Was wird aus der Zentralen Stelle für NS-Verbrechen? Die roten Akten aus Ludwigsburg

Auf den Ludwigsburger Ermittlungen bauen Anklagen gegen ehemaliges KZ-Personal auf. Foto: dpa/Bernd Wüstneck

Noch studieren die Ermittler der Zentralen Stelle Listen mit den Namen von KZ-Mitarbeitern, um NS-Unrecht zur Anklage zu bringen. Wie arbeitet man in einem Haus, das schon jetzt Staatsanwaltschaft, Archiv und Forschungsstelle in einem ist?

Familie/Bildung/Soziales: Hilke Lorenz (ilo)

Ludwigsburg - Wenn wieder eine rote Akte in die Post geht, beginnt in Ludwigsburg das Warten. Denn längst nicht jede Recherche schafft es in einen roten Pappdeckel. Die Vorermittlungen dauern meist lange und werden mit den Jahren immer mühseliger. Aber wenn Thomas Will (60), der Leiter der Ludwigsburger Ermittlungsbehörde mit dem langen Namen Zentrale Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen – kurz: Zentrale Stelle –, eine Abgabeschrift unterzeichnet, ist das ein deutliches Signal. Dann geht es um das Morden in den Vernichtungs- und Konzentrationslagern der Nationalsozialisten und um die Beihilfe dazu. Manchmal dauert das Warten in Ludwigsburg mehrere Jahre. So lange eben, bis die zuständige Staatsanwältin oder der Staatsanwalt wirklich Anklage erhebt oder entscheidet, dass die Beweise nicht ausreichen.

 

Thomas Will sitzt in seinem unscheinbaren Büro. Seit Oktober leitet der Oberstaatsanwalt die Behörde. Seit 2003 ist der Franke hier tätig, lange Jahre als stellvertretender Leiter. Fernsehteams, Reporter und auch Juristen aus aller Welt kommen regelmäßig in die Schorndorfer Str. 58, um zu erfahren, wie die deutsche Justiz mit über 75 Jahre zurückliegenden Verbrechen umgeht.

1,75 Millionen Karteikarten

Draußen auf dem Gang hängen Schwarz-Weiß-Bilder von Wills Vorgängern. Sechs an der Zahl. Einen Stock tiefer liegt die Zentralkartei. 1,75 Millionen Karteikarten halten die Namen von Akteuren im Konzentrationslagern und Einsatzgruppen und auch deren Opfer fest. Zeugenaussagen von 700 000 Überlebenden liegen dort. „Das ist unser Herzstück“, sagt Will, während er eine Schublade öffnet und die Karteikarten zeigt, auf denen der Name John Demjanjuk steht.

Seit das Münchner Landgericht 2011 John Demjanjuk, den die KZ-Insassen in Sobibor Ivan den Schrecklichen nannten, wegen der Beihilfe zum Mord in 28 060 Fällen zu einer Gefängnisstrafe von fünf Jahren verurteilt hat, gehen wieder mehr rote Mappen auf den Weg. Seitdem ermitteln sie in Ludwigsburg auch gegen SS-Wachmänner wie Reinhold Hanning oder den Auschwitz-Buchhalter Oskar Gröning, die nicht eigenhändig getötet haben, wegen der Beihilfe zum Mord. Der Bundesgerichtshof hat diese Rechtsauffassung 2016 bestätigt.

In Wills Büro stehen einschlägige Werke zur NS-Geschichte im Regal. An der Wand hängt eine historische Landkarte Deutschlands aus dem Jahr 1944. Für Will ist sein Arbeitsplatz ein Ort, an dem der Strafverfolgungsauftrag unverändert die Richtung vorgibt. Aber er sei gleichzeitig auch „ein Spiegel der deutschen Nachkriegsgesellschaft, eine Art Geschichtsunterricht“. Diese Mischung macht das schmucklose ehemalige Frauengefängnis zu einem besonderen Ort.

