Wasserversorgung im Südwesten Bodenseewasser reicht nicht für Region

Mitarbeiter der Bodenseewasserversorgung kontrollieren eine Anlage auf Befall von Quaggamuscheln. Foto: dpa/Patrick Seeger

Vier Millionen Menschen werden mit Wasser aus dem Bodensee versorgt. Doch nun erhalten Kommunen Absagen. Der Klimawandel ist nicht der einzige Grund dafür.

Klima und Nachhaltigkeit: Julia Bosch (jub)

Stuttgart - Es ist normalerweise nichts, worüber man sich auch nur eine Sekunde Gedanken macht: Man dreht den Hahn auf, trinkt etwas, geht duschen oder füllt die Gießkanne. Hierzulande ist Wasser so selbstverständlich, dass wir kaum hinterfragen, wo dieses eigentlich herkommt und ob es genug davon gibt. Diese Sorglosigkeit könnte aber ein Ende haben. Denn im Bodensee wird das Wasser knapp. Zumindest kann die Bodensee-Wasserversorgung (BWV), Deutschlands großes Fernwasserunternehmen, keine weiteren Anteile mehr vergeben. Und das hat Auswirkungen auf die Region Stuttgart.

 

Kein zusätzliches Bodenseewasser für Pleidelsheim

In Pleidelsheim (Kreis Ludwigsburg) haben die Bürger dies am eigenen Leib erfahren müssen: Die Gemeinde hat von der Bodensee-Wasserversorgung (BWV) eine Absage auf den Wunsch nach mehr Bodenseewasser erhalten. „Wir sind durch unseren Tiefbrunnen Hälde zwar ausreichend versorgt, hätten aber gerne unser Mischverhältnis geändert“, berichtet der Bürgermeister Ralf Trettner. Immer wieder hatten sich Bürger über den hohen Härtegrad des Pleidelsheimer Wassers beschwert, das Thema landete bereits 2008 erstmals im Gemeinderat. „Zuletzt schossen dann Entkalkungsanlagen wie Pilze aus dem Boden“, berichtet Trettner.

Das Wasser der Pleidelsheimer stammt zu 40 Prozent aus dem Bodensee und zu 60 Prozent aus dem Tiefbrunnen Hälde. Diese Mischung ergibt einen Härtegrad von 19 Grad deutscher Härte. Bereits ab 14 Grad gilt Wasser als hart, weich ist Wasser bis zu 8,4 Grad. Das Bodenseewasser liegt mit 9 Grad im weichen bis mittleren Bereich. „Wenn wir das Mischverhältnis hätten ändern können zu zwei Drittel Wasser aus dem Bodensee und ein Drittel aus unserem Tiefbrunnen, hätten wir auf 12 Grad deutscher Härte runtergehen können“, erläutert Trettner. Doch die BWV konnte dem Wunsch der Pleidelsheimer nicht nachkommen.

22 Absagen musste die BWV bereits erteilen

Bereits im vergangenen Jahr hat der Zweckverband der BWV beschlossen, keine weiteren Anteile mehr zu vergeben. Ursprünglich war geplant, nur bis Ende 2020 Absagen zu erteilen, nun gilt dies „bis auf Weiteres“, bestätigt der Technische Geschäftsführer Christoph Jeromin. „Wir haben all unsere Beteiligungsquoten vergeben.“ Auch Kommunen, die sich bisher aus eigenen oder anderen Quellen mit Wasser versorgt haben und nun gerne auf Bodenseewasser zurückgreifen würden, müssen sich anderweitig umschauen. Insgesamt 22 Absagen musste die BVW bereits erteilen: zehn an Nicht-Mitglieder, zwölf an Mitglieder, die gerne mehr Bodenseewasser bekommen hätten. Welche Kommunen dies im Detail sind, will die BWV nicht sagen, lediglich dass viele Anfragen aus dem Bereich „nördlich von Stuttgart“ eingegangen seien.

