Es war ein Sonntag im Juli, exakt zwei Wochen nach ihrer Corona-Zweitimpfung, als Claudia plötzlich eine bleierne Müdigkeit verspürte. „Ich war mit meinem Mann in der Stadt spazieren, doch meine Beine und Arme fühlten sich an, als hätte sie jemand mit Gewichten beschwert“, erzählt die 38-Jährige. Von jenem Tag an veränderte sich das Leben der Stuttgarterin (die hier nur mit Vornamen genannt werden möchte). Sie geht nicht mehr aus, trifft kaum noch Freunde. Bei der Arbeit muss sie immer Pausen einlegen. „Ich fühle mich krank“, sagt Claudia. Und das seit mehr als einem halben Jahr.
Muskelzucken, Durchfall, Erschöpfung – das sind die Beschwerden
Die Symptome sind diffus: Claudia konnte wochenlang nichts bei sich behalten, litt an Durchfall. Bis heute hat sie Verdauungsstörungen. Oft fangen ihre Muskeln in den Gliedmaßen an zu zucken – so, als würden kleine Stromschläge durch ihre Arme und Beine gejagt werden. „Gegenstände aufzuheben oder nur einen Löffel ruhig zu halten hat mich lange sehr viel Mühe gekostet“, sagt sie. Dazu diese unerklärlichen Erschöpfungszustände, die dazu führen, dass die 38-Jährige sich stundenweise aufs Sofa legen muss, komplett unfähig, ihrem Alltag nachzugehen. „Oft habe ich gesagt: Leuten, die an Long Covid leiden, muss es genauso gehen.“
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Doch Claudia ist überzeugt, dass sie sich zu keiner Zeit mit dem Virus infiziert hat: Sie hat aufgrund der Beschwerden einen Nucleocapsidtest gemacht, der im Blut Spuren der Viren nachweisen kann. Das Ergebnis war negativ. Für die 38-Jährige, die selbst stets betont, keine Impfgegnerin zu sein, steht daher fest: „Mein Leiden muss mit der Impfung gegen das Coronavirus zusammenhängen.“
Langwierige Impfreaktionen halten viele Experten für unwahrscheinlich
Long Covid nicht als Folge einer Infektion, sondern als Folge einer Impfung? In der Wissenschaft ist der Verdacht umstritten. Gemeinhin gilt: Impfnebenwirkungen sind selten und tauchen in der Regel kurze Zeit nach der Spritze auf. Die häufigsten Reaktionen sind Kopfschmerzen, ein allgemeines Krankheitsgefühl, Abgeschlagenheit oder Schmerzen an der Einstichstelle. Diese Beschwerden vergehen normalerweise nach einigen Tagen.
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„Dass der Körper auf eine Impfung reagiert, ist nicht ungewöhnlich“, sagt auch Paul Lingor, Oberarzt der Klinik für Neurologie und Leiter der Spezialambulanz für Motoneuronerkrankungen am Klinikum rechts der Isar der Technischen Uni München. „Lang anhaltende Beschwerden im Sinne von Long Covid sind mir nach der Impfung nicht bekannt geworden“, sagt der Professor für Neurologie.
Allerdings steht die Ursachenforschung für Long Covid am Anfang: In vielen Fällen ist unklar, was die Symptome und den Verlauf der Spätfolgen auslöst. Experten wie Lingor verweisen auf eine französische Studie, nach der sich chronische Beschwerden ähnlich häufig bei Infizierten wie bei Nichtinfizierten ergeben haben. Das zeige, „dass Belastungen durch die Pandemie offenbar eine große Rolle spielen“.
Patientin schließt psychosomatische Beschwerden aus
Die Schutzmaßnahmen wie der Lockdown haben auch Claudia privat und beruflich belastet. „Aber sie haben mich nicht krank gemacht.“ Die 38-Jährige hat sich in den vergangenen Monaten häufig dem Verdacht ausgesetzt gefühlt, ihre Beschwerden seien psychosomatisch – sowohl seitens der Ärzte, die sie konsultiert hat, als auch in ihrem privaten Umfeld. „Mein Eindruck ist, dass man nicht hören will, dass eine Impfung, die so viele vor einer schweren Erkrankung schützt, in einigen Fällen auch die Gesundheit erheblich beeinträchtigen kann.“
Bei manchen Long-Covid-Patienten kann eine Boosterimpfung Beschwerden aufflammen lassen
Dass eine Impfung gegen das Coronavirus gewisse Beschwerden hervorrufen kann, kennt der Schweizer Immunologe Onur Boyman ausschließlich von Patienten, die eine Infektion durchgemacht haben und in deren Folge an Long Covid erkrankt sind. „Bei manchen Long-Covid-Patienten kann eine Boosterimpfung zwar die Beschwerden mindern“, sagt der Direktor der Klinik für Immunologie am Universitätsspital Zürich. „Aber bei anderen dieser Betroffenen kann eine Impfung diese wieder aufflammen lassen.“ Bislang lasse sich nicht vorhersagen, bei wem die Impfung welche dieser Reaktionen verursachen kann.
