Was sich für Schulen im Kreis Esslingen ändert Ist die Bildungsreform der Todesstoß für die Werkrealschulen?

Vieles deutet darauf hin, dass den Werkrealschulen das Wasser abgegraben wird. So sollen sie keinen mittleren Abschluss mehr anbieten können. Foto: stock.adobe.com/Kzenon

Die Haupt- und Werkrealschulen kämpfen seit Jahren mit sinkenden Schülerzahlen. Jetzt plant die Regierung Reformen. Unter anderem wird der Werkrealschulabschluss fallen und es soll mehr Verbundschulen geben. Ist dies das Aus für viele Schulen?

Reporter: Petra Pauli (pep)

Seit dem Volksantrag zu G 9 kommt Bewegung in die Bildungslandschaft. Nicht nur der langsamere Weg zum Abitur samt verbindlicher Grundschulempfehlung für das Gymnasium wird wieder eingeführt. Die Reformen, auf die sich die grün-schwarze Koalition geeinigt hat, betreffen auch andere Schularten, allen voran die Werkrealschulen. Bisher dürfen Hauptschulen bei entsprechenden Anmeldezahlen ein zehntes Schuljahr anbieten, damit ambitionierte Schülerinnen und Schüler ähnlich wie an der Realschule einen mittleren Bildungsabschluss erwerben können. Dieser Werkrealschulabschluss wird abgeschafft.

 

Was bedeutet das für die Schulen im Kreis Esslingen? Noch sei das unklar, sagt Corina Schimitzek, Leiterin des Staatlichen Schulamts in Nürtingen, bislang habe sich die Regierung nur auf ein grobes Ziel geeinigt. So viel stehe aber fest: Das Ende des Werkrealschulabschlusses bedeute nicht automatisch das Aus für die entsprechenden Schulen. „Derzeit wird kein Standort geschlossen“, stellt Schimitzek klar. Der geschäftsführende Schulleiter der Kirchheimer Schulen und Rektor der Grund- und Werkrealschule Alleenschule, Thorsten Bröckel, sieht in der geplanten Reform eine Schwächung der Schulart. „Die Attraktivität leidet weiter, wenn uns die Möglichkeit genommen wird, ebenfalls die Mittlere Reife anzubieten“, sagt er, „zumal wir auch in der Namensgebung wieder auf den Begriff Hauptschule zurückfallen.“ Das sei ein Rückschlag für die Anstrengungen der Kolleginnen und Kollegen, um die Schülerinnen und Schüler auf dem G-Niveau bestmöglich zu fördern und zu unterstützen. Auch Katharina Klink, Vorsitzende der GEW-Landes- und Bundesgruppe Hauptschulen/Werkrealschulen, befürchtet ein Ausbluten. „Die Hauptschulen sollen laut Landesregierung in Schulverbünden und Gemeinschaftsschulen aufgehen, sodass sie auch ohne offizielle Schließungen von der Bildfläche verschwinden“, sagt die Vertreterin der Bildungsgewerkschaft bitter.

Viele Kommunen im Kreis ohne Hauptschule

Sieben Werkrealschulen gibt es noch im Kreis Esslingen, aber nicht an allen Schulen kommt in jedem Jahr eine Eingangsklasse mit den erforderlichen 16 Schülerinnen und Schülern für den Werkrealschulabschluss zusammen. Andere Kommunen haben wegen sinkender Anmeldezahlen ihre Hauptschulen schon seit Längerem auslaufen lassen, Esslingen etwa im Jahr 2020.

Jahrgang 2024/25 kann den Werkrealschulabschluss noch machen

Vorerst müssen sich die Hauptschülerinnen und Hauptschüler, die die zehnte Klasse anpeilen, wohl trotz Reform keine Sorgen machen. „Selbstverständlich gibt es im kommenden Schuljahr 2024/25 nochmals den Werkrealschulabschluss“, unterstreicht die Schulamtsdirektorin, die entsprechenden Klassen seien bereits eingerichtet. Wie es danach weitergeht? Das sei offen, aber das Kultusministerium arbeite mit Hochdruck daran, die Reform mit Inhalten zu füllen, so Schimitzek. „Ich verstehe die Sorgen, aber es ist zu früh, um sich aufzuregen, wenn so wenig feststeht“, beschwichtigt die Direktorin.

