Was können wir aus der Geschichte lernen? Geschichte ist keine Pappelallee
2018 ist ein Jahr der Gedenktage: Wir erinnern uns an den Dreißigjährigen Krieg, die Revolutionen von 1848 und 1918. Doch was lässt sich aus der Geschichte lernen?
2018 ist ein Jahr der Gedenktage: Wir erinnern uns an den Dreißigjährigen Krieg, die Revolutionen von 1848 und 1918. Doch was lässt sich aus der Geschichte lernen?
Stuttgart - Was uns Geschichte erzählt, ist spielerisch zu begreifen. Darauf vertraut das Badische Landesmuseum in Karlsruhe. Seine aktuelle Ausstellung mit dem Titel „Revolution!“ lenkt den Blick auf 1848, 1918 und andere Umbrüche. Besucher werden animiert, ihre eigene revolutionäre Gesinnung zu testen. Wer Lust dazu hat, übernimmt eine Rolle in einem imaginierten Verteilungskampf: Es geht um Liegestühle auf dem Sonnendeck eines Kreuzfahrtschiffes, die vielfach begehrt sind, aber nicht für alle reichen. Wie verhält man sich da? Wie hartnäckig würde man als First-Class-Passagier seine Nutzungsrechte verteidigen? Wie rabiat um solche Privilegien kämpfen? Am Ende sortiert ein Computer die Mitspieler aufgrund der jeweiligen Antworten zwischen Rädelsführer, Mitläufer und Duckmäuser ein. Der Befund überrascht im eigenen Fall: „Che Guevara wäre stolz auf Sie!“
Eine historische Erkenntnis ist das nicht. Doch ein Anlass, über den Erkenntniswert von Geschichte (und solchen Geschichten) nachzudenken. Was unterscheidet sie eigentlich: Geschichte und Geschichten? Lange Zeit wurden in Deutschland beide Wörter verwendet, als würden sie das Gleiche bedeuten. Erst mit der Aufklärung hat sich eine wissenschaftlich verstandene Geschichte emanzipiert von der bloßen Historie, der Erzählung von Geschehenem. „Über den Geschichten ist die Geschichte“, doziert der Historiker Johann Gustav Bernhard Droysen, ein Schüler Hegels. Im Laufe der Geschichte unterlag auch das Verständnis von ihrem Nutzwert einem Wandel. In der Antike galt der Anspruch „Historia magistra vitae“, so eine berühmte Floskel des römischen Redenschreibers Cicero: „Die Geschichte ist die Lehrmeisterin des Lebens.“
Wer daran glaubt, muss überzeugt sein, dass Geschichte stets wiederkehrt – dass Weltgeschehen sich in Zyklen vollzieht, Bühne und Kulisse sich dabei nicht verändern. Sonst ergibt der Satz in dieser Schlichtheit keinen Sinn. Die Historie wird so zu einer Art Spiegelkabinett voll abschreckender Beispiele, die uns davor bewahren sollen, die Fehler der Vergangenheit zu wiederholen: „Eine Schule, ohne Schaden klug zu werden“, nennt Reinhart Koselleck das in seinem geschichtsphilosophischen Werk „Vergangene Zukunft“.
Noch Friedrich der Große verstand Geschichte als „Schule der Herrscher“. Er glaubte, aus historischen Vergleichen Anleitungen für das eigene Handeln herauslesen zu können. Die Geschichte verengt sich so zur bloßen Vorgeschichte der Gegenwart – zu einer „Pappelallee“, die auf uns zuläuft, wie der preußische Historiker Friedrich von Raumer schreibt.
Dieses Geschichtsbild illustriert eine Episode aus dem Jahre 1811. Da war von Raumer noch Sekretär des Reformpolitikers Friedrich von Hardenberg. Die Preußen hatten damals hohe Kriegsschulden, die getilgt werden sollten, indem sie immer mehr Papiergeld druckten. Einem Beamten aus dem Finanzministerium sagte der gewitzte Historiker: „Aber Herr Geheimer Staatsrat, erinnern Sie sich doch, dass schon Thukydides erzählt, wie große Übel entstanden, weil man in Athen zu viel Papiergeld gemacht hatte.“ Thukydides war ein antiker Historiker aus dem fünften Jahrhundert vor Christus. Papiergeld wurde in Europa erst 1000 Jahre später erfunden. Der preußische Beamte hatte davon offenkundig keine Ahnung, glaubte aber an die Autorität der Geschichte. „So ließ er sich bekehren, um den Schein der Gelehrsamkeit festzuhalten“, erzählt von Raumer. Die Moral seiner Geschichte lautet wohl, dass die Historie stets hilfreich sei, selbst wenn sie nicht den Fakten entspricht.
