Berlin - Rainer Dulger gibt sich moderat. Er wolle im Austausch mit der Bundesregierung „die richtige Stimmung“ für die Bewältigung der Corona-Krise in der Wirtschaft schaffen, sagt er nach seiner Wahl zum Arbeitgeberpräsidenten. Auch lobt er die Pandemie-Strategie der Kanzlerin – nun komme es darauf an, den Blick auf die Zeit danach zu lenken. Was Angela Merkel (CDU) auf der Mitgliederversammlung der Arbeitgebervereinigung BDA mit der Zusage honoriert: „Natürlich gehe ich da mit offenem Herzen und offenen Armen auf Sie zu.“
So zugewandt hat Dulger in jüngerer Vergangenheit oft nicht mehr geklungen. Im Gegenteil: Der bisherige Gesamtmetall-Präsident drängt die Bundesregierung immer wieder mit unverstellten Ansagen zu Reformen. Deutschland ist aus seiner Warte wieder auf dem Weg, „Europas kranker Mann“ zu werden. „Was unseren Wohlstand ausmacht, wird Stück für Stück zurückgedreht“, rügt der Arbeitgeberpräsident.
Den Wirtschaftsminister als „Fehlbesetzung“ bezeichnet
Sein Vorgänger an der BDA-Spitze, Ingo Kramer, hätte eigentlich noch ein Jahr lang amtieren sollen, doch hat der 67-Jährige schon jetzt den Posten geräumt, um dem Nachfolger einen Start mitten in den Koalitionsverhandlungen nach der Bundestagswahl zu ersparen. Nun zieht ein anderer Ton in der BDA ein. Wo Kramer, der auch als der „gute Mensch von Bremerhaven“ tituliert wurde, vermittelnd, unprätentiös und nachdenklich auftrat, „um die Verhältnisse in Berlin stabil zu halten“, demonstriert Dulger Selbstsicherheit. Die Ansprüche der Wirtschaft bringt er auf den Punkt. Insbesondere die „Überregulierung“ durch die Politik ist ihm ein Gräuel. „Entschieden in der Sache und fair im Umgang“ werde er sein, kündigt er an. Doch scheut der 56-Jährige auch nicht die persönliche Attacke: Im Sommer 2019 hat er CDU-Wirtschaftsminister Peter Altmaier im Interview unserer Zeitung als „Fehlbesetzung“ bezeichnet, die „sich in schönen Reden gefällt“. Das löste diplomatische Verwicklungen aus. Doch der Minister überarbeitete seine umstrittene „Industriestrategie 2030“ und sitzt heute fester im Sattel als zuvor. Auch Dulgers Verhältnis zur IG Metall ist stark abgekühlt. In Frankfurt wurde schon seine Autorität als verlässlicher Verhandlungspartner infrage gestellt – hinter den Kulissen rumorte es kräftig.
Scharfe Verzichtsforderungen an die IG Metall
Dulger schließt sich prominenten Vorgängern aus dem Südwesten an und verstärkt wieder dessen Gewicht in der Wirtschaft: Dieter Hundt war 17 Jahre lang Arbeitgeberpräsident. Unvergessen ist auch der 1977 von der RAF ermordete Hanns Martin Schleyer. Dulger ist seit mehr als 20 Jahren Geschäftsführender Gesellschafter des weltweit führenden Dosiertechnikherstellers Prominent. Das Heidelberger Unternehmen wird weitgehend von seinem Bruder geführt. Nur so ist der hohe Zeitaufwand für die Verbandsarbeit, die meist in der Hauptstadt stattfindet, überhaupt zu bewältigen.
Sorgsam mit der BDA orchestriert wurde am Donnerstag der Übergang von Dulger zu Stefan Wolf bei Gesamtmetall. Der Vorstandschef des Automobilzulieferers Elring-Klinger wurde am Nachmittag für die gängigen zwei Jahre zum Präsidenten gewählt – einstimmig, wie es üblich ist. „Die gewaltigen Herausforderungen werden wir mit dem Tarifpartner nur bewältigen, wenn wir gemeinsam anpacken“, kündigte der 59-Jährige an, nachdem er zuletzt meist scharfe Verzichtsforderungen an die IG Metall gerichtet hatte.
Freitag soll neuer Südwestmetall-Chef feststehen
Wolf war erst Ende September vom Südwestmetall-Vorstand als Vorsitzender bestätigt worden. Nun macht er den Posten schon wieder frei, weshalb seither eifrig auch ein neuer Verhandlungsführer für die Tarifrunden gesucht wurde. An diesem Freitag soll die Wahl über die Bühne gehen. Als heißer Kandidat gilt einer der beiden Vize, Harald Marquardt. Ganz einfach war die Suche dem Vernehmen nach nicht, weil die Zahl der Unternehmensvertreter, die sich nach so einer ehrenamtlichen und honorarfreien Aufgabe drängen, wegen der Doppelbelastung meist sehr begrenzt ist.