Gute Väter „Wir sollten unsere Kinder mehr als bereichernde Beziehung sehen“
Der Autor Tillmann Prüfer schreibt einfühlsam über das Leben mit seinen vier Töchtern und über das Vatersein. Was macht für ihn einen guten Vater aus?
Der Autor Tillmann Prüfer schreibt einfühlsam über das Leben mit seinen vier Töchtern und über das Vatersein. Was macht für ihn einen guten Vater aus?
Tillmann Prüfer schreibt im Magazin der Wochenzeitung „Die Zeit“ regelmäßig über das Leben mit seinen vier Töchtern, die jüngste ist zehn, die älteste 23 Jahre alt. Gerade hat er ein Buch übers Vatersein geschrieben. Als unsere Zeitung mit ihm telefoniert, steht er vor einer Sporthalle, wo er seine Tochter für den Turnunterricht abgeliefert hat.
Herr Prüfer, was für ein Vater waren Sie, als Ihre erste Tochter vor 23 Jahren geboren wurde?
Ich war damals 25 und total überfordert. Niemand hat vorher mit mir darüber gesprochen, was es bedeutet, Vater zu sein. Also habe ich meinen Job gemacht, bin ins Büro gegangen. Ich habe meinen Familienbeitrag in meinem Gehalt gesehen. Ich dachte, dass es darauf ankommt. Das ist ordentlich schiefgegangen, wir haben uns getrennt.
Wann hat sich das bei Ihnen geändert?
Ich selbst hätte es nie gelernt, wenn ich nicht darauf gestoßen worden wäre. Meine aktuelle Partnerin sagte mir, als sie mit unserem ersten gemeinsamen Kind schwanger war: „Sorry, ich hab’ nicht vor, hier das Hausmädchen zu machen, das teilen wir uns schön auf.“ Aus dieser Situation heraus habe ich angefangen, mich mehr mit meiner Rolle auseinanderzusetzen.
Zu welchem Ergebnis sind Sie dabei gekommen?
Ich habe mich emotional mehr engagiert. Und wenn man Vollzeit arbeitet und nur nach Feierabend und am Wochenende für die Familie da ist, ist das ganz schön wenig. Ich arbeite deswegen seit 16 Jahren in Teilzeit, auch damit kann man Karriere machen. Wir haben generell das Problem, dass wir in Deutschland Väter haben, die mit ihren Kindern zu wenig Zeit verbringen – vor allem in den Jahren, in denen es besonders wichtig ist, in denen wir viel vom Kind mitbekommen. Und das ist etwas, das sich in den letzten Jahren, seit wir über neue Väter reden, gar nicht geändert hat.
Sie schreiben in Ihrem Buch aber auch, dass die Diskussion über die Fürsorgearbeit verkürzt ist. Wie meinen Sie das?
Die Zahlen sind recht eindeutig: Der Großteil der Care-Arbeit in Deutschland hängt an den Müttern. Viele Väter glauben, wenn sie den Einkauf gemacht und den Mähroboter bedient haben, haben sie schon sehr viel erledigt, weil sie gar nicht durchblicken, was die Partnerin alles macht. Aber die Versorgung eines Kindes braucht etwa 70 Stunden Arbeit pro Woche. Wer einen 40-Stunden-Job hat, arbeitet Care-mäßig also nur halbtags. Was mich nervt ist, dass die Debatte uns Männer in eine Rolle steckt, die uns das Gefühl gibt, wir tun unserer Partnerin etwas Gutes, wenn wir zu Hause auch mal mehr anpacken. Das ist sehr defizitbezogen. So versteht man gar nicht, wie viel mal gewinnt, wenn man mehr da ist. Es ist das größte Abenteuer, was man als Mann erleben kann. Wir sollten versuchen, unsere Kinder generell mehr als eine bereichernde Form der Beziehung zu sehen, wie jene zu Freunden oder zur Partnerin auch.
Wie gelingt diese Beziehung?
Wir glauben, dass wir ein Kind erziehen und bilden. Aber wir haben da einen Menschen vor uns, der uns zu großen Teilen schon als Persönlichkeit entgegentritt. Ein guter Vater zu sein bedeutet, dass man sich dafür interessiert, was in dieser Person vorgeht und, soweit es möglich ist, diesem kleinen Wesen auf Augenhöhe begegnet. Man tut das nicht, um das Kind besser zu machen, sondern in erster Linie für sich. Ich bin auch später davon abhängig, dass mich das Kind als Bereicherung in seinem Leben wahrnimmt.
Werdegang
Tillmann Prüfer, Jahrgang 1974, ist stellvertretender Chefredakteur des Zeit Magazins. Seit 2018 schreibt er dort die Kolumne Prüfers Töchter.
Buch
Prüfer hat mehrere Bücher über Elternschaft veröffentlicht. Aus seinem aktuellen Buch „Vatersein – Warum wir mehr denn je neue Väter brauchen“ liest er an diesem Freitag um 19.30 Uhr im Haus der Katholischen Kirche in Stuttgart.