Dass die BWV aktuell alle Anfragen ablehnen muss, liegt an drei Dingen. Zum einen gibt es einen Staatsvertrag zwischen Baden-Württemberg, Österreich und der Schweiz, welcher die Wasserentnahme aus dem Bodensee regelt. „Das ist nicht wie bei Amazon, Kommunen können nicht einfach bei uns Wasser bestellen“, erläutert der BWV-Verbandsvorsitzende und Esslinger Oberbürgermeister Jürgen Zieger. In der Vergangenheit hätten einige Mitglieder mehr Wasser gebucht als sie benötigt hätten, darum konnte man immer wieder auch neue Kommunen aufnehmen und die Quoten anders verteilen. Dies sei nun nicht mehr möglich, weil die Mengen schlicht ausgeschöpft sind.

Anlagen und Leitungen reichen nicht mehr aus

Zum anderen sind die technischen Voraussetzungen ein Problem: Die Anlagen und Leitungen sind in die Jahre gekommen. Was 1958 in Betrieb ging, reicht heute nicht mehr aus. Deshalb würden zusätzlich zu der bestehenden Entnahmestelle im See noch an zwei weiteren geplant, sagt Jürgen Zieger. Parallel wächst sich die Ansiedlung der Quaggamuschel im Bodensee zunehmend zu einer Plage aus. Insgesamt will die BWV deshalb 360 Millionen Euro in die Hand nehmen: für die neuen Entnahmestellen, um die Anlagen und Leitungen zu erneuern und um drei Ultrafiltrationsanlagen zu installieren, damit sich die Quaggamuschel nicht in den Leitungen festsetzt.

Und zuletzt ist auch der Klimawandel schuld. Die Sommer werden heißer, der Wasserbedarf wächst. Zugleich geben viele Quellen immer weniger Wasser ab. „Und laut Klimaexperten müssen wir uns künftig auf Jahre wie 2018 einstellen“, sagt Christoph Jeromin. Vor zwei Jahren war der Sommer extrem heiß und trocken, der Bodensee hatte starkes Niedrigwasser.

Trinkwasser musste mit Fahrzeugen herangeschafft werden

Aktuell werde der Trinkwasserbedarf in Baden-Württemberg zu 52 Prozent aus Grundwasser, zu 18 Prozent aus Quellwasser und zu 30 Prozent aus Oberflächenwasser gedeckt, informiert Matthias Schmid vom baden-württembergischen Umweltministerium. Der Anteil der BWV an der gesamten öffentlichen Wasserversorgung im Land betrage rund 20 Prozent, rund vier Millionen Einwohner werden von der BWV versorgt. „Dies ist über Beteiligungsquoten in Liter pro Sekunde geregelt, die über das Jahr gesehen aber nicht voll ausgeschöpft werden“, erläutert Schmid. Vielmehr müsse ein gewisser Puffer eingerechnet werden, um Tagesspitzenverbräuche an extrem heißen Tagen abdecken zu können. „Bisher sind bei der öffentlichen Wasserversorgung keine Versorgungsengpässe aufgetreten, die die Bevölkerung ‚gespürt’ hätte, auch nicht im trockenen Sommer 2018.“ Viele Eigenwasserversorger, etwa Höfe in den Höhenlagen des Schwarzwaldes, seien aber sehr betroffen gewesen, da die örtlichen Quellen versiegten und Trinkwasser mit Fahrzeugen herangeschafft werden musste.

Sorgen machen, dass morgen kein Wasser mehr aus der Leitung komme, müsse man sich aktuell aber nicht, sagt Juliane Conte von der Landeswasserversorgung (LV). „Bei uns kamen zuletzt auch keine Anfragen wegen weiterer Bezugsrechte an.“ Die Auswirkungen des Klimawandels spüre man aber freilich auch bei der LV – etwa was das Grundwasser betreffe: „Wir haben mehr Dürre als früher. Und wenn es mal regnet, ist es entweder zu wenig – oder so flutartig, dass der Boden das Wasser nicht aufnehmen kann.“

Hartes Wasser hat auch Vorteile

Unterdessen versucht Ralf Trettner, der Pleidelsheimer Bürgermeister, das Positive an der Absage der Bodensee-Wasserversorgung zu sehen: „Kalkhaltiges Wasser enthält mehr Mineralstoffe – und ist daher auch gesünder.“ Nun muss er nur noch die Bürger davon überzeugen.

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