InterviewWas Netflix-Produzent Brian Wright vorhat Kinderprogramm 2.0

Von  

Netflix hat sein Herz für Familienunterhaltung entdeckt. Hinter dieser Kinder- und Jugendzimmeroffensive des Streamingdiensts steckt Brian Wright, der Netflix zum Familiensender umbauen soll.

„Das ist genau die Art von Show, die wir bei Netflix machen wollen“: Brian Wright über die Mysteryserie „Stranger Things“ mit Millie Bobby Brown als Eleven Foto: Netflix/Curtis Baker 19 Bilder
„Das ist genau die Art von Show, die wir bei Netflix machen wollen“: Brian Wright über die Mysteryserie „Stranger Things“ mit Millie Bobby Brown als Eleven Foto: Netflix/Curtis Baker

Stuttgart - Der Streamingdienst Netflix plant 2017 sechs Milliarden Dollar für sein Programm auszugeben. Ein Schwerpunkt soll dabei Inhalte bilden, die für die ganze Familie geeignet, anspruchsvoll und subversiv zugleich sind – nach dem Vorbild von Serien wie „Stranger Things“, „Gilmore Girls“ oder „Eine Serie betrüblicher Ereignisse“. Zuständig dafür ist Brian Wright. Der Vice President bei Netflix hat seine Karriere im Fernsehgeschäft einst als Crewmitglied bei der NBC-Comedyserie „Scrubs“ begonnen.

Mr. Wright, in „Eine Serie betrüblicher Ereignisse“ spielt Neil Patrick Harris den fiesen Graf Olaf, der die drei Baudelaire-Geschwister terrorisiert und mit allen Mitteln versucht, an deren Erbe zu kommen. Hätten Sie sich so eine morbid-skurrile Serie auch bei Nickelodeon, Ihrem früheren Arbeitgeber, vorstellen können?

Kaum. Nickelodeon finanziert sich durch Werbung und ist nur an einem Publikum zwischen zwei und zwölf Jahren interessiert. Denn das ist die demografische Gruppe, auf die dort die Werbespots abzielen. Bei Nickelodeon mussten die Shows für Kinder, nicht aber für Erwachsene funktionieren. Das ist nicht schlimm. Mein Job bei Netflix ist aber ein anderer, nämlich Premiuminhalte zu schaffen, die für Kinder genauso geeignet sind wie für Erwachsene. Es soll für alle etwas dabei sein.

Ist das der einzige Unterschied?

Bei Netflix sind wir bereit, ziemlich viel in eine Show zu investieren, wenn wir an sie glauben. Es darf auch etwas kosten, eine Vision zum Leben zu erwecken. An „Eine Serie betrüblicher Ereignisse“ haben wir über zwei Jahre gearbeitet. So viel Zeit und Geld hätte ein Sender wie Nickelodeon für ein derartiges Projekt niemals investiert.

Familienunterhaltung der etwas anderen Art bietet auch die Netflix-Mysteryserie „Stranger Things“, der große Überraschungshit des Jahres 2016.

Als wir „Stranger Things“ entwickelt haben, hatten wir eine Show vor Augen, die Erwachsene genauso anspricht wie Teenager und ältere Kinder; eine Show, die dich packt, egal, ob du groß oder klein bist. Und das hat tatsächlich funktioniert. „Stranger Things“ ist die Show, die du geschaut haben musst, um mitreden zu können. Die Achtziger-Jahre-Nostalgie hat zwar zum Erfolg beigetragen. Doch obwohl die Duffer-Brüder ihre Serie als eine Art Steven-Spielberg-Hommage angelegt haben, ist sie gleichzeitig originell und voller frischer Ideen. „Stranger Things“ ist genau die Art von Show, die wir bei Netflix machen wollen. Bei allen unseren Originalserien geht es darum, jemanden zu finden, der eine einzigartige Vision hat, und ihm die Mittel zur Verfügung zu stellen, diese Idee umzusetzen. Nur wer die besten Geschichtenerzähler engagiert, bekommt auch die besten Geschichten.

Für traditionelle Fernsehsender entscheidet die Einschaltquote darüber, ob eine Serie fortgesetzt oder abgesetzt wird. Wie läuft das bei Netflix? Wie entscheiden Sie, ob „Eine Serie betrüblicher Ereignisse“ weitergeht oder ob wir irgendwann noch herausfinden, was nach dem Cliffhanger passiert, mit dem sich „Gilmore Girls“ verabschiedet hat?

