Waschbären breiten sich aus Waschbär-Experte Alexander Knauf: „Manche Häuser sind abrissreif“

Waschbären sind geübte Einbrecher, die große Schäden anrichten können. Foto: Britta Pedersen/dpa

Sie verwüsten Häuser, wühlen in Mülltonnen und schleppen Ungeziefer ins Haus: Waschbären sind auch im Kreis Böblingen auf dem Vormarsch. Was ein Experte dazu sagt.

Dunkle Knopfaugen, eine schwarze Zorro-Maske, struppiges, graues Fell – viele Menschen empfinden Waschbären als außergewöhnlich putzige Zeitgenossen. Aber sie sind auch sehr intelligent, extrem geschickt im Knacken von Schlössern und gefräßig. Deshalb stellen die Tiere in vielen Städten Deutschlands ein immer größer werdendes Problem dar. Auch im Kreis Böblingen tauchen die Kleinbären zunehmend auf. Grund genug für die Kreisjägervereinigung Böblingen (KJV BB), sich bei ihrer Jahreshauptversammlung in Bondorf mit den Vierbeinern zu beschäftigen.

 

Dazu haben sie den Waschbär-Experten Alexander Knauf eingeladen. Der 36-Jährige hat sich in Europas sogenannter „Waschbär-Hauptstadt“ Kassel mit der Jagd nach Waschbären und anderen Tieren wie Füchsen und Mardern im urbanen Raum selbstständig gemacht.

„Der Waschbär ist noch ein kleines Problem, kann aber bald ein großes werden.“

Timo Böckle, Kreisjägermeister

Waschbären suchten als Allesfresser gerne im Müll nach Lebensmittelresten, erklärte Knauf. Verschließbare Mülltonnen hätten bei der Waschbärenabwehr allerdings nur bedingt eine Wirkung, „weil die Tiere sehr intelligent sind und es schaffen, leichte Schlösser und Schließsysteme zu überwinden“ – teilweise sogar in Teamarbeit. Auch Schrauben könnten sie lösen, berichtet der Experte. „Einer knackte auch eine Katzenklappe für gechippte Katzen.“

Waschbären können Häuser stark beschädigen

Das sei aber nicht der einzige Weg, den Waschbären in Häuser fänden: Als hervorragende Kletterer nutzten die Tiere oft Fallrohre und kämen über Schornsteine ins Haus. Fotos von verwüsteten Dachböden und eingestürzten Zimmerdecken, die durch die tierischen Eindringlinge verursacht wurden, hat Alexander Knauf mitgebracht. Ebenfalls eindrücklich ist das Foto einer kaputten Schwimmbaddecke, durch die 15 Waschbären gepurzelt seien. Die Schäden, die Knauf gesehen hat, gingen teils in die Millionen: „Manche Häuser sind abrissreif!“ Und: Da Waschbären durch ihre Ausflüge zu Mülltonnen auch oft Eier von Schaben und Flöhen im Fell trügen, brächten sie außerdem noch Ungeziefer ins Haus.

Waschbären suchen ihr Essen in Mülltonnen. Foto: Eibner-Pressefoto

Aber auch vor der Haustür hat die steigende Waschbärenpopulation Folgen – und zwar für die Artenvielfalt. Nicht nur Schnecken, Würmer und Engerlinge, für die der Bär auch mal 25 Quadratmeter Rasen in einer Nacht umgräbt, sowie Amphibien wie Kröten, Molche und Salamander stehen auf seinem Speiseplan. Waschbären jagen außerdem auch Niederwild. „Hase, Kaninchen, Rebhuhn und Feldhamster sind bei uns kurz vor der Ausrottung. Auch Gartenvögel sind in Kassel fast verschwunden“, sagt Knauf.

Kassel als „Waschbär-Hauptstadt“

Aufgrund der Neugier der Tiere sei die Fangjagd vielversprechend, meint der Experte. Seine Beobachtung: Wenn durch diese Maßnahme die Wachbärenpopulation stark sinke, kehrten auch die Singvögel und weitere Arten zurück. Deshalb hält Knauf vom in Kassel verfolgten Kastrations- und Sterilisationsprojekt nichts: „Das Tier macht weiter Schaden im Niederwildbesatz und in den Häusern.“ Weil die Stadt lange nicht mit der Jagd auf die Tiere in Verbindung gebracht werden wollte, sei das immer dringlicher werdende Problem nicht angegangen worden, berichtet er von seinen Erfahrungen in der hessischen Stadt.

Und Kassel sei nun mal „ein Idealbiotop“ für Waschbären dank der Nähe zum Fluss Fulda und weiterer Zuflüsse. Inzwischen hätten die Tiere, von denen es geschätzt 30 000 im Kasseler Stadtgebiet gebe, jegliche Scheu vor Menschen verloren und seien teilweise sogar tagsüber unterwegs. Verschärft würde die Problematik, weil die Tiere in den Parks der Studentenstadt regelmäßig gefüttert würden.

So weit ist es im Kreis Böblingen bisher noch nicht gekommen. „Der Waschbär ist noch ein kleines Problem, kann aber bald ein großes werden“, hält Kreisjägermeister Timo Böckle als Fazit am Samstag fest. „Wir sind gut vernetzt, arbeiten eng mit den Veterinärbehörden und dem Landrat zusammen. Ich denke, wir kriegen das hin.“

Tierische Neubürger

Herkunft
  Waschbären stammen ursprünglich aus Mittel- und Nordamerika und wurden durch den Menschen nach Europa gebracht. Häufig wird die europäische Population der Tiere auf zwei Ereignisse in Deutschland zurückgeführt. 1934 wurden am hessischen Edersee nämlich zwei Waschbärenpaare erfolgreich ausgewildert. 1945 entstand dann eine zweite Population, als 25 Exemplare aus einer Pelztierfarm in Strausberg in Brandenburg entkamen.

Ausbreitung
 Die Population wird in Deutschland auf rund zwei Millionen Tiere geschätzt. Die erste Sichtung in Baden-Württemberg wurde im Jahr 1960 in Ludwigsburg verzeichnet. Nachdem es seit den 1980er Jahren vermehrt Nachweise in den nördlichen Landesteilen gab, deutet vieles darauf hin, dass sich der Waschbär immer weiter nach Süden ausbreitet. Den Landkreis Böblingen erobert er laut Beobachtung der Jäger aus Richtung Südosten.

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