Wasserwanderer legen in Esslingen an Mit dem Traumschiff auf dem Neckar
In Corona-Zeiten legen mehr Wasserwanderer mit ihren Schiffen in Esslingen an. Beim Yachtclub gibt es ungewöhnliche Boote zu sehen.
In Corona-Zeiten legen mehr Wasserwanderer mit ihren Schiffen in Esslingen an. Beim Yachtclub gibt es ungewöhnliche Boote zu sehen.
Esslingen - Die Lusche 3 ist vor fast 100 Jahren am Zürichsee in Betrieb gegangen. Die Komet hat Luxus-Ausmaße und macht nach dreijährigem Umbau ihre Jungfernfahrt nach Esslingen. Auf seiner kleinen Tramontana ist Wilhelm Klöter seit 40 Jahren auf vielen europäischen Flüssen unterwegs. Jeder der drei Schiffseigner, die gerade beim Yachtclub Esslingen angelegt haben, könnte Romane erzählen.
„Ich bin kein Loser“, betont Klaus Schmid gleich mal, „aber als Lusche kennt mich jeder auf dem Neckar.“ Beim Kartenspiel bringt eine Lusche keine Punkte, ist eine Niete – doch viele Nieten können ein Boot zusammenhalten. So wie das 1924 für den Zürichsee gebaute Touristenschiff, das später auf dem Rhein fuhr und in den 50er-Jahren nach Neckarrems kam. Dort diente es ebenfalls der Personenschifffahrt, war für 48 Leute zugelassen. Anfang der 70er-Jahre haben Klaus Schmid und ein Freund (Lusche I und II) das Boot gekauft, einen „Schrotthaufen“, erzählt Schmid, dem Lusche 3 seit 1972 allein gehört. Er hat das Schiff verbreitert und einen 300er Diesel von Mercedes eingebaut – einen „marinisierten“ Motor, wie die Fachleute sagen. Der pensionierte Eisverkäufer Schmid ist jeden Tag an Bord, weil ein Boot gepflegt, genossen und öfter mal repariert werden will. Vor 15 Jahren ist die Lusche aus unerfindlichen Gründen mal abgesoffen. Kein Grund, den Pott aufzugeben. Auspumpen lassen, heben, putzen und Rechnungen über 25 000 Euro bezahlen. Weiter geht’s.
Klaus Schmid lebt mit dem Wasser. Urlaub wird auf der Lusche gemacht oder auf der Aida. Im Corona-Jahr schippern er und seine Frau Helga eben auf dem Neckar. Da gibt’s täglich Captain’s Dinner, halt mit Hausmannskost. Bootsfahrer sind speziell, aber in den meisten Fällen keine kauzigen Einzelgänger. Schmids verabreden sich gern mit vier oder fünf anderen Bootseignern, um ein paar Kilometer nach Poppenweiler runter zu fahren. Dort werden die Schiffe miteinander vertäut und Kuchen und Kaffee ausgepackt.
Alle paar Jahre legen die Schmids in Esslingen an. „Da bin ich gut aufgehoben“, sagt Lusche und prostet dem Hafenmeister Roland Krietsch zu. Der pensionierte Polizist schaut täglich zweimal, ob auf der Insel alles in Ordnung ist und dass seine Gäste zufrieden sind. Sind sie. Im Schatten des Clubheims kann man die Flasche ploppen und die Seele baumeln lassen.
