Was wünschen sich junge Leute? Raus aus dem Krisenmodus – Stuttgarter Jugendliche machen Politik

Die beiden Schüler Emilia Sommer und Erik Tobien bringen bei der Landesjugendkonferenz in Stuttgart die Ideen ihrer Klassenkameraden ein. Foto: Lichtgut

Stuttgarter Schüler können bei der Landesjugendkonferenz mit Politikern über Themen wie Klimawandel und Hass im Internet diskutieren. Was bringt ihnen das?

Volontäre: Isabell Erb (erb)

Emilia Sommer will etwas tun. Denn wenn sie ihren Nachrichten-Podcast auf der Streaming-Plattform Spotify anmacht, fühlt sie eine Mischung aus Frustration und Besorgnis. Ukraine-Krieg, eine erstarkende Rechte, Klimawandel – wie viele andere Jugendliche beschäftigt die Schülerin die aktuelle weltpolitische Lage täglich. Nur – passiv zuzuhören, das ist für die 16-Jährige keine Option. Sie engagiert sich deshalb politisch, ist seit einigen Jahren Teil des Landesverbands der Grünen Jugend und des Stuttgarter Jugendrats.

 

Als Schulleiter Andreas Hamm-Reinöhl vom Geschwister-Scholl-Gymnasium in Stuttgart-Sillenbuch die Schülerin fragt, ob sie sich vorstellen kann, bei der Landesjugendkonferenz in Stuttgart dabei zu sein, sagt sie direkt ja. Dort wird ihr nämlich genau das versprochen, was ihr wichtig ist: mitreden und sich einbringen zu können.

Landesjugendkonferenz als Ort der Jugendbeteiligung

Aber von vorn. Die Landesjugendkonferenz ist eine Initiative des Kultusministeriums Baden-Württemberg. Sie soll Jugendlichen die Möglichkeit geben, sich politisch zu beteiligen, mit Landespolitikern auszutauschen und eigene Ideen vorzutragen. Insgesamt 400 Schüler werden bei der Landeskonferenz am 15. Juli im Haus des Sports, einem Veranstaltungszentrum in Stuttgart-Bad Cannstatt, zusammenkommen.

Gleichzeitig ist die Veranstaltung der Abschluss von 70 Jugendkonferenzen, die vorher an Schulen in ganz Baden-Württemberg stattfanden. Die Themen, die die Schülerinnen und Schüler dort diskutiert haben, bilden die Grundlage für den Austausch in Stuttgart. Zehn Themen waren es, neun hat das Ministerium vorgegeben, eins durften die Teilnehmenden selbst einbringen.

Schüler wünschen sich Jugendräte auf Bundes- und Landesebene

Mehr politische Aufklärung und Förderung für ehrenamtliche Organisationen wünschen sich die Jugendlichen zum Beispiel. Sie schlagen freiwillige Themenabende an Schulen vor, in denen sich die Teilnehmer zu politischen Themen austauschen und diskutieren können. Für die Ehrenämter wollen die Schüler mehr finanzielle Unterstützung, und sie halten es für sinnvoll, offizielle Treffen zur besseren Vernetzung und Zusammenarbeit ins Leben zu rufen.

Zudem fordern die Jugendlichen mehr Möglichkeiten zur Beteiligung auf Landes- und Bundesebene – ähnlich wie bei den Jugendräten in den Kommunen. Zehn feste Sitze im Bundestag schlagen die Schüler für gewählte Vertreter von 14 bis 18 Jahren vor.

Aufklärung über die Gefahren des Internets ist wichtig

Eine andere Gruppe hat sich mit der Frage beschäftigt, wie die Landesregierung die Digitalisierung an Schulen vorantreiben und den Umgang mit neuen Medien verbessern kann. Vorschläge machen die Schüler sowohl im Hinblick auf die mediale Ausstattung als auch auf den Lehrplan: Flächendeckende Glasfaseranschlüsse, Schul-WLAN für alle und Tablets für Oberstufenschüler sind Beispiele dafür.

Auch was den Unterricht angeht, sehen die Jugendlichen Verbesserungsbedarf. Sie wünschen eine bessere Aufklärung zur sicheren Nutzung und zu den Gefahren des Internets – Stichwort Fake News. Teil des Unterrichts sollte die Frage sein, wie Internetquellen gut überprüft werden können, so die Schüler – ebenso der Umgang mit KI-Anwendungen wie ChatGPT. Aus der Nutzung dürfe zwar kein ungerechter Vorteil für einige Schüler entstehen, ein Verbot fänden die Schüler aber nicht sinnvoll.

