Wasser in Stuttgart Vom Bärensee zur Bärenwiese

Das war einmal der Bärensee. Foto: Jan Sellner

Stuttgart könnte das Baden-Baden Württembergs sein. Leider zeigt sich die Stadt auf hartnäckige Weise wasserabweisend. Es gibt jedoch ein paar Tröpfchen Hoffnung. Eine Glosse von Jan Sellner.

Stadtleben/Stadtkultur: Jan Sellner (jse)

Stuttgarts Verhältnis zum Wasser – man muss es in aller Deutlichkeit sagen – ist ein Getrübtes. Diese Feststellung ist nicht neu. Man kann sie jedoch nicht oft genug wiederholen in der Hoffnung, das Dauer-Lamento möge etwas bewirken. Wie einst bei Cato dem Älteren, jenem mit allen Wassern gewaschenen Römer, der gebetsmühlenhaft forderte, Karthago müsse zerstört werden. Der feine Unterschied zu Stuttgart ist: Hier geht’s nicht um Zerstörung, sondern um einen Zugang zum Wasser, also um Erbauung. Übrigens war es das letzte Mal bei den alten Römern, dass in Stuttgart ein tieferes Verständnis für Wasser herrschte. Glücklicherweise haben sie in Bad Cannstatt ein Stück Badekultur hinterlassen. Die dort ansässigen, stets frisch geduschten Völkchen der Leuzianer und der Bergianer dürften von ihren römische Vorvätern und Vorbadern inspiriert sein.

 

Die „Stadt am Fluss“ entpuppt sich als Luftspiegelung

Ansonsten meidet Stuttgart das nasse Element wie der Teufel das Weihwasser. Die Gründe dafür sind rätselhaft. Liegt es daran, dass die City nicht nahe genug am Wasser gebaut ist? Zum Glück hat noch keiner versucht, den Neckar unter die Erde zu bringen. Ein Schicksal, das bekanntermaßen dem Nesenbach widerfahren ist.

Von Zeit zu Zeit gibt es Bemühungen, das Verhältnis Stuttgarts zum Wasser zu entkrampfen. Der frühere Oberbürgermeister Fritz Kuhn versuchte es mit Poesie. Er entwarf das Bild der „Neckarperlen“, die sich von Untertürkheim bis Münster aneinanderreihen sollten. Geplant war die Erschließung des Ufers durch attraktive Neckarzugänge. Seitdem ist viel Wasser die Bundeswasserstraße runter geflossen, doch bis heute wurden hier weder Perlen noch Perlenfischer gesichtet. Die „Stadt am Fluss“ entpuppt sich als Luftspiegelung. Ebenso die „Neckar-City“. Die Titel taugen allenfalls als Überschriften für ein Kabarettprogramm. In Wahrheit ist die Stadt wie seit Jahr und Tag wasserabweisend.

Die Berger Sprudler sind „technisch nicht mehr betriebsfähig“

Man kann schon froh sein, wenn das Thema hier und da noch vor sich hin plätschert und nicht ganz versiegt, wie es bei den berühmten Berger Sprudlern der Fall ist. Die im Stile von Geysiren erbauten Kegel waren ein Wahrzeichen der Bundesgartenschau 1977. Sie symbolisierten den Mineralwasserreichtum Stuttgarts. Tatsächlich hätte die Landeshauptstadt das Potenzial, eine Landesoase zu sein. Ein Baden-Baden Württembergs. Doch bis heute bleibt sie hinter ihren Möglichkeiten zurück. Die Berger Sprudler sind ein Sinnbild dafür. Zwei der zehn Brunnen mussten temporär abgebaut werden, die anderen acht sind „technisch nicht mehr betriebsfähig“, wie es bei der Stadt heißt. Das ließe sich ändern, wenn der Gemeinderat die notwendigen Mittel flüssig machte. Ist demnächst nicht Kommunalwahl? Römer würden Sprudler wählen!

Macht er Stuttgart zur Wasserstadt? OB Frank Nopper bei der Eröffnung des Möhringer Freibads. Foto: Lichtgut/Ferdinando Iannone

Ein paar Fünkchen – oder sollte man sagen Tröpfchen – Hoffnung gibt es dann doch! Die neue Wasserfontäne auf dem Marktplatz ist da zu nennen. Und der demnächst wiederhergestellte Marktplatzbrunnen. Oder zuvor die geglückte Sanierung des Mineralbads Berg. Hoffnung setzen Wasserfreunde auch in den amtierenden OB: Frank Nopper sorgte jüngst für Aufsehen, als er öffentlichkeitswirksam baden ging. Anlass war die Eröffnung der Freibadsaison in Möhringen. Die Bilder gingen um die Welt, wie man so sagt – zumindest gingen sie um den Kessel. Darf man daraus schließen, dass Nopper Stuttgart endlich zur Wasserstadt macht?

Andererseits: Blickt man zum Bärensee, stellt sich augenblicklich Ernüchterung ein. Über das entleerte Gewässer am Bärenschlössle beginnt bereits Gras zu wachsen. Die Sanierung verzögert sich. Erst 2025 wird dort wieder Wasser fließen. Bis dahin umrunden wir sehnsuchtsvoll die Bärenwiese.

Weitere Themen