Was taugt der Kinofilm über John Cranko? Der gute Mensch vom Eckensee

Sam Riley als John Cranko Foto: Verleih

Joachim A. Lang würdigt in einem Biopic die Ballettlegende John Cranko – empathisch und unterhaltsam.

Von einem stählernen Korsett umschlossen, harrt das Skelett des Stuttgarter Hauptbahnhofs auf seine Wiederauferstehung als Wahrzeichen von „The Länd“. Schön konnte man den monumentalen Koloss auch im intakten Zustand nicht nennen, dafür funktional und recht zuverlässig. Elegante Linien in Bewegung exportierten lange Zeit nur Mercedes-Benz und Porsche aus Schwaben in die Welt. Um das immaterielle „Stuttgarter Ballettwunder“ der 1960er Jahre zu ermöglichen, musste sich erst ein schlaksiger, schwuler, Kette rauchender Südafrikaner namens John Cranko aus London ans Opernhaus am Eckensee aufmachen.

 

Cranko hat mit seiner emotionsbetonten, neo-klassischen Tanzsprache viel für Stuttgart und das sachlich-bruddelige, technikversessene Württemberg getan. Ballettverrückte Teenager auf der ganzen Welt würden heute ihr letztes Tutu für eine Ausbildung an Crankos berühmter Schule geben. Und Fans jeden Alters, Geschlechts und jeder Herkunft bestaunen Kunst und Körper der von dessen Ideen geprägten Tänzerinnen und Tänzer. Der Filmemacher Joachim A. Lang liefert in „Cranko“ das lebendige Porträt des früh verstorbenen, inzwischen zur Legende erstarrten Charakterkopfes - auf Basis intensiver Recherchen und Gespräche mit dessen noch lebenden Weggefährten.

Gefeuerte Primaballerina

Als Cranko (stark: der Brite Sam Riley) 1961 ins provinziell verschlafene Stuttgart kommt, ist er auf der Flucht, schildert Lang. In London hatte er wegen „unsittlicher Handlungen“ mit einem Mann ein Arbeitsverbot kassiert, in Stuttgart kann er dagegen von Vorurteilen unbehelligt arbeiten. In Walter Erich Schäfer (Hanns Zischler), dem Generalintendanten der Württembergischen Staatstheater, findet Cranko einen pragmatischen, erstaunlich aufgeschlossenen Förderer, der den jungen Choreografen nach schwäbischer Manier schaffen lässt.

Der krempelt erst einmal das Ensemble nach seinen Vorstellungen um, feuert eine mental eingerostete Primaballerina, um die Brasilianerin Márcia Haydée (Elisa Badenes) ins Zentrum seiner Kompanie zu stellen – obwohl die nicht dem damaligen Schönheitsideal entspricht und auch technisch Crankos Chef enttäuscht. Mit Haydée, Birgit Keil (Rocio Aleman) und den Männern Egon Madsen (Henrik Erikson), Richard Cragun (Marti Fernandez Paixa), Heinz Clauss (Friedemann Vogel) und Jason Reilly (Ray Barra) schreibt Cranko binnen kürzester Zeit deutsche Tanzgeschichte neu, was Joachim A. Lang anhand einzelner ikonischer Arbeiten ab dem Durchbruch mit „Romeo und Julia“ (1962) über Werke wie „Onegin“ (1965), „Opus 1“ (1965), „Initialen R.B.M.E“ (1972) und der brisanten, vom Publikum ausgebuhten Produktion „Spuren“ (1973) schlaglichtartig beleuchtet. Wer nicht mit den Stücken und Tänzerpersönlichkeiten vertraut ist, wird sich mit Langs empathischer, oft humorvoller Darstellung dennoch nicht langweilen, weil er viel mehr liefert als bloß die historisch korrekte Nachzeichnung einer außerordentlichen Karriere.

Voller Stolz, Dankbarkeit und Melancholie

Langs ehrgeiziger Ansatz verknüpft das Künstler-Biopic mit dem Tanzfilm, ein nicht gerade einfaches Unterfangen, unter anderem, weil Schauspieler und Tänzer im Dialog interagieren, was leicht schief gehen kann, hier aber gelingt. Noch dazu gibt der Film einen Eindruck von den sozialen Bedingungen künstlerischer Prozesse, knapp zwanzig Jahre nach Kriegsende unter dem damaligen Zeitgeist. Als Südafrikaner hat Cranko seinen Pass abgegeben, weil er mit dem rassistischen Apartheidsregime nichts zu tun haben will. In Stuttgart trifft er auf einen Intendanten, der einst als NSDAP-Mitglied Karriere gemacht hat. Eine spannende, damals jedoch fast typisch deutsche Konstellation, weil nach dem Krieg immer wieder NSDAP-Anhänger, Opfer und Gegner im Alltag aufeinander trafen. Schon dieses schräge Arbeitsverhältnis alleine gäbe Stoff für einen Film ab, in Langs dichter Erzählung ist das nur ein interessanter Aspekt von vielen.

Cranko selbst beschreibt er als schwermütigen, manischen, manchmal auch drollig wehleidigen Workaholic, der Unmengen Zigaretten und Alkohol konsumiert und meist nur kurzlebige Liebschaften mit Männern unterhält, die den feinsinnigen Intellektuellen grausam ausnutzen. Der Film enthüllt jedoch auch die harschen Seiten Crankos, dessen Hang, Tänzer entweder in den Himmel zu heben oder mit bloß einem Satz in Grund und Boden zu stampfen. Lang interpretiert das jedoch nicht als anti-soziale Launenhaftigkeit eines Egozentrikers, sondern als Folge von dessen Alkoholismus und einer impulsiven Unbeherrschtheit, für die sich Cranko reumütig wieder entschuldigt. Mit Blick auf den unkritischen Geniekult und die aggressive Theaterpraxis der 1960er Jahre, als Regie-Berserker wie Peter Zadek sowohl dem Publikum als auch den Akteuren auf der Bühne das Fürchten lehrten, erscheint der verletzliche, fehlbare Cranko geradezu als Lichtgestalt.

Joachim A. Langs Perspektive auf das Stuttgarter Ballettwunder wird allerdings auch durch die Sicht derjenigen geprägt, die entscheidenden Anteil daran hatten, und die sich voller Stolz, Dankbarkeit und Melancholie an die für sie so wichtige Lebensphase erinnern. Angesichts der inzwischen etwas offeneren Debatte um toxische Arbeitsbedingungen in Kulturbetrieben kann man diese sehr liebevolle Würdigung John Crankos auch als Mahnung verstehen, die utopische Vorstellung vom guten, menschlichen Künstler nicht aufzugeben.

Cranko. Der Film startet am 3. Oktober bundesweit in den Kinos.

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