Was Ökologen forschen Das Rätsel um die Europäische Auster

Die Forscherinnen Bernadette Pogoda und Tanja Hausen bereiten die auf Austernschalen angesiedelten Austern in Jutenetzen zum Aussetzen im Wasser vor. Foto: Kubikfoto

Die Europäische Auster ist ein frühes Opfer der Überfischung. Deutsche Forscher wollen sie in die Nordsee zurückholen. Sie brauchen Geduld und den richtigen Ort.

Bremerhaven - Ein Riff, so weit das Auge reicht: Schwämme, Seenelken und Moostierchen siedeln darauf, kleine Jungfische spielen verstecken und ein großer Krebs lugt schräg unter einer Auster hervor. So oder so ähnlich könnte es einmal ausgesehen haben auf weiten Teilen des Nordseebodens. Denn dort, wo heute meist ebener sandig-modriger Boden ist, fanden sich noch vor 150 Jahren ausgedehnte Austernbänke. Über sechs Prozent der Bodenfläche, so heißt es nach Schätzungen, seien einst mit Austern besiedelt gewesen. Das entspricht einer Fläche, die ungefähr die Größe Nordrhein-Westfalens hat.

 

Was dann kam, ist bekannt: Eine stetig wachsende Flotte fischte die schmackhafte Muschel millionenfach aus der Nordsee und machte sie zu Geld. Fest verwachsen an ihrem Standort war die Auster für die Fischer eine leichte und schnelle Beute: Anstatt mühsam irgendwelchen Fischschwärmen nachzuspüren, fuhren sie einfach zu den bekannten Stellen und holten, was zu holen war.

Jahrtausende alte Austernbänke sind verschwunden

Allein die Engländer holten pro Jahr elf bis 18 Millionen Austern aus der Nordsee, so die Schätzungen aus zeitgenössischen Dokumenten. Die ebenfalls stattlichen Fänge deutscher und niederländischer Boote übertrafen auch die Millionengrenze. „Wann immer weit draußen eine Bank entdeckt wurde, wurde sie intensiv befischt“, sagt die Meeresbiologin Bernadette Pogoda vom Alfred-Wegener-Institut (AWI) in Bremerhaven. Auf diese Weise verschwanden teils Jahrtausende alte Austernbetten innerhalb weniger Jahre.

Dennoch: Der Gewinn für die gefischten Austern dürfte in keinem Verhältnis zum langfristigen Preis stehen. Denn heute lassen sich nur noch einzelne Restbestände in den Küstengewässern Norwegens, Dänemarks, Frankreichs oder Schottlands finden. Aus den tieferen Regionen der Nordsee, in denen die Auster einst heimisch war, ist sie verschwunden. Für die deutschen Gebiete gilt die Europäische Auster bereits seit den 1930er Jahren als ausgestorben.

Im Wattenmeer nicht heimisch geworden

Weil die Endlichkeit der Austernbänke absehbar war, kam man schon damals auf die Idee, dass das, was geerntet wurde, vielleicht auch wieder neu „ausgesät“ werden müsse. 1863 erhielt der Zoologe Karl Möbius von der preußischen Regierung den Auftrag, zu prüfen, ob nicht Austernkulturen im Wattenmeer angelegt werden könnten. Möbius kam schließlich zu dem Schluss: Eine Austernzucht ist in Deutschland nicht möglich.

Möbius sollte vorerst Recht behalten. In den 1920er Jahren wurden mehrfach Millionen Saataustern im Wattenmeer ausgebracht – ohne Erfolg. Die Europäische Auster wollte im Wattenmeer nicht mehr heimisch werden. Sie ist damit ein besonders frühes Opfer der Überfischung.

Menschlicher Einfluss schadet seit dem Mittelalter

Doch ob die Fischerei die alleinige Schuld am Verschwinden der Auster trägt, wird in neueren Studien infrage gestellt. Im vergangenen Jahr fanden Forscher des AWI in der Nähe der Insel Helgoland eine fossile Austernbank und stellten fest: Schon vor dem Beginn der starken Befischung ging es den Austern in der Nordsee nicht immer gut. Die Altersanalysen ergaben, dass die Austernbank bereits im frühen Mittelalter menschlichen Einflüssen ausgesetzt war: Durch das Roden von Wäldern, der Landwirtschaft und durch Sturmfluten gelangte so viel Sediment in die Nordsee, dass die Austern teilweise darunter verschwanden.

Dass die Europäischen Austern sehr genau an ihre Umgebung angepasst waren und es große genetische Unterschiede zwischen den Muscheln verschiedener Standorte gab, konnte indes Sarah Hayer zeigen. Der Biologin gelang es, DNA-Material aus den Schalen der jahrhundertealten Muscheln zu gewinnen. Vor allem bei der Auster aus dem nordfriesischen Wattenmeer fand sie große Unterschiede. „Sie scheint genetisch sehr stark an ihre Umgebung angepasst gewesen zu sein“, sagt Hayer. „Deshalb vermuten wir, dass ihnen nicht nur die Fischerei, sondern auch die sich verändernden Umweltbedingungen im Wattenmeer zugesetzt haben.“

Eine mächtige Filtermaschinerie

Welche Gründe es auch immer waren, fest steht: Mit der Europäischen Auster ist eine ganze Gemeinschaft verschiedener Lebewesen verschwunden. Als Karl Möbius vor über 150 Jahren die Europäische Auster studierte, prägte er den Begriff der Biozönose und legte damit einen wichtigen Grundstein für die moderne Ökologie. Möbius zeigte, wie verschiedene Arten untereinander und mit der sie umgebenden Umwelt in Wechselwirkung stehen: Mit ihren Riffen bildeten die Austernbänke einen einzigartigen Lebensraum für die unterschiedlichsten Tiere und Organismen. Zudem bildeten sie eine mächtige Filtriermaschinerie: Jede einzelne der Millionen einst heimischen Muscheln filtriert eine ganze Badewanne pro Tag an Nordseewasser. Heute wissen wir: Solche „Ökosystemleistungen“ sind unbezahlbar. Das Bundesamt für Naturschutz sowie das AWI auf Helgoland haben 2016 das Projekt Restore gestartet, um die Europäische Auster zurück in deutsche Nordsee zu bringen. Diesmal aber dort, wo die Austern einst heimisch war: in 30 bis gut 40 Meter Tiefe.

Kleinere Wachstumsversuche in der Nähe Helgolands seien schon sehr erfolgreich gewesen, meint Bernadette Pogoda: „Die Tiere sind sehr gut und schnell gewachsen und waren viel schneller geschlechtsreif, als wir erwartet hätten.“ Sogar kleine Larven konnten die Forscher schon finden.

Im letzten Jahr wurden nun 100 000 Austern in einem Meeresschutzgebiet weit draußen vor der ostfriesischen Insel Borkum ausgebracht. Im Sommer, so erzählt Pogoda, werde man mit Kamera und Tauchern nachschauen, wie es den Muscheln seit dem Aussetzen im Juli 2020 ergangen ist.

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