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Der Stuttgarterin Claudia rät Onur Boyman dazu, sich gründlich auf das Virus untersuchen zu lassen. Vielleicht war eine unbemerkte Corona-Infektion doch der Auslöser? „Ich würde alle Werte checken, um zu sehen, ob es Entzündungsprozesse gibt, die Anzeichen für Long Covid sein könnten.“ Der Schweizer Forscher hat mit seinem Team kürzlich ein immunologisches Muster entdeckt, das mit einem höheren Long-Covid-Risiko einhergehen kann. Die untersuchten Patienten weisen einen niedrigeren Spiegel zweier Klassen von Antikörpern auf, die einen Einfluss darauf haben, wie das Immunsystem mit Krankheitserregern umgeht. „Diese Immunglobulinwerte würde ich in jedem Fall überprüfen lassen“, sagt Boyman. Habe die Patientin zudem Risikofaktoren wie Asthma, hätten selbst Patienten mit einem sehr milden Verlauf ein erhöhtes Risiko, nach einer Corona-Infektion ein Long Covid zu entwickeln. „Auch haben wir nachweisen können, dass Patienten, die entweder nur wenige oder gar keine Symptome hatten, keine Antikörper gegen Sars-CoV-2 im Blut hatten, dafür aber in der Tränenflüssigkeit, im Nasensekret oder im Speichel“, so Boyman. Ein negativer Bluttest– auch ein Nucleocapsidtest wie bei Claudia – sei keine Garantie, dass es keinen Kontakt mit Coronaviren gegeben habe.
Ärzte bestätigen: Krankheitswerte ähneln denen von Long-Covid-Patienten
Monatelang war Claudia auf der Suche nach einem Arzt, der bereit war, sie von Kopf bis Fuß durchzuchecken. Sie war bei mehreren Internisten, Neurologen und Infektologen. Doch helfen konnte ihr lange Zeit niemand. „Das ist das eigentlich Frustrierende gewesen: Man ist krank und weiß nicht, was mit einem geschieht – und wird seitens der Medizin alleingelassen.“ Im Dezember versuchte sie ihr Glück an der Uniklinik Ulm, die zusammen mit den Unikliniken Tübingen, Freiburg und Heidelberg im Land eine Studie über Therapiemöglichkeiten bei Long Covid durchführt. Sie schilderte ihre Krankheitsgeschichte und wurde in das Studienprogramm miteinbezogen. Claudia nennt dies ihre persönliche Rettung. „Endlich traf ich auf Ärzte, die sich meiner wirklich angenommen haben.“ Die medizinischen Befunde bestätigen: Claudias Krankheitswerte ähneln denen von Long-Covid-Betroffenen – ob infolge einer unbemerkt verlaufenen Infektion oder einer Impfung, das lässt sich im Nachhinein nicht mehr feststellen.
Arzt hält Long-Covid-Beschwerden infolge der Impfung für möglich
Allerdings hält Jürgen Steinacker, der als Leiter der Sport- und Rehabilitationsmedizin des Universitätsklinikums Ulm die Studie mit federführend leitet, Claudias Theorie nicht für abwegig: Es sei zwar sehr selten, aber möglich, dass sich bei manchen Menschen mit bestimmten genetischen Veranlagungen durch eine Impfung eine Allergie gegen das Spike-Protein ausbildet, mit dem sich das Sars-CoV-2-Virus Zutritt zu Zellen verschafft, so der Ulmer Experte. Dies könnte Beschwerden hervorrufen, die denen einer abgeschwächten Long-Covid-Erkrankung glichen. Schließlich kommt der Körper auch bei einer natürlichen Infektion in Kontakt mit dem Spike-Protein. „Aber diese Menschen hätten das Problem noch viel mehr, wenn sie sich ungeimpft mit Sars-CoV-2 infiziert hätten“, erklärt Steinacker.
Eine gesunde Ernährung mit viel Vitamin C ist für Betroffene wichtig
Im Januar hat Claudia die Therapie begonnen, seitdem gehe es ihr besser. Um ihre Beschwerden zu lindern, erhält sie ähnliche Mittel wie alle Long-Covid-Patienten: Entzündungshemmer, aber auch viele Vitaminpräparate. „Eine Ernährung mit hohen Dosen Vitamin C ist hierbei wichtig“, so Steinacker. Ebenso zeigt sich, dass sich die Beschwerden mindern, wenn der körpereigene Vitamin-D-Spiegel auf hohem Niveau gehalten wird. Eine proteinreiche Ernährung mit Walnüssen, Bohnen, Hülsenfrüchten und Fisch sei ebenfalls zu empfehlen.
Betroffene fordern mehr Anlaufstellen für Impfgeschädigte
„Ich fühle, dass es Schritt für Schritt aufwärts geht“, sagt Claudia. Allerdings blieben Rückschläge nicht aus. Es gebe immer noch Tage, an denen sie sich alle paar Stunden hinlegen müsse. Verkriechen will sie sich nicht. „Es ist wichtig, dass solche Fälle wie meiner bekannt werden“, sagt Claudia. Dabei gehe es ihr aber nicht darum, vor der Impfung zu warnen. „Ich gehöre offenbar nur zu einer sehr kleinen Gruppe von Betroffenen, dennoch ist es wichtig, dass wir ernst genommen werden.“ Ihrer Meinung nach brauche es mehr Anlaufstellen, an die sich Impfgeschädigte wenden können und wo sie auch medizinische Hilfe erhalten.
Auf eine Impfung zu verzichten ist stets die schlechteste Option
Auf eine Impfung zu verzichten – das ist für die allermeisten Menschen die schlechtere Option. Darin sind sich die Experten einig: „Laut Datenlage ist die Wirkung und damit der Benefit der Impfung gegenüber dem Risiko einer Nebenwirkung klar größer“, sagt Boyman. Die Herausforderung werde allerdings sein, so ergänzt sein Ulmer Kollege Steinacker, „bei Patienten, die immunologische Beschwerden haben, abzuklären, ob eine Impfung zu weiteren gesundheitlichen Problemen führen könnte und wie diese abgefangen werden können“.