Wir veröffentlichen unsere Zuschauerzahlen ja bekanntlich nicht. Weil wir keine Anzeigen verkaufen müssen, brauchen wir das nicht. Aber natürlich kennen wir die Zahlen. Wir können für jede unserer Serien ermitteln, wie viele Leute diese abgerufen haben. Das setzen wir dann ins Verhältnis, zu dem, was wir in eine Show investiert haben und entscheiden, ob es sich lohnt, weiter zu investieren oder nicht. Wir haben bisher keine Entscheidung in Sachen „Eine Serie betrüblicher Ereignisse“ gefällt. Die Serie ist ja gerade erst gestartet. Doch wir werden das bald bekannt geben.

Und wie hoch sind die Chancen, dass wir Lorelai und Rory Gilmore wieder sehen?

Im Moment gibt es keine Pläne für eine weiteres „Gilmore Girls“-Serien-Special. Aber sag niemals nie.

Also erst mal keine Neuigkeiten von Baudelaires und den Gilmores. Schade. Welches Alternativprogramm hat Netflix im Angebot?

Wir haben uns gerade an eine Serie herangewagt, die man aus den den guten alten Zeiten kennt – an ein Remake der Science-Fiction-Serie „Lost in Space“. Das wird eine sehr moderne Neuinterpretation der Show, ein absoluter Adrenalintrip, ein spektakuläres Abenteuer für die ganze Familie. Mit Warner Brothers Animations arbeiten wir zurzeit zudem an einer Adaption von Dr. Seuss’ „Grünes Ei mit Speck“. Das wird definitiv kein Cartoon nur für Kinder. Ich verspreche die Serie wird clever, prächtig und hinreißend. Wir lassen uns drei Jahre Zeit, um die erste Staffel zu machen. Das wird ein Riesenknall. Neben solchen großen Familienshows wollen wir künftig auch Serien für junge Erwachsene produzieren. Eine kommt im März heraus. Sie heißt „Thirteen Reasons Why“ und beruht auf Jay Ashers Bestseller „Tote Mädchen lügen nicht“. Es geht um die Tragödie eines 15-jährigen Mädchens und die Frage, was mit Hannah Baker passierte und warum. Diese Mischung aus Coming-of-Age- und Mystery-Story ist schon etwas heftiger und definitiv nichts, das du mit deinem neujährigen Kind schauen würdest, aber genau das Richtige für Teenager und wahrscheinlich auch viele Erwachsene auf der ganzen Welt.

Apropos auf der ganzen Welt: Wie wichtig ist der deutsche Markt für Sie? Und werden die sich zum Teil sehr unterscheidenden Märkte in den USA, Europa und Asien schon bei der Entwicklung von Serien bedacht?

Wir fragen uns immer von Anfang an, ob die Geschichte, die wir erzählen wollen, international funktionieren wird. Und Deutschland ist definitiv ein wichtiger Markt für Netflix. Eine unserer Abteilungen entwickelt ja gerade in Deutschland die Mysteryserie „Dark“.

Selten gab es so viel hochwertige Fernsehserien zu sehen wir derzeit. Welchen Anteil hat Ihrer Meinung nach Netflix daran?

Ja, wir leben tatsächlich in einem goldenen TV-Zeitalter. Es gibt zurzeit unglaublich viele tolle Sachen zu entdecken. Und wir bei Netflix sind ziemlich froh darüber, dass wir Marktführer beim Internet-Fernsehen sind und dafür gesorgt zu haben, dass Serien heute besser und anders erzählt werden als früher. Wir sind zwar nicht die einzigen, die großartige TV-Serien machen. Aber wir sind stolz darauf, dass von uns einige der besten stammen.

Welche drei Netflix-Serien muss man Ihrer Meinung nach gerade unbedingt gesehen haben?

„Stranger Things“ natürlich. Ich bin auch ein großer Fan der Serie „The Crown“, die die Geschichte von Königin Elizabeth als junge Frau erzählt. Und „Eine Serie betrüblicher Ereignisse“. Die ist definitiv ein Muss.