Teilnehmende der Landesjugendkonferenzen bringen Vorschläge ein

Dass die Vorschläge und Forderungen aus den schulinternen Jugendkonferenzen die Landespolitiker erreichen, dafür sind die Teilnehmenden der Stuttgarter Landesjugendkonferenz zuständig – wie etwa Emilia Sommer. Sie hat, gemeinsam mit Erik Tobien vom Wilhelms-Gymnasium, die Jugendkonferenz am Geschwister-Scholl-Gymnasium moderiert und die Ideen der Schüler zusammengetragen.

Emilia Sommer freut sich besonders auf den Austausch mit den anderen Schülern. „Ich glaube, dass es kreative Lösungsansätze gibt, an die wir vielleicht noch gar nicht gedacht haben“, sagt sie. Ähnlich äußert sich auch Erik Tobien. „Für mich ist es eine Chance, neue Leute und Perspektiven kennenzulernen“, so der 17-Jährige. Besonders, weil Schüler aus ganz Baden-Württemberg kommen. „Ich könnte mir vorstellen, dass sie ganz andere Sorgen und Wünsche an die Politik weitergeben werden als wir aus Stuttgart“, sagt Erik Tobien. „Zu sehen, dass es noch eine Welt da draußen gibt, in der Dinge wichtig sind, an die man selbst noch gar nicht gedacht hat, kann einen ja auch erden.“

Der erste Kontakt mit Kommunalpolitik

Zudem kommt der Schüler durch die Konferenzen zum ersten Mal mit der Kommunalpolitik in Kontakt. Sonst sei er eher ein stiller Beobachter, jemand, der die Nachrichten verfolgt und sie in den geschichtlichen Kontext einordnet – allerdings vor allem im Hinblick auf die Bundespolitik. „Aber Kommunalpolitik ist ja gerade der Ort, wo Demokratie gelebt wird, wo immer wieder neu ausgehandelt wird, wie eine Gemeinschaft zusammenlebt“, sagt er.

„Ich finde, dass man auf kommunaler Ebene am meisten erreichen kann“, sagt auch Emilia Sommer und bezieht sich dabei auf ihre Erfahrungen im Stuttgarter Jugendrat. Nicht selten bekommt sie dort jedoch auch die Grenzen zu spüren. „Es ist oft frustrierend zu sehen, was man eben nicht bewirken kann“, berichtet die 16-Jährige. „Man macht häufig die Erfahrung, dass man außer leeren Worte nicht viel bekommt.“

Die Elftklässlerin wird deshalb gespannt verfolgen, ob und welche Anregungen aus der Konferenz die Politiker tatsächlich umsetzen. Denn es sei zwar wichtig, Jugendlichen das Gefühl zu vermitteln, gehört zu werden. Wenn es aber nur dabei bleibe, nicht aber der Eindruck entstehe, dass die Politik auch etwas für die jungen Menschen tue, „dann fände ich das fast noch schlimmer“, sagt Emilia Sommer. „Das wäre dann eine Scheinpartizipation.“

Angebot muss niederschwellig sein

Außerdem wünscht sie sich, dass Angebote wie die Landesjugendkonferenz möglichst alle Schulformen erreichen. Im Stuttgarter Jugendrat hat sie nämlich die Erfahrung gemacht, dass vor allem an Gymnasien für die Teilnahme geworben wird. Zwar richtet sich die Landesjugendkonferenz an alle Jugendlichen ab 14 Jahren, trotzdem hat Emilia Sommer die Sorge, dass vor allem Schüler aus gut situierten Haushalten an der Konferenz teilnehmen werden – auch weil Jugendliche, die sonst weniger in Kontakt mit der Politik kommen, sich fehl am Platz fühlen könnten. „Wenn nur Teile einer Gesellschaft Demokratiebildung erfahren und andere Teile nicht, dann schadet das unserer Demokratie“, begründet sie ihre Sorge. Das Programm müsse also so niederschwellig sein, dass sich alle angesprochen fühlen.

„Ich glaube fest daran, dass politisches Engagement gegen Frust hilft“

Insgesamt blickt Emilia Sommer aber positiv auf die Initiative. „Ich würde schon sagen, dass Projekte wie die Landesjugendkonferenz Demokratie mit Leben füllen – und sie für Jugendliche so vielleicht auch greifbarer machen“, so die Schülerin. Vorausgesetzt natürlich, kommt auch etwas dabei heraus.

Wenn Emilia Sommer also ihren Nachrichten-Podcast anmacht, wenn Trump, Putin und Co. Sorge in ihr auslösen, will sie nicht darin verharren. Denn: „Diese Emotionen in politisches Engagement umzuwandeln, ist die einzige Möglichkeit, die wir haben“, sagt sie. „Ich glaube fest daran, dass politisches Engagement gegen Frust hilft.“

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