Die niedrigen Pegelstände vor allem im Rhein bremsen die Binnenschifffahrt. Der Wassermangel in den großen Flüssen geht alle an, denn so wird auch eine Rezession immer wahrscheinlicher, warnen Ökonomen.

Politik: Matthias Schiermeyer (ms)

Die lange Hochsommerperiode mit großer Hitze und wenig Regen wird immer mehr zu einem Problem für die Wirtschaft. Der Grund: auf den wichtigsten Wasserstraßen wie Rhein und Elbe können seit Mitte Juli nicht mehr so viele Waren transportiert werden, wie es erforderlich wäre. Ökonomen warnen bereits, dass eine Rezession dadurch noch wahrscheinlicher wird.

Die Binnenschiffer vor allem auf dem Rhein schlagen Alarm: Von der niederländischen Grenze bis nach Straßburg herrscht auf der gesamten Flusslänge Niedrigwasser. An der Engstelle Kaub zwischen Koblenz und Bingen liegt der Wasserstand nur noch bei etwa einem halben Meter – um voll beladen die Stelle passieren zu können, brauchen die Schiffe aber eine Wassertiefe von 1,5 Metern.

Nur 25 bis 35 Prozent der üblichen Frachtkapazitäten

Wegen der weiter sinkenden Pegelstände kann derzeit nur 25 bis 35 Prozent der üblichen Frachtkapazitäten transportiert werden, sonst bestünde die Gefahr, dass die Kähne auf Grund laufen. Das bedeutet: Statt eines Schiffs werden dann drei Schiffe benötigt, um die gewohnte Lademenge zu transportieren, was die Fracht entsprechend verteuert und die Erzeugerpreise weiter nach oben drückt. Auf der Elbe können laut dem Bundesverband der Deutschen Binnenschifffahrt (BDB) schon seit Wochen keine Frachter mehr verkehren.

Somit drohen in der Industrie Produktionsrückgänge. Große Unternehmen wie Evonik und Thyssen-Krupp greifen derzeit auf Lagerbestände zurück – noch sei die Versorgung gesichert, heißt es. Flüsse sind ein wichtiger Baustein der Logistikkette. Vom stockenden Güterverkehr betroffen sind Heizöl und Diesel, die in großen Mengen über den Rhein nach Deutschland gelangen. Aber auch für Getreide, Futtermittel, Rohstoffe, Mineralien, Baustoffe und Chemikalien ist es ein ganz zentraler Transportweg.

Angespannte Energieversorgung zusätzlich belastet

Eine besondere Hürde tut sich bei der Energieversorgung auf: Während die Binnenschifffahrt gewöhnlich nur sechs Prozent aller Güter befördert, ist sie für Kohle der entscheidende Transportweg. Doch diese soll das knappe russische Erdgas ersetzen; die angespannte Lage wird verschärft.

Einzelne Energieversorger müssen ihre Stromproduktion in einigen Kohlekraftwerken drosseln. „Mit dem Niedrigwasser steigen auch die Transportkosten pro Tonne, was wiederum die Einsatzkosten der Kohlekraftwerke erhöht“, stellt die EnBW fest. Und der Energiekonzern Uniper betont: „Die derzeit größte Herausforderung für die Versorgung unserer Steinkohlekraftwerke liegt an den niedrigen Pegelständen der Flüsse.“ Bis zum 7. September könne es zu Unregelmäßigkeiten in der Stromproduktion kommen.

Auch Kernkraftwerke in der Schweiz oder Frankreich sind tangiert, weil sie Flusswasser zur Kühlung nutzen – wegen der Trockenheit sind sie jedoch daran gehindert und können nicht die volle Leistung bringen.

Weiterer Rückschlag für die Konjunktur

Somit rechnen Ökonomen jetzt erst recht mit einem Nachlassen der Konjunktur. Erinnerungen an das Niedrigwasser von 2018 werden wach – da hielt es 132 Tage an, und die Industrieproduktion sackte in der Spitze um 1,5 Prozent ab. Damals wurden so wenig Kraftstoffe transportiert, dass einigen Tankstellen der Nachschub ausging und die Benzinpreise deutlich stiegen.

„Wir erwarten ohnehin, dass die deutsche Wirtschaft ab dem dritten Quartal in eine leichte Rezession fällt und das Wachstum 2022 nur noch 1,2 Prozent betragen sollte“, sagt der Chefvolkswirt der Deutschen Bank, Stefan Schneider. „Falls die Wasserstände weiter sinken, könnte das Wachstum auch knapp unter ein Prozent sinken.“

Lage noch brisanter als vor vier Jahren

Jens-Oliver Niklasch, Ökonom der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW), sagt, dass das Bruttoinlandsprodukt durch das Niedrigwasser um einen viertel bis halben Prozentpunkt belastet werden könnte. Die Situation sei noch brisanter als 2018, „weil die Versorgungslage ohnehin angespannt ist und vor allem die Kohlekraftwerke stärker betreffen dürfte, die für die Stromerzeugung von herausragender Bedeutung sind“.