„Was nicht gesagt werden kann“ Der verstockte Mann

, aktualisiert am 04.01.2026 - 12:51 Uhr
Unbestechlicher Beobachter: der britisch-ungarische Schriftsteller David Szalay Foto: IMAGO/opale.photo

David Szalay erzählt in seinem Booker-Preis-prämierten Roman „Was nicht gesagt werden kann“ auf atemraubende Weise vom Aufstieg und Fall eines Jedermann.

Kultur: Stefan Kister (kir)

Was sich im Inneren ansammelt, ist das eine. Was davon nach außen dringt, das andere. Gemeinhin gilt Literatur als ein Ausdrucksmittel für das, was unter der Oberfläche brodelt, für Gefühle, für das ganze verborgene Leben der Seele. Was aber, wenn ihr Gegenstand jemand ist, dessen Innenwelt sich hinter einem verbalen Plattenbau verkapselt hat, aus dem nur die standardisiertesten Lebensbekundungen nach außen dringen – „ganz okay“, „stimmt“, „weiß nicht“? Dann kann es passieren, dass sich der angestaute Druck mit einem Mal entlädt, so unausweichlich, wie wenn man sich erbricht.

 

Das Leben des Protagonisten von David Szalays Roman „Was nicht gesagt werden kann“ ist immer wieder von solchen Ausbrüchen geprägt, die aus der Schutzhülle scheinbar ausdruckslosen Einverstandenseins unvermittelt herausfahren.

Er heißt István und wächst bei seiner Mutter in einer tristen Trabantensiedlung irgendwo in Ungarn auf; ein Außenseiter, der nirgends wirklich dazu gehört. Seine ersten sexuellen Erfahrungen macht er nicht im Sozialgefüge Gleichaltriger, sondern verführt von einer Nachbarin, die seine Mutter sein könnte und für die er Einkäufe erledigt.

David Szalays Romane kreisen um Fragen männlicher Identität. Foto: imago images/Westend61

Nachdem er ihren Mann in einer jener unkontrollierbar aus seinem Inneren aufsteigenden Gewaltanwandlungen die Treppe hinuntergestoßen hat, landet er im Jugendknast. Damit scheint klar, wohin die Reise geht: abwärts. Jobs gibt es für jemand wie István keine; er dealt ein bisschen, meldet sich schließlich zum Militär, erlebt Schreckliches im Irak. Später begegnet man ihm als Arbeitsmigrant in London wieder. Auch hier ist er Außenseiter, ein Türsteher, der Innen und Außen einsilbig abschirmt.

Wer ihn ergründen will, muss sich umso genauer an das halten, was sich an der Außenseite abzeichnet. „Was ein Mann ist“ war der Titel des ersten ins Deutsche übersetzten Romans des britisch-ungarischen Schriftstellers David Szalay; eine nüchterne literarische Bestandsaufnahme in neun miteinander verbundenen Geschichten über Männer unterschiedlichen Alters, aus verschiedenen europäischen Ländern und Milieus.

Auch István durchquert Länder und Milieus. Um herauszufinden, was er für ein Mann ist, bedient sich David Szalay eines Kunstgriffs im doppelten Wortsinn. So präzise er die sozialen Umstände in gestochen scharfen Momentaufnahmen einfriert, so sehr überlässt er die Handlungsführung nicht dem daraus resultierenden Determinismus. Erstaunlicherweise folgen Istváns Lebensstationen exakt Stanley Kubricks filmischer Romanadaption „Barry Lyndon“ nach William Makepeace Thackeray. Darin wird die Geschichte eines irischen Emporkömmlings in der dekadenten Adelsgesellschaft des 18. Jahrhunderts erzählt.

Die zeitgenössische Umschrift eines Schelmenromans ist gewissermaßen das Kontrastmittel, das sichtbar macht, was nicht gesagt werden kann, zumindest von István nicht. So wird er zum Fremdling in der eigenen Geschichte. Und anders als erwartet, führt sie erst einmal steil aufwärts: vom Security-Mann zum Chauffeur eines steinreichen Londoner Unternehmers bis zu dessen Nachfolger im Bett seiner Frau.

David Szalay zeichnet ein gestochen scharfes Gesellschaftsporträt

Szalays unbestechlich die Oberflächen des Lebens vermessender Blick versteht es dabei, die glänzenden feinen Unterschiede der Upper Class in die gleiche Unwirtlichkeit zu tauchen wie die Tristesse des Herkommens. Auch im unbehaglichen Luxus von Fünf-Sterne-Hotels kann man vor absurd großen Fernsehern enden und sich durch das Programm zappen bis man bei „Let’s dance“ hängen bleibt. Seine Gönnerin und Geliebte zieht es während eines Aufenthalts in München in Galerien, er will das BMW-Museum sehen. Und was bedeutet eine U-Bahnfahrt für Leute, die es gewohnt sind, chauffiert zu werden? David Szalay zeichnet ein gestochen scharfes Gesellschaftsporträt.

Der einsilbigen Selbstverschalung, die István mit anderen der männlichen Figuren gemein hat, stehen umso präzisere Beschreibungen des mit Geld geschmierten gesellschaftlichen Räderwerks aus Status, Sexus, Schein gegenüber, das den weitgehend passiven Akteur nach oben schaufelt. Was an den demonstrativ monotonen Dialogen abgleitet, fängt eine raffiniert konstruierte Tiefenstruktur auf: Je wortkarger der Protagonist, umso mehr kommuniziert der Roman mit anderen Texten, zieht Spiegelachsen und Symmetrien ein, die frühere Szenen mit späteren kontern. Der komplexe Unterbau substituiert, was über István im Verborgenen bleibt. Das macht „Was nicht gesagt werden kann“ zu einem literarischen Ereignis, das vor Kurzem zurecht mit dem Booker-Preis, dem wichtigsten Preis für neue englischsprachige Literatur, ausgezeichnet wurde.

Die initiale Mesalliance mit der Nachbarin kehrt einige Glückswechsel später unter umgekehrten Vorzeichen wieder. Nach einer von Selbstekel geprägten Affäre kommt István der Gedanke, dass er nicht der gute Mensch ist, für den er sich immer gehalten hat. Am Ende findet er sich wieder dort, von wo er aufgebrochen ist. Als er einer letzten Weggefährtin von seinem Leben erzählen will, kommt es ihm vor, als wäre es dasjenige eines Fremden gewesen. Wer also ist dieser Mann? Würde man ihn fragen, erhielte man als Antwort vielleicht ein Brummen oder ein „es ist okay“. Glücklicherweise gibt es diesen Roman, für den okay gar kein Ausdruck ist.

Foto: Verlag

David Szalay: Was nicht gesagt werden kann. Aus dem Englischen von Henning Ahrens. Claasen. 384 Seiten, 25 Euro.

Info

Autor
David Szalay wurde 1974 in Montreal in eine jüdische Familie geboren. Seine Mutter war Kanadierin, sein Vater Ungar. Die Familie zog später nach Beirut. Nach Ausbruch des libanesischen Bürgerkriegs mussten sie den Libanon verlassen . Anschließend zogen sie nach London, wo er die Sussex House School besuchte .

Werk
Mit „Was ein Mann ist“, seinem vierten Roman, kam David Szalay 2016 auf die Shortlist des Man-Booker-Preises. Um männliche Identitätsfindung, globale Mobilität, Lebensumbrüche kreist sein Roman „Turbulenzen“. Für „Was nicht gesagt werden kann“ erhielt in diesem Jahr den Booker-Preis.

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