Wechsel beim Gewerkschaftsbund DGB-Landeschef zieht es plötzlich nach Brüssel

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Überraschender Wechsel beim Gewerkschaftsbund: Der DGB-Landesvorsitzende Nikolaus Landgraf will im Januar einen anderen Job übernehmen. Der Nachfolger dürfte von der IG Metall kommen. Er hat jede Menge Herausforderungen zu bewältigen.

Nikolaus Landgraf verlässt den Gewerkschaftsbund im Südwesten. Foto: Peter Petsch
Nikolaus Landgraf verlässt den Gewerkschaftsbund im Südwesten. Foto: Peter Petsch

Stuttgart - Es sind dürre Zeilen, die einen überraschenden Wechsel an der Spitze des Gewerkschaftsbundes in Baden-Württemberg beschreiben. Demnach will der DGB-Landesvorsitzende Nikolaus Landgraf zum 31. Januar 2017 nach Brüssel wechseln. Dort übernimmt er eine neue Funktion. Konkret benannt wird sie nicht – womöglich weil noch nicht alle Details fixiert sind. Nach sieben Jahren als DGB-Landeschef „orientiere ich mich beruflich neu“, gab Landgraf bekannt. Da er im Januar 50 Jahre alt werde, sei dies ein guter Zeitpunkt für einen beruflichen Neustart.

Der gebürtige Neu-Ulmer war, als Regionalleiter der IG Bauen-Agrar-Umwelt (IG BAU) von einer kleinen Gewerkschaft kommend, im Januar 2010 erstmals zum Landesvorsitzenden gewählt worden. Im Januar 2014 wurde er von 95 Prozent der Delegierten bestätigt. Seine reguläre Amtszeit endet erst im Januar 2018. Nun soll eine Findungskommission unter Leitung des NGG-Landesbezirkschefs Uwe Hildebrandt einen Nachfolger ausfindig machen. Formal betrachtet, muss er dem DGB-Bundesvorstand einen Vorschlag machen, der wiederum einer außerordentlichen Bezirkskonferenz seine Präferenz kundtut. Die Wahl wäre dann im Januar fällig.

Die IG Metall bringt ihr Gewicht ein

Die IG Metall ist von der Mitgliederzahl her sowie mit ihrem politischem Gewicht die Nummer eins im DGB Baden-Württemberg – an ihr geht die Spitzenpersonalie nicht vorbei. Nach Informationen dieser Zeitung ist der Pforzheimer Bevollmächtigte Martin Kunzmann dafür vorgesehen. Dieser ist seit gut 31 Jahren für die IG Metall in Pforzheim tätig und war als Geschäftsführer erst im Juni im Alter von 59 Jahren bis 2020 wiedergewählt worden – wenn auch mit der Perspektive, danach für eine Nachfolgerin Platz zu machen.

Die Stellvertreterin Landgrafs, Gabriele Frenzer-Wolf, ist Verdi-Mitglied. Auch daher soll ein IG-Metaller zum Zuge kommen. Dass sechs von acht Landesleitungen der Einzelorganisationen sowie weiterhin der DGB von Männern besetzt werden, könnte noch für Unmut bei den Frauen sorgen. Lediglich Chemie- und Bildungsgewerkschaft haben eine weibliche Führung.

IG-Metall-Bezirksleiter Roman Zitzelsberger lobte Landgraf in einer Mitteilung: „In den sieben Jahren an der Spitze des Dachverbands hat er einen starken Schwerpunkt auf die Unterstützung der kleineren Gewerkschaften gelegt und damit die Bedeutung des DGB im Südwesten gestärkt.“ Die Entscheidung, nach Brüssel zu wechseln, respektiere er. Die IG Metall wolle einen Beitrag dazu leisten, dass zeitnah Personalvorschläge erarbeitet werden.

Neue Strategien erforderlich

Die Äußerung Zitzelsbergers könnte so verstanden werden, dass sich die IG Metall von einem ihrer Funktionäre an der Stelle mehr Schwung für ihre Belange erhofft – intern und gegenüber der Landespolitik. In jedem Fall hat Landgraf ein umfassendes und schwer zu handhabendes Amt. Neben diversen sozialpolitischen Funktionen wie dem alternierenden Vorsitz bei der Rentenversicherung Baden-Württemberg und Bund muss er die Interessen im DGB bündeln sowie große gegen kleine Schwestern austarieren. Zumal in bewegten Zeiten: Unterschiedlich erfolgreich stemmen sich die Organisationen gegen Verluste. Insgesamt vereint der DGB im Südwesten 817 000 Mitglieder (Stand Ende 2015).

Politisch sieht er sich einer mächtigen grün-schwarzen Regierung gegenüber, während die SPD in der Opposition gelandet ist. Beunruhigen muss auch, dass die ausgerechnet Gewerkschaftsmitglieder im März überproportional die Rechtspopulisten gewählt haben: 15,7 Prozent (gesamt 15,1) machten ihr Kreuz bei der AfD. Einen „Albtraum“ nannte SPD-Mitglied Landgraf den Wahlausgang. Verdi-Landeschef Martin Gross lobt nun, er habe stets „klare Kante gezeigt gegen den Rechtspopulismus“. Dennoch ist eine neue Strategie vonnöten. Hinzu kommen die rasanten Veränderungen der Arbeitswelt mit Industrie 4.0 und flexiblen Arbeitsmodellen. Der Nachfolger braucht somit jede Menge frischer Energie.

http://www.stuttgarter-nachrichten.de/inhalt.ludwigsburg-landgraf-bleibt-dgb- landeschef.36f19cdb-4c65-46b6-9cae-3e7a7c29707d.html