Sie ermitteln bis zum Ende

Will geht sehr routiniert mit der Frage um, die er bei jedem Gespräch so sicher wie das Amen in der Kirche hört: Wie lange arbeiten Sie hier noch? Und was kommt danach? „Wir ermitteln uneingeschränkt, solange es die Zentrale Stelle gibt“, sagt Will dann. Ein Dazwischen gebe es nicht. Für die nächsten zwei Jahre hat er gerade zwei freie Stellen neu besetzt. Dann arbeiten mit ihm zusammen wieder acht Ermittler in Ludwigsburg. Rechnungen wie die, dass theoretisch bis ins Jahr 2031 gegen bei Kriegsende 14-Jährige, die dann 100 Jahre alt sind, ermittelt werden könne, stellt Will nicht an.

Für alles Weitere verweist er stattdessen an die Politik. Wie der Name Zentrale Stelle sagt, wird sie durch 16 Bundesländer finanziert. Federführend ist das baden-württembergische Justizministerium unter Guido Wolf (CDU) als Vertreter des Landes, in dem die Stelle 1958 ihre Arbeit aufgenommen hat. Wolf legt Wert darauf, „dass das Ende der Vorermittlungen weiterhin nicht konkret absehbar ist. Gerechtigkeit ist keine Frage der Fallzahlen, wir sind es den Opfern schuldig, so lange nach Verdächtigen zu suchen, wie es möglich ist.“ Aber natürlich stelle sich mehr und mehr die Frage, was aus der Zentralen Stelle in Zukunft werde.

Das Kuriose: Zu Beginn ihrer Arbeit waren die Ermittler in Ludwigsburg alles andere als erwünscht, galten als Nestbeschmutzer, wurden beschimpft. 62 Jahre später mag sich die Stadt niemand mehr ohne die Zentrale Stelle vorstellen. Der Ludwigsburger Oberbürgermeister Matthias Knecht und der Förderverein Zentrale Stelle machen sich für die Überführung dieser für sie einmaligen bundesrepublikanischen Institution in einen Erinnerungs-, Lern- oder Demokratieort stark. „Wir sind am Übergang vom Ermitteln zum Vermitteln“, sagt die Juristin Ingrid Hönlinger, die Koordinatorin Neue Zentrale Stelle bei der Stadt Ludwigsburg. Auch sie sagt: „Es ist wichtig, dass bis zum letzten Tag ermittelt wird. Aber man muss jetzt auch Pflöcke einrammen, um danach nicht eine Phase der Leere zu haben. Denn dann wäre die Arbeit gefährdet.“ Mit OB Knecht ist sie sich einig: Es geht an dem neuen, nach ihrer Vorstellung sehr viel offeneren Ort um Rechtsstaatlichkeit, Demokratie und Menschenrechte.

Bundesarchiv ist seit 2000 im Haus

Wobei das Haus mit der Zentralen Stelle schon jetzt mehr als eine reine Staatsanwaltschaft mit Sonderauftrag ist. Die Universität Stuttgart unterhält hier seit 2004 eine Forschungsstelle und arbeitet mit den Akten, welche die Ermittler als Archivgut abgeben. Für Martin Cüppers, der die Stelle leitet, haben die Ludwigsburger Quellen „einen großen Wert als Überlieferung zur NS-Verbrechensdimension“. Seit 2000 ist auch das Bundesarchiv Koblenz, zuständig für die Archivierung der Akten der Bundesbehörden, einer der Akteure vor Ort – in einer etwas diffizilen Funktion. Einerseits sind die fünf Mitarbeiter da, um die von den Ermittlern abgelegten Akten aufzubewahren und für die Nutzung durch Forschung und andere Interessenten zugänglich zu machen.

Und gleichzeitig kann es sein, dass dieselben Akten für neue Ermittlungen wieder gebraucht werden. Peter Gohle, der das Bundesarchiv vor Ort vertritt, beschreibt seine Arbeit als „eine Operation am offenen Herzen“. So sieht es auch Michael Hollmann, der Leiter des Bundesarchivs Koblenz. „Um die Akten dauerhaft konservatorisch zu sichern, müssen wir sie zentral nach Koblenz holen“, sagt er. In diesem Punkt gehen die Meinungen der Zukunftsplaner auseinander.