Ein Verständnis von Geschichte als Vorbild oder Horrorszenario schwingt auch bei Theodor Mommsen noch mit, dem einzigen Historiker, der für ein geschichtliches Werk mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet wurde. „Wer Geschichte schreibt“, so mahnt er, „hat die Pflicht politischer Pädagogik.“ Von diesem Anspruch ist der Schritt nicht weit zum Missbrauch der Geschichte als Propaganda. Karl Marx degradierte die Geschichte von der Lehrmeisterin des Lebens zur Magd der Politik. Nach der Doktrin des Historischen Materialismus ist sie ein steuer- und vorhersehbares Räderwerk des Fortschritts. Solche instrumentellen Sichtweisen hielten sich bis weit in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts. Der promovierte Historiker Helmut Kohl wiederum traf sich mit seinen Staatsgästen gerne an geschichtsträchtigen Orten, sei es ein Soldatenfriedhof, ein Schlachtfeld oder der Salierdom zu Speyer, um seiner Diplomatie vor passender Kulisse Tiefenwirkung zu verschaffen. Diese Art der Geschichtspolitik ist unter seinen Nachfolgern aus der Mode gekommen.
Die Skepsis gegenüber der pädagogischen Nachhaltigkeit historischen Wissens geht zurück bis in die Zeit der Aufklärung. Der in Stuttgart geborene Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel urteilt so: „Was die Erfahrung aller und die Geschichte lehren, ist dieses, dass Völker und Regierungen niemals etwas aus der Geschichte gelernt und nach Lehren, die aus derselben zu ziehen gewesen wären, gehandelt haben.“
Es wäre auch ein Missverständnis, Geschichte für eine Art Hieroglyphe zu halten, deren Sinn nur entziffert werden müsste. Sinn wird ihr erst im Nachhinein angedichtet. Was tatsächlich der Fall war, ist immer etwas anderes als die Summe der Mosaiksteinchen von Erlebnissen, Erinnerungen und Dokumenten. Der Blick darauf verändert sich in einem fort. Das Bild, das wir uns von der Vergangenheit machen, wird wie bei einem Fotografen bestimmt von der Perspektive, der Detailgenauigkeit, der Tiefenschärfe und der Filter. Geschichte ist letztlich nur eine Deutungsvariante dessen, was geschehen sein könnte: ein Muster, das Historiker dem Flickenteppich überlieferter Ereignisse nachträglich einweben. Schon die Frage, wie viel Zeit vergehen muss, um solche Muster überhaupt erkennen zu können, bleibt umstritten. Der US-Schriftsteller William Faulkner formuliert das poetischer: „Das Vergangene ist nicht tot, es ist nicht einmal vergangen.“
Von diesem Dilemma erzählt auch eine Anekdote aus der Zeitgeschichte: Sie wird dem chinesischen Revolutionär Zhou Enlai zugeschrieben, einem Kampfgenossen Mao Zedongs. Der amerikanische Außenminister Henry Kissinger soll den Kommunistenführer gefragt haben, wie er über die Französische Revolution denke. Die lag damals fast zweihundert Jahre zurück. Zhou antwortete jedoch: „Es ist noch zu früh, darüber ein Urteil abzugeben.“
Ist es manchmal auch zu spät für ein historisches Urteil? Manche wollen endlich einen Schlussstrich ziehen unter die unrühmlichsten Kapitel in der deutschen Chronik: die Naziherrschaft und den Holocaust. Doch die Historie hat kein Verfallsdatum. Wir leben zwischen Geschichtsvergessenheit und Geschichtsversessenheit. Von letzterer künden einschlägige Hochglanzmagazine, die Einschaltquoten der historischen Krimiserie „Babylon Berlin“, der Museumsboom landauf, landab und die Bestsellerlisten. In der vergangenen Woche zierten der Studentenrebell Rudi Dutschke und Friedrich Ebert, der erste demokratisch gewählte Präsident Deutschlands, das Titelblatt des „Spiegel“. Geschichte verspricht Auflage. Von 18 Werken, die für den Sachbuchpreis 2018 nominiert sind, haben mehr als die Hälfte einen historischen Bezug. Vielen dienen solche Werke als Reiseführer für eine Art Vergangenheitstourismus. Vielleicht steckt hinter dem literarischen Geschichtskonsum und dem Ansturm auf historische Ausstellungen bloße Nostalgie, vielleicht auch Neugier auf die eigenen Wurzeln, die historische Dimension unserer Identität – ein anekdotisches, antiquarisches Interesse, was ohne den Glauben daran, dass Geschichte lehrreich sein könnte, kaum erklärbar ist.
