Was will man eigentlich in Grönland? Kein Land für Vegetarier

Kalt und ansonsten auch nicht viel geboten: Grönland. Foto: imago/UIG/MARTIN ZWICK

US-Präsident Trump hat verkündet, er wolle Grönland kaufen. Der österreichische Bestseller-Autor Franzobel schildert für uns seine Eindrücke von der größten Insel der Erde und fragt: Was will man dort, wenn man kein Klimaforscher ist?

Der Mensch, so lautet eine Weisheit der Inuit, darf am Lauf der Welt teilhaben, ihn aber nicht verändern. Leider halten sich die wenigsten daran. Wenn man nach dem wahren, echten Leben sucht, wird man im Norden Grönlands fündig.

 

Qaanaaq, 77. Breitengrad, die nördlichste Stadt der Welt, vielleicht die einzige, in der noch kein Regionalkrimi spielt. 300 Einwohner, ein einziges Hotel mit fünf Zimmern, kein Gastronomiebetrieb, eine Ärztin, Plumpsklos, kaum Straßen, so gut wie keine Autos. Keine Kreuzfahrtkolosse, dafür kommt zweimal im Jahr das Versorgungsschiff aus Dänemark, um die Supermarktregale aufzufüllen. Flugzeuge, Propellermaschinen der Air Greenland, gehen nur alle drei, vier Tage. Es gibt belebtere Orte als diese Siedlung aus bunten Holzhäusern.

Viel Platz für wenig Menschen

In ganz Grönland leben so viele Menschen wie in St. Pölten, auf einer Fläche, die fünfundzwanzigmal so groß ist wie Österreich, wobei der Großteil davon mit Eis bedeckt ist, einem gigantischen, kilometerdicken Gletscher, dessen Abschmelzen den Meeresspiegel um sechs Meter heben würde. Die Inuit glaubten früher, in diesem Inlandeis wohnten die Geister der Toten und menschenfressende Riesen.

Vielleicht ist in dieser gigantischen Fläche, wo nichts sein sollte, alles? Heute werden dort Bohrungen durchgeführt, um das CO2 in der Atmosphäre vergangener Jahrhunderte zu messen. Ergebnis: In der Gegenwart ist der Kohlendioxidgehalt um 80 Prozent höher als jemals zuvor.

Toll für Klimaforscher, aber sonst?

Qaanaaq, Nordgrönland. Was will man an so einem abgeschiedenen Ort, wenn man kein Klimaforscher ist? Mich hat es dahin verschlagen, weil ich für meinen nächsten Roman recherchieren wollte. Tatsächlich ist die Landschaft atemberaubend. Die mächtigen Eisberge im Meer gleichen Palästen oder Kathedralen, der schmale Küstenstreifen besteht aus kargen Geröllwüsten – keine Bäume oder Büsche, nur winzige Blumen und Wollgras, das an Pusteblumen im Häschenpelz erinnert.

Kahle Berge, klare Gletscherbäche und die schier endlose Inglefield-Bucht, die eine fast unheimliche Ruhe ausstrahlt. Manchmal kann man das Schauben der nach Luft schnappenden Narwale hören, und im Winter sind Nordlichter zu sehen, die früher von den Eingeborenen für Nabelschnüre ungeborener Kinder gehalten wurden.

Wer hier überleben will, muss mit dem auskommen, was das Meer hergibt: Narwale, Robben, Walrösser – alles Meeressäuger, deren dunkles Fleisch gebraten an Wild erinnert. Die Inuit essen es auch roh, da schmeckt die Haut leicht nach Meer. Kein Land für Vegetarier. Früher war das einzige Grünzeug auf dem Speisezettel der Mageninhalt von Rentieren – Pesto auf grönländisch.

Heute bekommt man in Supermärkten zwar Gemüse, aber frisch kann das nicht sein. Dafür stehen vor allen Häusern Holzgestelle, auf denen sockengroße Fleischfetzen trocknen. Sie schmecken wie Beef Jerky mit Fleischmus, und werden zu Robbenfett verspeist, das auf der Zunge zerläuft wie warme Butter.

Kulinarik für Fortgeschrittene

Die Spezialitäten sind Narwalhaut mit Speck oder in einer jungen Robbe fermentierte Krabbentaucher, die von der Konsistenz schleimig und geschmacklich nahe beim Blauschimmelkäse sind. Mir wurde eine aufgeschnittene rohe Robbe angeboten. Gewöhnungsbedürftig. Einheimische zuzelten an Därmen und schwärmten von der frischen Leber.

Rodebay, Grönland Foto: imago/imageBROKER/Oliver Foerstner

In den zwei eisfreien Sommermonaten bewegt man sich mit Booten oder Kajaks, während im restlichen Jahr Hundeschlitten das bevorzugte Fortbewegungsmittel sind. Neues Thule wird Qaanaaq auf Dänisch genannt. Das alte befindet sich fünf, sechs Bootsstunden südlich, und wurde vor siebzig Jahren von den Amerikanern zwangsgeräumt, um dort eine nukleare Luftwaffenstation zu errichten.

Menschen ohne Lobby

In diesem militärischen Sperrgebiet gibt es Kinos, Sportanlagen, Bars und ein Bordell. Immer noch sind an diesem strategisch wichtigen Ort tausende Soldaten stationiert. Von nirgendwo sonst lässt sich Moskau so schnell treffen wie von hier. Was die Inuit davon halten, spielt keine Rolle – drollige Eskimos ohne Lobby, die von der Weltöffentlichkeit nicht wahrgenommen werden.