In diesem Jahr hat der Hafenmeister schon mehr als die üblichen etwa 20 Wasserwanderer pro Saison am Steg gehabt – darunter auch Wilhelm Klöter. Der 82-Jährige wollte heuer mit seiner 43 Jahre alten Gondel keine ausländischen Gewässer ansteuern. „Auf dem Neckar war ich noch nie“, erzählt der Wormser. „Naturbelassen, keine harte Strömung, trotz Schleusen gemütlich zu befahren“, da ist Klöter fast völlig zufrieden. Aber er musste bis nach Stuttgart-Hofen fahren, um einen ordentlichen Rostbraten mit Spätzle zu bekommen, „überall gibt’s italienisch“, klagt der Kfz-Elektriker, der viel Zeit hat. Sieben Tag lag er in Plochingen, sieben Tage in Esslingen. Gerne packt er seinen Hund Funny in den Radanhänger und macht kleine Touren. „Wir lieben Wald und Wiesen“, sagt der braun gebrannte Bootseigner, „Städte interessiere mei alt’ Mädche net“, sagt er in schönstem Pfälzer Dialekt. Alle Wasserwanderer haben Fahrräder an Bord. Nicht nur, um Ausflüge zu machen, sondern auch um zur Tankstelle zu radeln. Denn am Neckar gibt es keine Tanke, nur am Stuttgarter Hafen und dort dürfen Hobby-Kapitäne nicht nachfüllen – der steuerbegünstigte Sprit ist für sie tabu. Bei Helga und Klaus Schmid gehören auch Wanderschuhe zur Ausrüstung. Gestern sind sie von Esslingen auf dem Jakobsweg bis Denkendorf gelaufen, mit dem Bus ging es zurück.
14,48 Meter lang, fast vier Meter breit und mit Aufbau fast fünf Meter hoch – eine Yacht wie die Komet-Therisa legt in Esslingen selten an. Aber sie ist nicht so teuer, wie sie meistens geschätzt wird. Mehr verrät der Brandoberamtsrat a.D. Johannes Frank nicht, der sie vor drei Jahren vom Erbauer Hans-Peter Krempel gekauft hat. Über die Technik könnte man eine ganze Zeitungsseite schreiben.
Unter der Badeplattform hat der Konstrukteur den Rumpf so verändert, dass die Yacht fast zum Gleitboot wird. Dazu zwei 280-PS-Motoren von MAN. Damit schafft die Komet sogar rheinaufwärts 20 Kilometer pro Stunde. Der Skipper Frank muss nicht hinter den Frachtschiffen hertuckern – und braucht dennoch nicht mehr als 1,5 Liter auf den Kilometer, also weniger als das kleine Boot, das er früher fuhr. Die Technik ist so einfach, dass der Feinwerktechniker keine Werkstatt braucht, um den Keilriemen zu wechseln.
Um das Schiffsleben zu genießen, ist Johannes Frank in Vorruhestand gegangen, sein Frau Patricia hat ihr Hotel in Albstadt aufgegeben. Mit der Komet haben sie sich einen Traum erfüllt. 83 Quadratmeter Fläche auf drei Decks, da wird kein Scheich bleich, aber auf dem Neckar ist das Luxusklasse. Türkisfarbene Polster sehen gleichermaßen edel und maritim aus. Das Skipper-Ehepaar schläft in der untersten der drei Kojen, quasi auf dem Kiel, wassergekühlt. Vom Heimathafen Germersheim sind die Franks in fünf Tagen den Neckar hochgefahren.
An jeder Station kennt der pensionierte Brandschutz-Sachverständige, der auch in Afghanistan und im Kosovo tätig war, einen früheren Kollegen. Dass die Jungfernfahrt mit der Komet nach Esslingen führte, ist kein Zufall. Der Hafenmeister Krietsch war nicht nur Polizist, sondern auch bei der Feuerwehr.
„Ruhe, Entschleunigung und eine phänomenale Landschaft“ habe sie auf dem Neckar gefunden, schwärmt Patricia Frank, die das Schiff selbst steuert, wenn der Kapitän in der Nähe ist. Der fühlte sich beinahe wie im Grand Canyon, als sich das Boot zwischen die Felsen bei Hessigheim schob. Begeistert zeigt Frank das Video: Die Landschaft spiegelt sich im glatten Wasser. Seine Frau auf der Flybridge oben am Steuer, vier Meter über dem Wasser sitzt sie und genießt. Da kann und darf man wirklich neidisch werden.