Hollmanns Plan: In einem Lesesaal der wie auch immer gearteten Neuen Zentralen Stelle könnten die Nutzer dann mit Digitalisaten, also Duplikaten, arbeiten. Ein Großteil der Bestände sei schon mikroverfilmt und werde nun in den nächsten Jahren digitalisiert. Das Angebot des Präsidenten des Landesarchivs, Gerald Maier, die Bestände der Zentralen Stelle als Depositum unentgeltlich im Magazin des Staatsarchivs Ludwigsburg zu lagern, stößt bei Hollmann auf wenig Gegenliebe. Für den Oberbürgermeister Knecht hat Archivmaterial, das man wirklich lesen und spüren kann, einen besonderen Wert in der Vermittlungsarbeit. Die leistet das Bundesarchiv bereits mit der Dauerausstellung „Die Ermittler von Ludwigsburg“ im Torhaus, im Außenbereich der Zentralen Stelle gelegen.

Steffen Bilger: Weichen jetzt stellen

Dass ein Begegnungsort entstehen soll, haben die Landesjustizminister 2015 schon erklärt. Der Weg dorthin scheint jedoch kompliziert, wenn man bedenkt, dass schon seit 2000 über ihn diskutiert wird. Im Rahmen eines Workshops hat der wissenschaftliche Beirat des Bundesarchivs Koblenz, Außenstelle Ludwigsburg nun ein Strategie- und Zukunftskonzept erarbeitet. „Mal wieder“, sagen die, welche die Endlosdiskussion als Déjà-vu-Erlebnis bezeichnen. „Es ist jetzt der richtige Zeitpunkt, um die Weichen für die Zukunft der Zentralen Stelle zu stellen“, sagt Steffen Bilger, Staatssekretär im Bundesverkehrsministerium und CDU-Bundestagsabgeordneter für den Kreis Ludwigsburg. Dazu gehört für Bilger auch, dass sich die nächste Landesregierung genauso wie die aktuelle dem Projekt verpflichtet fühlt.

Aber noch packen die Ermittler ja weiter Päckchen mit roten Aktenmappen. Kirstin Baus (51) sitzt über einer Liste mit 2500 Namen. Sie nennt sie Sparkassenliste. Sie enthält die Namen der Frauen, die als Wärterin oder zur Ausbildung im Frauen-KZ Ravensbrück tätig waren und dafür ein Gehalt überwiesen bekamen. Für Baus, die für zwei Jahre ihren Schreibtisch als Richterin am Amtsgericht Gotha gegen den einer Ermittlerin in der Zentralen Stelle in Ludwigsburg eingetauscht hat, ist diese Kontenauflistung ein wichtiges Dokument. Sie versucht herauszubekommen, welche der Frauen noch leben und wann genau sie ihren Dienst im KZ taten. Das ist 75 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs und des Naziterrors mitunter Fleißarbeit und ein Warten auf die Antworten von Standes-, Einwohnermeldeämtern und Rentenversicherungsanstalten. Das braucht viel Geduld und eine hohe Frustrationstoleranz.

13 Fälle liegen aktuell bei Staatsanwaltschaften

Bis es dann doch wieder vorangeht. „Man bekommt sehr schnell mit, wenn ein Kollege die Nachricht bekommt, dass der Mann oder die Frau, nach der er forscht, noch lebt“, sagt Michael Otte (54). Er ist von der Staatsanwaltschaft Schwerin nach Ludwigsburg gekommen und sitzt über einer anderen Liste: 4500 Namen von Bediensteten des Konzentrationslagers Buchenwald stehen darauf. Auch zum Konzentrationslager Stutthof, das nicht als Vernichtungslager gedacht war, hat er ermittelt. Eine der Spuren endete am 23. Juli mit einem Urteil des Landgerichts Hamburg. Es verurteilte einen heute 93-Jährigen wegen Beihilfe zum Mord in 5232 Fällen. Er habe in seiner Funktion als Wachmann Häftlinge in Kenntnis der todbringenden Lebensumstände im Lager an Flucht, Revolte und Befreiung gehindert. 13 weitere Fälle liegen gerade bei den Staatsanwaltschaften. Es geht darin um Taten in dem Konzentrationslager Buchenwald, den Lagern Mauthausen und Neuengamme und Stutthof. 19 Personen, gegen die im Moment noch nicht ermittelt wird, haben Wills Kollegen als noch lebend ermittelt. Das ist ein großer Schritt. Es könnte nun in weiteren Verfahren auch darum gehen, ob Aufseher in Kriegsgefangenenlagern Insassen durch ihr Handeln oder Nichthandeln getötet haben. Sie werden wohl noch einige rote Mappen benötigen, bis endgültig Schluss ist.

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