In Kanada ist das Wort Eskimo verpönt, die Grönländer lachen drüber. Sie sind ein freundliches, aber schweigsames Volk ohne Nachbarn oder Fremdenhass. Trotzdem weiß man nie, was sie über Weiße denken.

Dazu eine kleine Anekdote über den ersten Leiter der Handelsstation von Thule: Als dieser Peter Freuchen eintraf, kam eine Inuit-Frau, lachte überschwänglich und hörte nicht auf, ihn zu liebkosen. Er fragte, was los sei. Sie sagte, sein Anblick mache sie unendlich glücklich. Sie sei so froh, dass es ihn gebe. Warum? Bisher hatte sie geglaubt, ihre mit einem großen Zinken gestrafte Tochter sei der hässlichste Mensch der Welt, aber nun, da sie den langnasigen Freuchen sah, war bewiesen, es gab hässlichere.

Der Lebensraum ist ungastlich. Kein Holz. Die Inuit haben hier mit Erfindungsreichtum und Geschick überlebt. Bereits die aus Schichten bestehende Fellkleidung ist faszinierend: Hemden aus Vogelbälgern, Unterwäsche vom Schneehasenfell, Moos, damit die Innenstiefel trocken bleiben, Kapuzenbesatz aus Hundefell, weil darin der Schnee am wenigsten klumpt. Alles ausgeklügelt.

Im März und April kommen die Eisbären

Die alten Erdhäuser hatten Fenster aus zusammengenähten Robbendärmen, man kannte Bogenbohrer, Linksgewinde und raffinierte Waffen – so wurde die Harpune mittels eines Hebels geschleudert, bestand ihre Spitze aus drei Teilen, an dessen vorderstem die Leine mit der Fangblase hing.

Ohne lebensgefährliche Jagd, im März und April bekommt man es mit Eisbären zu tun, und wer ins eiskalte Wasser fällt, hat wenig Überlebenschance, hätten die Menschen hier nicht überlebt. Die Tiere wurden zwar erlegt und gegessen, aber es gab nichts, was nicht Verwendung fand. Man bedankte sich bei der Seele eines erlegten Tieres und zollte ihm Respekt, indem man ihm zu trinken gab.

Es gab keine Häuptlinge, und mit der Ehe nahm man es nicht so genau. Frauentausch. Glaubt man den Beschreibungen, ging es zu wie in einem arktischen Swingerklub. Allerdings war genau geregelt, wer mit wem durfte, um Inzucht zu vermeiden. Das Überleben hatte Priorität, und wer der Gemeinschaft zur Last fiel, wurde kurzerhand entsorgt.

Waisenkinder, so sich keine barmherzige Familie fand, Alte, die nicht mehr jagen oder Felle kauen konnten, Säuglinge mit Handicaps? Sie alle wurden erdrosselt oder Klippen hinabgestoßen. Warmherzigkeit und gnadenlose Brutalität lagen eng beisammen. Es gab keine Gerichtsbarkeit, die Dinge wurden untereinander ausgemacht. Die Geschlechterrollen waren eindeutig. Männer mussten Tiere erlegen, Frauen waren für die warme und vor allem dichte Kleidung verantwortlich. Überleben funktionierte nur gemeinsam.

Weiße Holzkreuze mit dänischen Namen

Auf den weißen Holzkreuzen der Friedhöfe finden sich vor allem dänische Namen: Morten, Birte, Mats, Mathilde, Magnus . . . Die Leute wurden getauft, aber der sonntägliche Gottesdienst in Qaanaaq wird kaum besucht. Wie sehr der alte Glaube an Meeres- und Windgöttin, den Mondmann, die Eingeweidefresserin und andere Wesenheiten noch praktiziert wird, kann ich nicht beurteilen. Die atemberaubende Landschaft würde es jedenfalls begünstigen.

Heute ist vieles anders. Die Leute versuchen zwar, ihre traditionelle Lebensweise zu bewahren, aber bereits Kleinkinder spielen mit Handys, die Erwachsenen lieben Chips und Cola. Am Strand habe ich nicht nur viele Walskelette gesehen, sondern auch halbverrottete Schlittenhunde, die man dort entsorgt hat. Daneben eine weit zu riechende Mülldeponie, auf der neben Unmengen an Sperrmüll tausende schwarze Müllsäcke liegen – die Plumpsklo-Innereien. Löcher kann man im felsigen Boden nicht graben, für den Verrottungsprozess fehlt Erde.

Grönländer wollen unabhängig sein

Inuit sind kein serviles Volk. Im ganzen Land gibt es kein einziges grönländisches Restaurant, nur Thai, Singhalesen oder Dänen. Grönländer wollen unabhängig sein. Ob das funktioniert, wenn die reichen Staaten nach den Bodenschätzen gieren? Noch ist Dänemark eine Art böse Schwiegermutter, die das Kind mit Süßigkeiten (Sozialleistungen) und Schutz (Landesverteidigung) versorgt. Nicht alle Inuit sind damit glücklich. In ihren Augen sind Westler geschwätzig, aufdringlich und – in ihren Augen ein besonderes Laster – unbescheiden.

Die Natur ist wunderbar, mächtig, aber auch brutal. Selbstmord und Alkoholismus sind virulent. Aber die in sich ruhenden Menschen sind faszinierend. Wir können viel von ihnen lernen. Und sei es nur, dass wir am Lauf der Natur zwar teilhaben, ihn aber nicht verändern dürfen.

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