Wechsel bei der Baden-Württemberg-Stiftung Alleskenner und stiller Gestalter

Abschied nach 14 Jahren an der Spitze der Baden-Württemberg-Stiftung: Christoph Dahl. Foto: Lichtgut//Leif Piechowski

Am 30. April scheidet Christoph Dahl nach 14 Jahren als Geschäftsführer der Baden-Württemberg-Stiftung aus. In dieser Zeit hat er die Stiftung geprägt. Aber natürlich gibt es über den langjährigen Oettinger-Vertrauten noch viel mehr zu sagen. Ein Porträt.

Stadtleben/Stadtkultur: Jan Sellner (jse)

Über Christoph Dahl schreiben? Vielleicht sollte er das selbst übernehmen. Der scheidende Geschäftsführer der Baden-Württemberg-Stiftung und Weggefährte und frühere Sprecher von Günther Oettinger könnte schließlich Bücher schreiben über das, was er in mehr als 30 Jahren Landespolitik erlebt hat, gespeist aus unendlich vielen Geschichten über diesen und jenen, über Erfolge und Misserfolge, Show und Substanz, Hochpolitisches und allzu Menschliches. Das heißt aber nicht, dass er’s auch tut.

 

Ein Selbstporträt wäre an dieser Stelle allerdings verfehlt. Es läuft dann doch auf eine Würdigung von außen hinaus. Am einfachsten ist es, über Dahl als Geschäftsführer zu schreiben – dem Anlass entsprechend: Am 30. April scheidet er aus der Baden-Württemberg-Stiftung aus. 14 Jahre lang führte der heute 70-Jährige die Stiftung, die ursprünglich Landesstiftung hieß und im Jahr 2000 vom damaligen Ministerpräsidenten Erwin Teufel gegründet wurde, um die aus dem Verkauf der Landesanteile am Energieversorger EnBW erlösten 2,3 Milliarden Euro nicht versteuern zu müssen. Seit 2010 firmiert sie unter Baden-Württemberg-Stiftung mit Sitz in der Kriegsbergstraße. Dahl hat ihr eine moderne Handschrift verpasst. Manche sagen, es sei ihm gelungen, sie von den Ministerien zu „emanzipieren“, ohne sich von deren Expertise abzukoppeln. Jedenfalls ist die Stiftung unter Dahls Führung in positivem Sinne selbstverständlich geworden, was bedeutet, dass sie eigentlich unverzichtbar ist.

Mit den grün-geführten Landesregierungen kam der CDU-Mann Dahl klar

Das war nicht immer so. Auch Dahl sah das Teufel-Konstrukt anfangs kritisch. Die Kritiker hätten die EnBW-Milliarden lieber für den Schuldenabbau und andere Projekte verwendet. Das änderte sich, als Günther Oettinger 2005 den SPD-Politiker Herbert Moser zum Geschäftsführer machte; die SPD-Kritiker verstummten. Bis 2010 bekleidete Moser dieses nach seinen Worten „schönste Amt nach dem Papst“. Seitdem stand der CDU-Mann Dahl an der Spitze der Stiftung – in gutem Einvernehmen mit den seit 2011 grün-geführten Landesregierungen. Zweimal wurde sein Vertrag verlängert, ein Zeichen dafür, dass Dahl an der Spitze der heute 37 Mitarbeiter zählenden Stiftung aus Sicht der wechselnden Koalitionspartner einiges richtig gemacht hat und die Schwerpunkte Forschung, Bildung, Gesellschaft und Kultur vertiefte.

In 14 Jahren rund eine halbe Milliarde Euro ausgeschüttet

Mit Mosers Papst-Vergleich kann Christoph Dahl, Sohn eines evangelischen Theologen aus Reutlingen, nichts anfangen. Dass er den Geschäftsführerposten als besonders schönes Amt empfand, ist jedoch offensichtlich. Dahl selbst spricht rückblickend von einer „hochinteressanten Aufgabe“, mit der das Privileg verbunden war, jährlich rund 40 Millionen Euro für gemeinwohl- und zukunftsorientierte Projekte auszuschütten – in 14 Jahren etwa eine halbe Milliarde Euro. Kein anderes Bundesland könne da mithalten, sagt er. Nicht mal die Bayern. Diese Ermöglicher-Rolle, das ist rauszuhören, werde oft nicht gesehen. Als fiele das Geld vom Himmel. Dabei wird es vom Finanzministerium durch kluge Geldanlage erwirtschaftet.

So erfüllend er die Aufgabe empfand, seine beruflich „aufregendste Zeit“ hat Christoph Dahl in den Jahren davor verbracht: im Duo mit Günther Oettinger, den er seit mehr als 50 Jahren kennt und mit dem ihn eine „tiefgehende Freundschaft“ verbindet. Über viele Stationen hinweg stand er verlässlich an Oettingers Seite. Von 1991 bis 2005 als Sprecher der CDU-Landtagsfraktion und dann nach dessen Wahl zum Regierungschef von 2005 bis 2010 als Regierungssprecher. Als belastend empfand er die Umstände des Übergangs – besonders die „Spaltung der Landes-CDU“, als die Mitglieder zwischen Oettinger und der vom konservativeren Teil unterstützten damaligen Kultusministerin Annette Schavan entscheiden sollten. Oettinger gewann, doch Gräben blieben.