Nur, was lässt sich aus ihr lernen? Die Frage wurde auf dem Historikertag jüngst in Münster widersprüchlich beantwortet. Während Vertreter der Zunft sich eher skeptisch äußerten, pochte Festredner Wolfgang Schäuble auf den pädagogischen Wert historischer Erkenntnis. Mit der Unübersichtlichkeit des Weltgeschehens nimmt allerdings auch die Unüberschaubarkeit der Geschichte zu. Schlichte Formeln sind aus ihr nicht abzuleiten. Geschichte ist kein intellektueller Steinbruch, in dem sich Fundstücke für das eigene Weltbild zusammenklauben lassen. Trotz allem lässt die Gegenwart sich aber schwerlich ohne ihre Vorgeschichte verstehen. Und wie sollte sich die Zukunft planen lassen, ohne die Vergangenheit zu kennen?
Wer in der Geschichte zu Hause ist, werde nicht klug für heute, sondern weise für immer, lautet das berühmte Diktum des Schweizer Kulturhistorikers Jacob Burckhardt. Historische Kenntnisse vermitteln Orientierungswissen, keine Gebrauchsanleitung für eigene Entscheidungen oder Denkschablonen für künftige Probleme. Sie nährten „eine heilsame Skepsis gegenüber den flotten Heilsversprechen und der flinken Erklärung aller Welträtsel“, so der Historiker Hans-Ulrich Wehler. Sein Kollege Marc Bloch hat es mit folgendem Vergleich umschrieben: Aus der Geschichte ließen sich sehr wohl auch politische Lehren ziehen. „Aber dies geschieht so, wie ein Arzt Nutzen aus der Biologie zieht. Für den Biologen gibt es keine guten oder schlechten Bazillen. Für den Arzt dagegen wohl.“
Drei Lehrbeispiele seien erwähnt: die Kreuzzüge, der Dreißigjährige Krieg und die Weimarer Republik. Für den CSU-Politiker Peter Gauweiler sind Leute wie Joschka Fischer und der ehemalige Bundespräsident Joachim Gauck „Kreuzritter der Moderne“. Wer partout darauf poche, dass Deutschland in der Weltpolitik mehr mitmischen solle, gerade in Nahost, dem empfiehlt er einen Blick in die verheerende Geschichte europäischer Expansionen in jene Region, wie sie der britische Historiker Steven Runciman geschildert hat. Er selbst sei „erschrocken über die vielen Parallelen“ zwischen den heiligen Kriegen des Mittelalters und den fatalen Interventionen der Moderne. Für den Berliner Politikwissenschaftler Herfried Münkler ist der Dreißigjährige Krieg eine „Analysefolie“, vor der sich der komplexe Nahostkonflikt verstehen lasse. Religiöser Hader überlagere Kämpfe um die regionale Machtverteilung und Auseinandersetzungen um hegemoniale Ansprüche. Die Warlords unserer Zeit betrachtet er als Wiedergänger der Landsknechtführer, wie sie im „Simplicissimus“ lebendig geschildert werden. Die Weimarer Republik, vor hundert Jahren installiert, muss unablässig als Zerrspiegel der gegenwärtigen Krise demokratischer Politik herhalten. In Berlin herrschten inzwischen Weimarer Verhältnisse, lautet eine wohlfeile Klage. Es mangelt nicht an Analogien und Parallelen: die zerklüftete Gesellschaft, das Misstrauen gegenüber etablierten Kräften, die von Hass durchfärbte Kommunikation, der Triumph von Parteiräson über Staatsräson. Das Grundgesetz liest sich wie ein Sammelband von Lehren, die aus den Fehlern von Weimar gezogen wurden. Gleichwohl taugt die missglückte Premiere der Demokratie nicht als Exempel. Sie wirft jedoch ein Schlaglicht auf die heutigen Verhältnisse, das Risiken deutlich werden lässt. Die Geschichte ist kein Kompass für den Weg in die Zukunft. Sie erinnert allenfalls an eine alte Landkarte, auf der vage ein paar Irrwege zu erahnen sind.