„Die Stimmung ist sehr bedrückt“

„Die Stimmung unter den Lehrkräften und den Schulleitungen ist sehr bedrückt und voller Unverständnis“, sagt GEW-Schulexpertin Katharina Klink, „wir sehen kein echtes Konzept hinter den Änderungen der Landesregierung und wir haben große Sorge, dass unsere Schülerinnen und Schüler unter die Räder kommen.“ Schulverbünde, die im Übrigen nichts Neues sind, würden dem Förderbedarf der Hauptschüler nur dann gerecht, wenn gleichzeitig Charakter und Arbeitsweise der Hauptschulen erhalten bleiben, betont Klink, die selbst an einer Verbundschule unterrichtet. Sie befürchtet aber, dass eine solche Gleichberechtigung künftig aufgegeben wird. Rektor Bröckel hält Verbünde nur dann für sinnvoll, wenn Werkrealschulen und Realschulen einen gemeinsamen Campus haben oder in unmittelbarer Nähe zueinander liegen. „Sind die Standorte räumlich getrennt, sehe ich größere logistische und organisatorische Schwierigkeiten, zumal ein Schulverbund ja nur eine Schulleitung hätte“, sagt er.

Kommt ein Zusammenrücken in der Bildungslandschaft?

Für Corina Schimitzek haben die Hauptschulen weiterhin ihre Berechtigung. „Sie ermöglichen es Kindern, die sich schwertun, einen Abschluss zu machen. Das ist die große Stärke, die man hervorheben muss“, so Schimitzek. Dass es Reformen gibt und dabei nicht nur die Gymnasien in den Blick genommen werden, findet sie positiv. „Das wird zu einem Zusammenrücken in der Bildungslandschaft und zu Ideen führen, die wir bislang vielleicht nicht auf dem Schirm hatten“, ist Schimitzek optimistisch. Im Übrigen sei so mancher Eckpfeiler der Reform gar nicht neu: Der Werkrealschulabschluss könne bereits jetzt wegfallen, wenn an einer Schule zwei Jahre in Folge die erforderliche Schülerzahl nicht zusammenkommt. Katharina Klink hält dagegen, dass die zehnte Klasse gerade auch für die sehr schwachen Schülerinnen und Schüler eine wichtige Funktion habe, weil die ihnen mehr Zeit gibt.

Sieben Standorte im Landkreis

Abschluss
Der Werkrealschulabschluss, den es nur in Baden-Württemberg gibt, ist ein mittlerer Bildungsabschluss und damit dem Abschluss der Realschule gleichgestellt. Er kann an den Werkrealschulen nach der zehnten Klasse abgelegt werden. Eingeführt wurde er 2010. Zudem können Schülerinnen und Schüler auf der Werkrealschule nach Klasse 9 oder Klasse 10 den Hauptschulabschluss machen.

Rückläufige Zahlen
Die Zahl der öffentlichen Haupt- und Werkrealschulen im Land geht seit Jahren zurück. Im vergangenen Schuljahr gab es noch 229, fünf Jahre zuvor waren es 583. Die beliebteste Schulart ist seit Jahren das Gymnasium. Den jüngsten Anmeldezahlen bei den weiterführenden Schulen, die das Kultusministerium jetzt vorgelegt hat, wechseln 43,26 Prozent dorthin, 34,42 Prozent auf die Realschulen, 16,35 Prozent wollen auf eine Gemeinschaftsschule, 5,98 Prozent sind für das Schuljahr 2024/25 an einer Hauptschule angemeldet.

Schulen im Kreis
Im Landkreis Esslingen gibt es derzeit noch sieben Werkrealschulen: in Nürtingen, Filderstadt-Harthausen, Leinfelden-Echterdingen, Kirchheim, Lenningen, Weilheim und Neckartenzlingen.

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