

„Die Aktivität, die im Gehirn auftritt, wenn Gläubige zu Gott beten, entspricht exakt den gleichen Mustern, die auftreten, wenn wir uns in einem sozialen Verhältnis mit einem Mitmenschen befinden“, bilanziert Schjödt. Beten sei vergleichbar mit ganz normalen sozialen Interaktionen. Sein Fazit: Beten ist wie ein Gespräch mit einem guten Freund.

Ist Gott im Gehirn?

Der amerikanische Hirnforscher und Religionswissenschaftler Andrew Newberg hat die Neurotheologie Ende der 90er Jahre populär gemacht. „Wenn Gott tatsächlich existiert, so ist das Gewirr der neuronalen Leitungen und physiologischen Strukturen des Gehirns der einzige Ort, an dem er seine Existenz offenbaren kann“, schreibt Newberg in seinem Buch „Der gedachte Gott“.

Forscher wie Newberg und Schjødt versuchen die Spuren religiöser Praxis mittels Hightech zu messen. Bei Experimenten mit buddhistischen Mönchen und katholischen Nonnen stellte Newberg eine Abnahme der Aktivität in einem speziellen Hirnbereich fest, der für die räumliche Orientierung zuständig ist. Im Gebet hatten die Probanden das Gefühl, ihr Selbst zu verlieren und quasi in der Ewigkeit zu versinken.

Was die Neurowissenschaftler entdeckt haben, sind in gewisser Weise Nervenimpulse mit religiöser Sequenz. „Unsere eigene Gehirnforschung kann die Existenz Gottes weder beweisen noch widerlegen“, betont Newberg. Dem pflichtet Schjødt bei: „Spekulationen über die spirituelle Dimension des Betens liegen jenseits dessen, was sich wissenschaftlich untersuchen lässt.“

Zeugnisse tiefen Glaubens

Beim Beten stößt der Mensch in eine Dimension jenseits des empirisch Messbaren und faktisch Beweisbaren vor. Gebetswände wie in St. Michael in Schwäbisch Hall sind Ausdruck einer tiefen Spiritualität und Zeugnis eines lebendigen Glaubens. Oftmals kommt in den Bitten eine innige Beziehung zu Gott zum Ausdruck, dann wieder Ratlosigkeit, Zweifel und Ungläubigkeit, ja Verbitterung. Doch immer sind die Beter auf der Suche nach einer transzendenten Macht, bei der sie Trost und Hilfe zu erfahren hoffen.

Dass Gebete etwas bewirken können, daran zweifelt selbst Ludwig Feuerbach nicht. „Nur der Glaube betet; nur das Gebet des Glaubens hat Kraft“, schreibt er. Für Atheisten ist es der Glaube des Menschen an sich selbst, für Gläubige der Glaube an Gott, der sie zu ihnen spricht und dem sie antworten.

„Unruhig ist unser Herz, bis es ruht in Dir“

Der Kirchenlehrer Augustinus (354-430) hat diesen Glauben in einer der berühmtesten Sentenzen der Theologie zum Ausdruck gebracht:

„Da will der Mensch dich preisen, dieser winzige Teil deiner Schöpfung. Du selbst regst ihn dazu an. Denn du hast uns zu dir hin geschaffen, und unruhig ist unser Herz, bis es ruht in Dir.“