Wenn man Einfälle von anderen lange genug anschaut, sind sie oft besser als eigene. Und schwups, schon hat man eine Idee geklaut. Das gilt nicht nur für Doktorarbeiten, sondern auch für Lieder und Erinnerungen, meint unser Kolumnist Mirko Weber.

Manteldesk: Mirko Weber (miw)

Stuttgart - „Neuliche Unterhaltungen mit Ihnen haben meine ganze Ideenmasse in Bewegung gebracht“, schreibt Schiller einmal an Goethe, der wiederum glaubte, dass es so etwas wie ein „Ideen-Land“ gebe – Inseln des Geistes. Und wer nicht direkt anlande, könne ja auch erstmal kurz davor ankern. Fand er. Mitunter schoben die beiden ihre Einfälle so lange hin und her, dass sie selber nicht mehr auseinander halten konnten, welcher jetzt von wem gewesen war.

 

Ansonsten kommen Ideen, die ja alle schon in der Welt sind, nur noch nicht gedacht, sehr selten auf Zuruf. Meistens muss man sie suchen, findet aber nicht hin, oder eben nur auf Wegen, die andere schon gegangen sind. Manchmal ist schon ein bisschen Gras über die Spur gewachsen. Mit viel übersteigertem Selbstbewusstsein halten sich einige dann doch für die eigentlichen Entdecker. Mediziner sprechen von „kognitiver Dissonanz“: wissen, dass etwas falsch, schädlich oder geklaut ist – und trotzdem nicht davon lassen beziehungsweise dies nicht wahrhaben wollen. Angewandter Schavanismus, sozusagen. Zur Strafe ist man schnell kein Doktor mehr.

Das Lied ist ihm unterbewusst in den Kopf gesummt

Auf dem weiten Feld der Kunst sind die Grenzen fließender als in der Wissenschaft. Ein Beispiel: 1970 komponierte der ehemalige Beatle George Harrison „My sweet Lord“, wobei komponieren in diesem Fall eigentlich nicht das richtige Wort ist. Es liefen tourneehalber einfach ein paar Harmonien nebenher fragmentarisch mit, bis sie einen erleuchteten Text bekamen. Alles zusammen erschien hernach auf Harrisons Soloplatte „All things must pass“. Dann aber reklamierten The Chiffons die Urheberrechte an der ziemlich gleichen Melodie für sich, ihr Text eines acht Jahre zuvor gewerkelten Song hieß nur anders, weniger metaphysisch: „He’s so fine“. Harrison beteuerte, das Lied sei ihm gewissermaßen unterbewusst reingesummt. Er hielt es für seins, konnte aber die kommende Prozesslawine nicht aufhalten.

Am Ende zahlte er 1,6 Millionen Dollar an Übernahmerechten und war wenig glücklich mit „My sweet Lord“, obwohl er nachweisbar aus einer Schnuppe einen Riesenstern gemacht hatte. Dem Rest der Welt, längst süchtig geworden nicht nur nach der Eingangsgitarrenphrase, war das aber alles ziemlich egal.

Die Erinnerung ist aus fremden Gedanken zusammengebastelt

In einem jetzt in der „New York Review of Books“ erschienenen Artikel über Erinnerungslücken kommt der britische Neurologe Oliver Sacks (der schrieb: „Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte“ und „Der Tag, an dem mein Bein fort ging“) nebenbei auch auf die Episode mit „My sweet Lord“ zurück, wenn er zusammenfasst, wie er als Achtjähriger zwei Bombardierungen Londons durch die Deutschen erlebt hat. Beschrieben ist die Szene detailliert in „Uncle Tungsten“ (auf deutsch „Onkel Wolfram“). Sacks war sich mehr als sechzig Jahre später sicher, alles Erlebte genauestens aufgezeichnet gehabt zu haben, bis sein fünf Jahre älterer Bruder Michael die Passagen las und feststellte, dass Oliver Sacks sich den zweiten Fall nur eingebildet haben konnte. Beide Jungen waren zu diesem Zeitpunkt evakuiert gewesen. Oliver Sacks hatte, wie sich herausstellte, Wort für übernommen, was an Details in einem Brief des ältesten Bruders, David, stand. Später sprach Davids Erinnerung mit Olivers Zunge. Künstler, konstatiert Sacks – im Übrigen keinesfalls selbstgerecht – lebten nun mal notwendigerweise von „kreativer Kryptomnesie“: aus andererleuts Gedankensplittern bauen sie, wenn’s gut geht, ein ganzes Haus zum Wohnen drin. Hätte Beethoven für all jene Motive zahlen müssen, die er den Wiener Gassenhauern für seine Sinfonien ablauschte, wäre er ein armer Mann gewesen.