Die Anfänge 1992: Eisenmann, Dahl, Oettinger beim Redaktionsbesuch (von links). Foto: Archiv/Thomas Hörner

Sprecher zu sein, das bedeutete, an der richtigen Stelle das Geeignete zu sagen. Gepaart mit Durchhaltevermögen. Darin war Dahl bestens erprobt. Auch im Strippenziehen und in Drahtseilakten. Der wohl waghalsigste war das Krisenmanagement nach Oettingers irrlichternder Trauerrede auf Hans Filbinger im April 2007, in dem er behauptet hatte, der ehemalige Marinerichter sei „kein Nationalsozialist“ gewesen, sondern „ein Gegner des NS-Regimes“. In der Sache unhaltbar. Schon die Entstehungsgeschichte der Rede war verunglückt. Anschließend ging es um Oettingers politische Zukunft. Entgegen anderslautende Ratschläge aus der CDU, entschuldigte er sich öffentlich für den Fehler. Dahl, so hört man, hatte keinen unwesentlichen Anteil daran.

Oettinger über Dahl: „Ich habe ihm viel zu verdanken“

Als Kanzlerin Angela Merkel Oettinger 2010 als EU-Kommissar empfahl, folgte Dahl ihm ausnahmsweise nicht. Das Amt bei der Landesstiftung erschien ihm reizvoller und beständiger, als ein Job in Brüssel. Der Freundschaft hat das nicht geschadet. Oettinger äußert große Wertschätzung für Dahl. Er sei in der Zeit von 1991 bis 2010 sein engster Mitarbeiter gewesen, sagt er: „Seinen Rat, seine Loyalität und seine Treue habe ich immer sehr geschätzt. Ich habe ihm viel zu verdanken.“Auch als Geschäftsführer der Baden-Württemberg-Stiftung habe Dahl sehr gute Arbeit geleistet.

Ein homo politicus und politischer Netzwerker ist der gelernte Journalist all die Jahre hindurch geblieben, auch wenn er selbst kein Wahlamt innehatte. Und nach wie vor ist Dahl ein Kenner der landespolitischen Materie und der handelnden Personen, von denen ihn längst nicht alle überzeugen. Er vermisst Vorbilder, an denen sich junge Menschen orientieren können. Mit glatten Polit-Karrieristen kann er nichts anfangen. Es komme darauf an, „Engagement vorzuleben“.

Politisch und privat ein Gespann: Christoph Dahl mit Susanne Eisenmann, seiner Frau, 2019 beim Landespresseball. Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Dahl denkt an „kantige Politiker-Typen, die den Mut hatten, ihre Meinung zu sagen“. Zum Beispiel Willy Brandt, Helmut Kohl („jenseits seiner Fehlgriffe“), Helmut Schmidt, der die Nato-Nachrüstung durchsetzte, Kurt Biedenkopf, der „großartige“ Norbert Blüm. Und natürlich Lothar Späth. Auch Oettinger – und seine eigene Frau, Susanne Eisenmann, die frühere Kultusministerin, mit der Dahl seit 2011 verheiratet ist. Ihre kritische Haltung zur Coronapolitik, die zu Lasten von Kindern gegangen sei, nötigt ihm Respekt ab. Auf Unternehmerseite sind es der 96-jährige Edzard Reuter und Trumpf-Chefin Nicola Leibinger-Kammüller, die er Vorbilder nennt, weil sie den Mut hätten hinzustehen. Gerade auch in Fragen der Demokratie – ein Thema, das ihn bewegt.

Ein Mann mit vielen Hobbys

Und was kommt nach dem 30. April? Bis zum Amtsantritt von Dahls voraussichtlicher Nachfolgerin Theresia Bauer (Grüne) dürften noch etliche Wochen vergehen. Er selbst will fortsetzen, was er immer getan hat: „Freundschaften pflegen“. Die Liste seiner Hobbys und Aktivitäten ist lang: Jagd, Segeln, Oldtimer, Bücher, Wein. Und dann sind da noch die fünf erwachsenen Kinder, die er in die Ehe mit Eisenmann mitgebracht hat, und demnächst vier Enkel. Und wer weiß, vielleicht sind seine Erfahrungen ja noch irgendwo gefragt. Dahl zeigt sich offen. In jedem Fall bleibt er ein politischer Kopf.

Baden-Württemberg-Stiftung

Stiftung
Die 2000 gegründete Baden-Württemberg-Stiftung verwaltet 2,3 Milliarden Euro. Mit den jährlichen Erträgen von zuletzt rund 40 Millionen Euro fördert sie gemäß ihrem Leitbild, „wirtschaftlichen Wohlstand und gleiche Bildungschancen sowie soziale und kulturelle Teilhabe sowie Nachhaltigkeit“. Die Stiftung ist eine gGmbH mit dem Land als Alleingesellschafter. Für den Vermögensbereich ist das Finanzministerium zuständig. Im Projektbereich agiert sie selbstständig unter der Aufsicht eines 18-köpfigen Aufsichtsrats, der sich je zur Hälfe aus Mitglieder des Landesregierung und des Landtags zusammensetzt. Aufsichtsratsvorsitzender ist Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne). Geschäftsführer ist noch bis 30. April Christoph Dahl. Im Juni wird sich der Aufsichtsrat mit der Nachfolge befassen. Als Favoritin gilt die frühere Wissenschaftsministerin Theresia Bauer (Grüne). Programme
Zu den wichtigsten Programm den Stiftung zählen: Internationalisierung (BW Stipendium, Ukrainesoforthilfen, etc.), Integrationsprogramme, Forschungsprogramme unter anderem zu Klima und KI und Bildungsprogramme sowie die Themen Gesundheit von Kindern, Gesellschaft und Natur, Fachkräftegewinnung, und Demokratiebildung. jse

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