Vor dreißig Jahren kamen die Grünen in dieser seltsamen Stadt Bonn an. Unser Kolumnist Mirko Weber erinnert sich noch gut: Damals hat er seine Studentenkasse als Teilzeit-Stadtführer aufgebessert.
Bonn – Am besten betrachtet man noch mal ein altes Foto von jenem Tag, an dem die Fraktion der Grünen zum ersten Mal in den Bänken des Deutschen Bundestages Platz genommen hatte. In Bonn. Wissen Sie noch? Die kleine Stadt am Rhein, Ende März 1983. Ungefähr zu dieser Zeit ersann Udo Lindenberg visionär den „Sonderzug nach Pankow“.
Die Köpfe fast aller Aufgenommenen sind nach links vorne gerichtet. Von oben und vom Präsidium aus gesehen saß die CDU/CSU rechts – und höchstwahrscheinlich hat im Moment der Aufnahme, schwarz-weiß natürlich, irgendein Unionist (oder der Präsident) einen Witz gemacht, obwohl vor allem die konservativen Herren damals verspannt bis in die Hosenbügelfalten hinein waren. Jedenfalls hat man Zeit, die Gesichter zu studieren.
Vor dem lebensgegerbten Willy Brandt sitzen die Neuparlamentarierinnen Petra Kelly (mit weißem Stehkragen und Brosche am Pullunder) und Marieluise Beck. Sie lachen, wie man nur lachen kann, wenn man noch nicht weiß, was alles so kommen könnte. Nicht zu sehen auf obigem Ausschnitt ist Otto Schily, halb scheu noch, aber auch schon mordselbstbewusst. Am interessantesten jedoch gebärdeten sich zwei Männer in der ersten Reihe: Rainer Candidus Barzel hatte die Hände gefaltet und diesen snobistischen Blick aufgesetzt, der ihn zehn Jahre zuvor schon um das Kanzleramt brachte. Helmut Kohl hingegen grinst leicht verächtlich, wie nur Kohl verächtlich grinsen konnte. Was wollen diese Leute bloß hier?, sagten die Blicke der beiden. Dabei hatten diese Leute 5,6 Prozent bei der Bundestagswahl bekommen, und sie waren einen langen Weg gegangen von den ersten Versammlungen in Sindelfingen und Hersel (bei Bonn), über die Parteigründung in Karlsruhe bis hierhin, wo sie mit Blumen einzogen, nachdem sie mit viel internationaler Beteiligung eine Weltkugel durch die Straßen ins Regierungsviertel gerollt hatten. Das war eine Attraktion, obwohl die Marktfrauen – und die Meinungsmacht haben in Bonn oft die Marktfrauen – sich darauf geeinigt hatten, immer wieder: „Wat soll dat dann?“ zu rufen, wenn die Rede auf die Grünen kam.
Der arme Student verdingt sich als Teilzeit-Stadtführer
Neben dem Studium war ich damals als Teilzeit-Stadtführer angestellt und versuchte, den Besuchergruppen – Schulklassen oder, häufiger, älteren interessierten Damen aus den Wahlkreisen der Abgeordneten – dieses seltsame Gebilde Bonn näher zu bringen: immer ein bisschen Diplomatenviertel, einmal rum um den Langen Eugen und ein paar zentrale Kirchen. Von der Stadt aus war man gehalten, „Politisches im engeren Sinn“ möglichst nicht zu berühren. Wie das im Rheinischen aber so ist, wurde die Regelung, die keine war, von dem einen so und von dem andern so ausgelegt. Wenn die Betriebstemperatur im Bus mir okay vorkam, habe ich deswegen immer erwähnt, dass es die neue Partei gibt, und dass man denen vielleicht ebenso zuhören sollte wie den anderen auch. Das war nicht direkt Subversion, aber für eine Busladung aus, sagen wir, dem stadtfernen Münsterland doch einigermaßen hartes Brot. Die knauserten dann bei der „Sammlung für den armen Studenten“ ziemlich.
Aus Baden-Württemberg kommend, waren die Leute etwas weicher, vielleicht weil Petra Kelly aus Günzburg stammte, man weiß es nicht so genau. Mit einer Frau, die meine Oma hätte sein können, kam ich damals ins Gespräch, während der Rest der Gruppe einen romanischen Kreuzgang en detail inspizieren wollte. Am Ende landeten wir bei Herbert Gruhl, dem leider nur kurzzeitigen Grünen-Gründungsmitglied, dessen Buch „Ein Planet wird geplündert“ die Grünen wahrscheinlich mehr verdanken, als sie bis heute ahnen. Wenn man das Buch noch mal liest, erschrickt man, dass man damals nicht noch mehr erschrocken ist, als ohnehin schon – und auch darüber, dass man nicht viel mehr als ein bisschen draus gelernt hat fürs Leben. Der Bus aus Baden-Württemberg jedenfalls hat mir das mit den Grünen nicht übel genommen. Am Ende hatte ich mehr als zwei Wochen Mensa raus.