Die Erde hat kurz gebebt unter der IG Metall – jetzt ist Stillhalten Pflicht. Die kurzfristige Ansage von Bezirksleiter Roman Zitzelsberger, aus gesundheitlichen Gründen nicht ins Führungsteam einzuziehen, soll aus Sicht der Gewerkschaftsoberen keine Nachbeben auslösen. Da hinterlässt der vor genau 20 Jahren ausgetragene Machtkampf noch immer seine Spuren. Damals sind der Organisation die Mitglieder in Scharen davongelaufen – nie wieder, lautet heute das Motto.
Eine Frau an der Spitze der „Männergewerkschaft“
Der Vorsitzende Jörg Hofmann hat nun binnen drei Wochen eine Kompromisslösung präsentiert. Dass Christiane Benner seine Nachfolgerin werden soll, ist keine Überraschung mehr – obwohl es mit Abstand betrachtet einen sensationellen Anstrich hat, dass eine Frau die traditionelle „Männergewerkschaft“ durch eine gewaltige wirtschaftliche Umbruchphase führen soll. Der bisherige Hauptkassierer Jürgen Kerner wird künftig Zweiter Vorsitzender, was sich aus dem gemeinsamen Bestreben ergibt, mit Zitzelsberger ein gleichberechtigtes Spitzenteam aufzustellen.
Die Doppelspitze Benner/Zitzelsberger hatte Hofmanns Segen und ist trotzdem misslungen – die Funktionärsbasis hat das Experiment abgelehnt. Da wurde die strukturkonservative Grundhaltung der IG Metall offenbar völlig verkannt. Es ist nun mal Usus, dass die Nummer zwei auf Platz eins vorrückt, wenn der Vorsitzende weicht. Warum sollte es jetzt anders sein, wurde den Initiatoren vorgehalten. Damit wurde die Chance verspielt, Zitzelsberger als innovativen, kommunikativen und bestens vernetzten Strategen für die Zentrale zu gewinnen. Seine Erkrankung brachte dann das endgültige Aus für den neuen Frankfurter Weg.
Der Bezirk Baden-Württemberg bewahrt sich seinen Einfluss
Die größte Überraschung im geschäftsführenden Vorstand ist somit Nadine Boguslawski, derzeit Erste Bevollmächtigte in Stuttgart – sie soll auf dem Posten der Kassenwartin auch noch für die Tarifpolitik zuständig sein. Dass weder die Nummer eins noch die Nummer zwei dafür formal verantwortlich sein sollen, erstaunt zunächst. Nun könnte es so interpretiert werden, als sei die Tarifpolitik – ausgerechnet der Kernbereich also – der IG Metall nicht mehr so wichtig. Das wäre fatal. Tatsächlich werden die Verhandlungsführer in den großen Tarifrunden, die Bezirksleiter, in ihrer Selbstständigkeit gestärkt. Vor allem einer: Roman Zitzelsberger. Der Bezirk Baden-Württemberg bewahrt sich auf diese Weise seinen Einfluss.
Genugtuung in anderen Bezirken?
Ob am Ende nicht doch – wie bisher in der Person des Vorsitzenden Hofmann – eine ordnende Hand in der Tarifpolitik fehlt, ist offen. Manch einem Metaller in der Republik mag es Genugtuung bereiten, dass die Baden-Württemberger nicht mehr so prominent vertreten sind wie die Jahrzehnte zuvor. Doch wie sagt ein einflussreicher Betriebsrat: „Den Neid muss man sich erst einmal verdienen.“ Um die selbstbewussten Metaller aus dem Südwesten braucht man sich insofern wohl keine Sorgen zu machen – gleichgültig wer in Frankfurt das Sagen hat.