Wenn etwas Schlimmes passiert, ist es gut, damit nicht allein zu bleiben. Glücklich ist, wer echte Freunde hat. Bücher machen aber fast genau so froh, findet unser Kolumnist Mirko Weber.
Stuttgart - Vor ein paar Wochen ist der Schriftsteller Jakob Arjouni gestorben. Beim Anruf stand ich am Münchener Marienplatz vor einer Kiste mit irischen Wollsocken. Seltsam, dass man hinterher oft weiß, wo man in wichtigen Momenten gewesen ist. Als die Twin Towers fielen: an einem Weiher, tief im Wald. Als Deutschland das letzte Mal Fußball-Weltmeister wurde: in einem Camp mit Erdbebenopfern im Iran. Als der Papst zurücktrat: in der Küche, über einem Teller Suppe. Natürlich sind die Dinge nicht zu vergleichen, aber im Augenblick, als die Nachricht mit Arjouni kam, war es, als hätte sich der Boden einen Spalt aufgetan. Weil: Der war doch so alt wie wir, oder? Hatte kleine Kinder. Und doch gerade ein neues Buch veröffentlicht. Ich übernahm das Nachrufschreiben, so gut es ging, dann ging ich zum Volleyballtraining und traf nicht viel.
Am Abend drauf versuchte ich, ein paar Sätze von Arjouni zu lesen, las sie – und legte das Buch gleich wieder weg. Ziemlich am Anfang von „Kismet“ kommt die Rede auf Slibulsky, den Freund von Arjounis Detektiv Kemal Kayankaya: „Wenig später wurde er mit Koks erwischt und kam ein Jahr hinter Gitter. Ich schickte ihm Pakete mit Fußball-WM-Videos und Rindswürsten, und er bedankte sich mit einem Karton selbstgefertigter Wäscheklammern. Ich war ehrlich gerührt. Bis heute steht der Karton in meiner Küche, und alle paar Wochen denke ich, wie schön es wäre, einen Garten oder einen Hof mit einer Wäscheleine zu haben.“ So schrieb Jakob Arjouni. Große Dinge wurden knapp gefasst. Es ist wie bei Van Morrison: „When that rough God goes riding.“
Bücher sind wie Freunde, die man ins Regal stellen kann
Ziemlich oft in seinen Büchern kamen Freunde vor: falsche Freunde, echte Freunde; Freunde, die sich krachen, Freunde, die sich versöhnen. Die letzte Variante machte den Kern von „Der heilige Eddy“ aus, wo zwei sagenhaft gute Straßenmusiker am Ende wieder zusammenkommen, obwohl auch da der eine, Eddy eben, im Gefängnis sitzt. Der andere hilft ihm raus, auch wenn Eddy erst mal drin bleiben muss. „Im besten Fall“, hat Arjouni kurz vor seinem Krebstod im Alter von 48 Jahren gesagt, „sind Bücher wie Freunde, die man ins Regal stellen kann. Das ist das Gute. Das Blöde ist, dass sie einem nicht die Hand halten können.“ Klar. Andererseits kann man aus Büchern (und aus seinen zumal) lernen, wie man die Hand halten könnte.
Am Dienstag saß ich in Passau schwer in der Klemme. Ich war spät dran, die Technik funktionierte ganz und gar nicht – und der Text war nur im Kopf ein bisschen geschrieben. Halb Passau hatte faschingshalber zu oder war blau. Am Ende fiel mir der Antiquar Mayer ein, bei dem ich auf der Durchreise manchmal Bücher kaufe, selten genug. „Entschuldigen Sie den Überfall“, sagte ich, „kennen Sie mich noch, Herr Mayer?“ „Aber ja“, sagte Herr Mayer. Er räumte eine Hundertschaft Weimarer Klassik aus dem Weg –und ließ mich schreiben.
Die Rettung ist der Antiquar. Danke!
Später kam er mit Kaffee und Kuchen ums Eck. Kuchen von seiner Schwägerin. Ich schrieb, und es klappte noch. So grade. Später, es war längst dunkel, redeten wir über Gott und die Welt, Arjouni und Ernst Jünger, der Freundschaften (wie er sie verstand) ja sehr pflegte. Jünger, der 102 Jahre alt geworden ist, hätte, wenn die Welt gerecht wäre, Arjouni ein paar Jahre abgeben können. Komischer Gedanke, sicher. Und die Welt ist ja auch nicht gerecht. Aber es gab Jakob Arjouni. Und es gibt – nur zum Beispiel – Harald Mayer in der Passauer Theresienstraße. Das ist schon was.