Wasser marsch in Wendlingen Neckar profitiert von Bahnprojekt

Noch wird in der Einmündung des Neckar-Altarms gebaggert. Foto: Kerstin Dannath

Der Fluss bekommt einen Altarm zurück. Denn als Ausgleich für die neue Bahnstrecke Stuttgart-Ulm muss der Natur etwas zurückgegeben werden. In diesem Fall mehr Platz für Wasser.

Wendlingen - Der Neckar profitiert von dem Bahnprojekt Stuttgart-Ulm: Zwischen Unterensingen und Wendlingen hat er einen seiner Altarme zurückbekommen. „Das ist eine der größeren ökologischen Ausgleichsmaßnahmen im Rahmen von Stuttgart 21 im Planfeststellungsabschnitt 1.4“, sagt der Projektingenieur Georg Vitt für den Bereich Filder/Wendlingen.

 

Das Renaturierungsgebiet befindet sich südlich der Autobahn 8 und der neuen Eisenbahnstrecke hauptsächlich auf der Gemarkung von Unterensingen, ein kleiner Teil davon gehört zur Stadt Wendlingen. Insgesamt ist die Fläche am westlichen Neckarufer gut einen Hektar groß. Der wieder belebte Altarm verläuft in etwa dort, wo sich der Fluss laut alter Karten vor seiner Kanalisierung bereits entlanggeschlängelt hat und ist rund 250 Meter lang. Der Bauleiter Christoph Meister von der Firma Nacken vermutet, dass der Neckar dort, schräg gegenüber der Unterboihinger Otto-Spinnerei, vor dem Ersten Weltkrieg begradigt wurde: „Die Uferbefestigung ist sehr alt.“ Sicher ist er jedoch nicht. Vielleicht wurde der alte wilde Fluss – der Name „Neckar“ ist keltischen Ursprungs und bedeutet wildes Wasser oder wilder Geselle – auch schon Ende des 19. Jahrhunderts in die Schranken verwiesen.

Eisvögel verzögern die Bauarbeiten

Die Bauarbeiten haben Mitte Februar begonnen; eigentlich sollten sie bis Ende Juni abgeschlossen sein, doch das Projekt hinkt dem Zeitplan ein bisschen hinterher. Das liegt unter anderem daran, dass direkt angrenzend an das Baufeld eine Eisvogelbrut festgestellt wurde. „Damit die in Ruhe brüten können, mussten wir die Maßnahmen etwas anpassen“, erklärt der Bauleiter Meister. Mit Erfolg: Das Eisvogelpärchen hat das Geschehen gelassen verfolgt und brütet zurzeit zum zweiten Mal.

Insgesamt werden rund 16 500 Tonnen Aushub abgebaggert, um den Flusslauf und den Uferbereich wiederherzustellen. Der Oberboden wurde zum Teil Landwirten aus der Region zu Verfügung gestellt, die damit ihre Felder aufwerten konnten. „Oberböden sind viel zu wertvoll und dürfen nicht einfach entsorgt werden“, erklärt Christoph Meister. Zum Teil wird der Boden auch für die neuen Uferbereiche verwendet, ebenso der abgebaggerte Neckarkies. Als unterste Schicht kam wie erwartet schwarzer Tonstein zum Vorschein – der wanderte mit in die Dämme entlang der Autobahn 8.

„Für den gesamten Aushub wurde ein Verwertungskonzept erstellt“, erklärt der Projektingenieur Georg Vitt. Er betont, dass das renaturierte Areal später nicht für Besucher und Spaziergänger gedacht ist: „Die Maßnahme soll sich selbst überlassen werden.“ Damit das funktioniert, ist die Bahn 30 Jahre lang für die Pflege und den Unterhalt der Fläche zuständig. In den ersten beiden Jahren wird zum Beispiel die Bepflanzung – es werden 27 Bäume (Weiden, Erlen und Eichen) gesetzt sowie rund 6000 Quadratmeter Feuchtwiese mit Gräsern und Kräutern ausgesät – etwas engmaschiger kontrolliert. Später gibt es einen Kontrollgang pro Jahr.

Der Altarm darf mehr als 17 Meter breit werden

Der neue Flusslauf ist bis zu einem Meter tief und kann in der Breite – je nach Wasserstand – zwischen 8,50 und 17,50 Metern variieren. „Der Neckar neigt dazu, bei Starkregen schnell anzusteigen“, sagt Meister. Deshalb wurden an den neuen Uferbereichen und am Ein- beziehungsweise Auslauf des neuen Flussarms große Steine aus Dolomitgestein zur Befestigung gesetzt. Besonders am Einlauf muss die Befestigung viel Druck aushalten – deswegen wurden dort auch die größten Steine mit einem Einzelgewicht zwischen 300 und 1000 Kilogramm gesetzt. Das Dolomitgestein kommt übrigens nicht aus den Dolomiten, sondern heißt nur so: „Die Steine kommen aus dem Altmühltal und gelten damit geologisch gesehen als regional“, erklärt der Bauleiter.

Die Gesamtkosten der Ausgleichsmaßnahme betragen rund eine Million Euro und werden von der Bahn bezahlt. Mit den derzeit laufenden Hochwasserschutzmaßnahmen des Regierungspräsidiums in diesem Bereich des Neckars hat die Ausgleichsmaßnahme nichts zu tun. Indirekt profitieren die anliegenden Kommunen durch die Renaturierung in diesem Bereich aber dennoch – schließlich hat der „Wilde Geselle“ so im Fall des Falles wieder mehr Platz, sich auszubreiten.

Ein natürlicher Zustand des Flusses ist erstrebenswert

Renaturierungsmaßnahmen haben das Ziel, einen Fluss oder Bach wieder in einen weitgehend naturnahen Zustand zurückzuführen und so wieder zu einem funktionsfähigen Ökosystem zu machen. Damit soll die strukturelle Vielfalt im Gewässer und in den Uferzonen wieder hergestellt und das Gewässer an die Aue angebunden werden.

Der Neckar, der im Schwenninger Moos als kleiner Bach entspringt, verwandelt sich auf seinem 367 Kilometer langen Weg in einen breiten, träge dahinfließenden Strom, der schließlich in Mannheim in den Rhein mündet. Auf fast seinem ganzen Verlauf, vor allem aber ab dem Beginn der Bundeswasserstraße in Plochingen, ist der Fluss stark vom Menschen geprägt.

In den vergangenen Jahren gab es verstärkt Bestrebungen, den Fluss wieder in seinen natürlichen Zustand zu versetzen. So wurden in Esslingen, Villingen-Schwenningen, Horb, Stuttgart, Ludwigsburg, Marbach, Heilbronn, Mosbach, Mannheim oder Ladenburg naturnahe Ufer, Altarme oder Seitengewässer geschaffen.

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